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Drake: "Views" (Republic/Universal)

Natürlich ist ein HBO-Special voller Baseballschläger und Katharsis nicht die schlechteste Art, neue Songs zu verbreiten, aber im Prinzip reicht dazu auch ein einziges internettaugliches Bild. Visuelle Alben eben, die Musik in jedem Fall nachrangig, aber naheliegend. Beyoncé wütet episch in den Südstaaten; Drake sitzt auf einem Turm und denkt über sein Leben nach. Per Onlinegenerator kann man ihn dort herunterpflücken und auf die eigene Schulter, in Fernsehserienszenen oder auf fremde Albumcover verpflanzen, was aber nichts an der melancholischen Grundhaltung ändert.

Views vertont das Selbstmitleid aller, die sich von Lemonade mal kurz zu Statisten degradiert fühlen mussten. "Why do I want an independent woman to feel like she needs me?", raunt Drake beispielsweise in Redemption und zieht damit den Fokus endlich wieder auf den armen Jungen mit der Autotune-Stimme und den väterlichen dance moves. Neun Monate ist es her, dass er damit über sein Video zu Hotline Bling das letzte Meme schuf. Und weil seitdem immer größere Teile der Popwelt zu Inhalten und Aggressionen übergewandert sind, bleibt genug Stoff für ein viertes Album voller extraweichem R'n'B. Weh tut auf Views nur die ständige Weinerlichkeit, die das Cover so tragisch visualisiert. Wenn sich Drake und Rihanna in Too Good viereinhalb Minuten lang streiten, wer jetzt zu gut zu wem war, wäre schon wieder Zeit für den Baseballschläger.

 


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White Lung: "Paradise" (Domino/Rough Trade)

White Lung spielen die Sorte rockigen Indiepunk, aus der sich keine Memes generieren lassen. Dass sie trotzdem ein bisschen mitspielen dürfen im Internet, liegt an den Leuten, die sie kennen. Annie Clark von St. Vincent stellt im Auftragsinterview zum neuen Album Paradise zwar eher langweilige Fragen, positioniert sich aber immerhin gemeinsam mit der Band pro Moskitogitarren und contra "Analognazis" – ihr Wort. Im Video zum Song Hungry, den Clark natürlich beautiful findet, spielt Amber Tamblyn das Wannabe-Starlet, für das sie schon zu Zeiten von The Sisterhood Of The Travelling Pants zu cool war.

Mit dem Zuckergeschrammel, das entsprechende Nostalgiker gern vom popkulturellen Altar blasen, hat Paradise vor allem die Politik gemein. Erst mal alles hinterfragen, dann gegen vieles sein, das bei aller Geschwindigkeit, aber mit Prollgitarre und altmodisch breiten Beinen. Auf denen stehen White Lung gerade einigermaßen allein da, aber da könnte man auch noch mal über Ursache und Wirkung diskutieren.


 

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Julianna Barwick: "Will" (Dead Oceans/Cargo)

Julianna Barwick braucht andere Menschen nicht so dringend, was einerseits die völlig falsche Haltung fürs Internet ist und andererseits die seiner Chefs. Für ihr neues Album Will hat die New Yorkerin sich an einsame Orte begeben, ein verwildertes Haus im Bundesstaat New York, die Moog-Fabrik in North Carolina oder Lissabon, um dort mit ihren Ängsten zu spielen.

Die singt sie wortlos durch verschiedene Effekte und dreht dann am Laptop Schleifen draus. Ab und zu lässt sie sich vom Cello unterstreichen oder ein Klavier läuft ein paar Schritte mit; die allermeiste Zeit tuten nur die Synthesizer hinter ihr. Kirchlich klingt das, wie alle guten Alben über Angst, und wie bei allen besten wartet die Gemeinde schon. Man muss nicht mal erschöpft sein, um sich zwischen all den Polterern für die geisterhafte Ruhe zu entscheiden, mit der Barwick ihre Schatten wirft. Es reicht schon, sich selbst ein wenig gespenstisch zu fühlen.

 


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Homeboy Sandman: "Kindness For Weakness" (Stones Throw/Groove Attack)

"If it ain't funny, I don't laugh", erklärt Homeboy Sandman auf Kindness For Weakness, aber lustig findet er immer noch viel. Die Massen haben ihn in seiner Nische zwischen den Prolls und den Politrappern nicht entdeckt, was vielleicht auch daran liegt, dass er soziale Medien für weniger wichtig hält als beispielsweise die Huffington Post, für die er mal schreiben durfte und die deshalb in Talking (Bleep) einen Seitenhieb abbekommt: "The other day I got a call from the people at HuffPo/ That made me think they dumb slow/ They wanted to know/ What I thought about some rap beef/ Between and a dude that's mediocre and a dude that's okay/ I was like oh, you don't say?"

Homeboy Sandman steht nicht über den Dingen, sondern amüsiert daneben. Seine Zeilen über die Beklopptheit der Welt reimen sich am Ende meist einigermaßen originell, auch wenn sie zwischendurch manchmal merkwürdig stolpern. Eine Zeitung würde so etwas am ehesten auf die Kolumnenseite der Wochenendbeilage drucken, wo sich ältere Herren ein bisschen klug fühlen, aber dafür ist Kindness For Weakness als Album dann doch zu gut. Die Beats hüpfen über die Bürgersteige von Queens, die Hooks sitzen. Und auch wenn er sich über das Instagram-Marketing seiner Kollegen lustig macht, scheint Homeboy Sandman nicht alle modernen Kommunikationsmittel zu hassen. Während sich seine Altersgenossen gerade erst eine ganze re:publica lang Snapchat haben erklären lassen, hat er sich dessen Regenbogenkotze längst aufs Cover gepackt.