Musikjournalisten sind nicht schwer zu begeistern. Man muss sie eigentlich nur mitmachen lassen. Die Heiterkeit haben es versucht, und die Rechnung ist aufgegangen: Seit Monaten reden Journalisten, Labelbetreiber und andere Popschaffende in Berliner und Hamburger Kneipen davon, was für ein großer Wurf der Band um Stella Sommer mit ihrer kommenden Platte gelungen sei. Sie erzählen von bergbachklaren Gitarrenpopsongs, großer Andacht und Weltformeltexten, die alles Leben mit Sinn erfüllen. Vor allem erzählen sie aber von einem Männerchor, der auf dem Album mitsingt – einem Männerchor, zu dem sie rein zufällig selbst gehören.

Inzwischen bestätigen jedoch auch weniger befangene Quellen: Die dritte Platte von Die Heiterkeit heißt Pop & Tod I+II und ist tatsächlich ein großer Wurf. 20 Songs in 66 Minuten, ein Doppelalbum, ein Konzeptalbum, das schwerste Baby des Frühsommers. Nie zuvor gab es so viel Musik auf einmal von der Band, die bisher in dem Ruf stand, das Musizieren nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Heiterkeit sangen kein Wort zu viel, schlugen keine Saite grundlos an, spielten nur die nötigsten Konzerte. In der Bocklosigkeit fanden sie ihre Kunstform.

Band ohne Namen

Was ist nun anders? Zunächst einmal gar nichts. Wenn auf Pop & Tod I+II Musikjournalisten mitsingen und anschließend das definitive Statement der Heiterkeit ankündigen, passt das zu einer erprobten Strategie der Gruppe, möglichst viel Arbeit von anderen erledigen zu lassen. Ihren Lauf nahmen die Heiterkeit in einer Hamburger Kneipe, sie waren schon eine Band, als sie noch gar keinen Namen hatten, geschweige denn Musik. Als sich der erste Studiobesuch nicht länger aufschieben ließ, entstand im Jahr 2010 eine EP, die andere Künstler als Bewerbungsdemo genutzt hätten. Die Heiterkeit verzichteten auf den Versand und erklärten einem neugierigen Label, es gebe die Platte ja zu kaufen.

Produktive Arbeitsverweigerung ist natürlich eine weit verbreitete Vorgehensweise im Pop. Yoko Ono und John Lennon blieben aus Protest gegen Kriegstreiberei eine Woche lang im Bett, Brian Eno experimentierte mit kreativem Nichtstun, Punkbands üben noch heute lieber zu wenig als zu viel. Man sieht einfach besser aus, wenn man sich keine übertriebene Mühe gibt. Die scheinbar mangelhafte Einstellung der Heiterkeit ist ein Destillat aus solchen Vorbildern. Affektiert wirkt sie schon, antrainiert aber nicht. Das Gelangweilte und Mürrische liegen der Band einfach. 

Teilnahmslosigkeit und Tempoverschleppung

Auf Herz aus Gold und Monterey, den ersten beiden Alben der Heiterkeit, sang Stella Sommer Trennungslieder zu entschrammeltem Tocotronic-Frühphasen-Pop, jedoch ohne Liebeskummer und Opfergehabe. Das ganze männlich besetzte Herzausschüttungsgedöns war Sommer zu anstrengend. Sie plädierte für Gleichmut und Nachschenken, operierte mit Nico-Gedächtnisstimme unterhalb aller erkennbaren Gefühlsregungen und übertrug klassische Popsongzeilen ins Deutsche, wenn sie nicht mehr weiter wusste. Oder wollte.

Herz aus Gold erregte mit dieser Masche einiges Aufsehen, Monterey fiel jedoch durchs Raster. Vielleicht, weil die Heiterkeit darauf zu weit gingen mit ihren Antihymnen auf Teilnahmslosigkeit und Tempoverschleppung. Vielleicht auch, weil der schon damals angedachte Männerchor nicht realisiert wurde, angeblich aus Faulheit. Auf Pop & Tod I+II brummen die Männer nun, in immerhin zwei von 20 Stücken. Auch die restlichen 18 zeigen, dass eben doch etwas anders ist mit dieser Platte, dass sie eine neue Art der Heiterkeit präsentiert. Zum ersten Mal scheint die Band nicht allein für sich selbst zu singen.

Wider die Heimeligkeit

Das geschieht zu einer Zeit, in der deutsche Popmusik die Heizung aufdreht. Eine Reihe junger Bands pflegte zuletzt die heimelige Einrichtung in lauwarmer Lebensrealität – die hinreichend behandelten AnnenMayKantereit sind lediglich das erfolgreichste Beispiel. Die Heiterkeit drehen nun gleich mit dem ersten Refrain ihrer neuen Platte den Spieß um. "Hier kommt die Kälte", singt Stella Sommer darin, begleitet vom entkräfteten Chorgesang ihrer Mitmusikerinnen Sonja Deffner und Rabea Erradi. Sie kommt wie gerufen.

Chöre und Kälte spielen auch im weiteren Verlauf von Pop & Tod I+II Schlüsselrollen. Die Heiterkeit grenzen sich damit von musikalischer Kernigkeit ab, aber auch von den Verbrüderungsangeboten, die viele ihrer Zeitgenossen und Weggefährten machen. Zwischen Gitarrentrott und Kunstliedklavier klingt die Band stattdessen zerbrechlich und uneindeutig. Sie bleibt angenehm schwach auf der Brust und entwickelt, aller Materialfülle zum Trotz, keine Meisterwerksambitionen. Erradi stieg nach den Aufnahmen des neuen Albums aus, Sommer ist nun letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Heiterkeit. Gemeinsam mit ihrer Musik verharrt die Band in der Schwebe.

Schlechte Vibes im Universum

Trotzdem gibt es auf Pop & Tod I+II keine Verschanzung auf 40 Quadratmetern Privatsphäre, keine bemühte Aufwertung des Gewöhnlichen und Bedeutungslosen. Vielmehr singen die Heiterkeit über die bedeutsamsten Dinge der Welt, einen Themenkomplex aus Liebe, Langeweile und Lebensmüdigkeit, den sie selbst mit dem Songtitel Schlechte Vibes im Universum zusammenfassen. Die Band wird grundsätzlich, hält jedoch am bewährten Tonfall einer desinteressiert geführten Thekenunterhaltung fest. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Heiterkeit: Sie ziehen die schlechten Vibes auf ihr eigenes Level herunter. Ein Level, mit dem man arbeiten kann. Aber nicht muss.

 "Pop & Tod I+II" von die Heiterkeit erscheint am 03.06. bei Buback / Indigo.

Im Zwiespalt


The End