Zu den dümmsten Grundsätzen der Welt gehört die Behauptung, es gäbe keine dummen Fragen. "Ist das Kunst oder kann das weg?" zum Beispiel – das ist eine dumme Frage. Gerade im Pop, wo die größte Kunst oft jene ist, die gleich wieder weg kann. Ganze Glaubensgemeinden verschreiben sich einem Entstehungsmythos, der eigentlich gar keine Entstehungsmythen zulassen will, indem sie sagen: Allein auf den Moment kommt es an. Alles Weitere ist Verfälschung und Verwässerung.

Und dann gibt es noch Radiohead. Die Jugendfreunde aus der Grafschaft Oxfordshire – seit 25 Jahren aktiv, die vergangenen 20 davon geliebt und verachtet als widerborstigste Stadionband der Welt – sind nicht dafür bekannt, dass die Musik nur so aus ihnen herausplatzt. Von Aufnahmesession zu Aufnahmesession schleppen sie ihre unvollendeten Stücke, immer auf der Suche nach Anknüpfungspunkten zwischen altem Material und aktueller Stimmungslage. 2011 erschien ihr bisher letztes Album The King Of Limbs. Es war das erste von Radiohead, auf dem sich die Ursprünge keines Songs bis in die neunziger Jahre zurückverfolgen ließen.

Mit ihrem neunten Album A Moon Shaped Pool, das sie am vergangenen Sonntag veröffentlicht haben, werden Radiohead wieder rückfällig. Sogar einen neuen Bandrekord gibt es: 21 Jahre nach dem Livedebüt von True Love Waits wartet am Ende der Platte eine Studioversion des Songs, die aus wenig mehr besteht als ein paar flüchtigen Klaviertupfern und der etwas wackligen Kopfstimme des Sängers Thom Yorke. Einen Großteil der restlichen zehn Stücke kennen gut informierte Fans ebenfalls aus Konzert- und Soundcheckmitschnitten – oder wenigstens als Betreffzeile einer Forumsdiskussion.

Das neue Album bezieht Stellung zu alten Fragen

Radiohead polarisieren wie kaum eine andere Band, und das liegt auch an dieser Arbeitsweise. Sind das nicht Wohlstandskünstler, die sich gemütlich eingerichtet haben in ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit und einem eigenen Studio, das zum ewigen Weiterschrauben animiert? Steckt da noch Dringlichkeit drin, oder dient das nur mehr dem Kult der zaudernden Genies, den Radiohead um sich selbst veranstalten? Manche Beobachter halten die Kurswechsel-Platte Kid A, auf der sich die Band der elektronischen Musik annäherte, für das Ende der neunziger Jahre. Andere sagen: Die neunziger Jahre sind für Radiohead nie zu Ende gegangen.

A Moon Shaped Pool bezieht schon durch sein Tracklisting Stellung zu diesen Fragen. Das Album spult die überwiegend alten Songs in alphabetischer Reihenfolge ab, als gelte es, die Last der eigenen Archive zu überwinden. Radiohead weisen damit in beinahe alle Richtungen, die sie im Verlauf ihrer Karriere gemeinsam oder als Nebenprojekt eingeschlagen haben: zu Krautrock, Folkpicking und Jazzklavier, elektronischer Tanz- und Nichttanzmusik, zu den alles übermannenden Heulbojenballaden ihrer frühen Jahre und dem Streicherminimalismus, mit dem der einstige Gitarrengott Jonny Greenwood inzwischen auch die britische Hochkultur bespaßt.

Am Schlusspunkt der Selbstauflösung

Damit einher geht ein symbolischer Akt der Vergangenheitsbewältigung, den Radiohead als Teil einer kurzen, aggressiven Marketingkampagne zu Beginn des Monats vollzogen haben. Schritt für Schritt löschten sie alle Inhalte ihrer Website und Social-Media-Präsenzen. Weite Teile der Musikpresse berichteten livetickernd, dass es immer weniger zu berichten gebe. Schließlich erschien eine Reihe von Teaservideos, die auf A Moon Shaped Pool hindeuteten, sich nun aber als Finte erweisen. Das Album ist nicht der Neuanfang nach dieser Selbstauflösung. Es markiert ihren Schlusspunkt.

Sogar die Masterbänder ihrer letzten sechs Platten haben Radiohead zerschnitten: Sie liegen in Schnipselform der limitierten Edelfan-Edition von A Moon Shaped Pool bei, erhältlich nur über die inzwischen wieder funktionstüchtige Website der Band. Den alten Kram braucht kein Mensch mehr, scheinen Radiohead damit sagen zu wollen. Es gibt ja nun dieses neue Album, auf dem sich alles Wichtige in verdichteter Form wiederfindet.