"Könnten Sie bitte aufhören, mich zu filmen? Ich stehe wirklich leibhaftig hier", sprach Adele vor ein paar Wochen während eines Konzerts in Verona zwischen zwei Songs ins Mikrofon, an eine Frau im Publikum gewandt. "Das ist nämlich keine DVD, das ist ein richtiges Konzert. Ich wünsche mir, dass Sie meine Show genießen, denn draußen stehen eine Menge Leute, die das auch gerne würden, aber keine Karte mehr bekommen haben."

Wie die Angesprochene reagiert hat, ist nicht überliefert. Doch eigentlich hätte die Frau ja genau mit dem Argument weiterfilmen können, das Adele ihr gegenüber benutzt hat: Gerade weil Konzerte häufig ausverkauft sind und eine Menge Leute eben draußen bleiben müssen, fotografieren und filmen die Reingekommenen das Geschehen auf der Bühne und posten es gleich hinaus in die sozialmediale Welt.

Oder etwa nicht? Tun die, tun wir das vielleicht zumindest auch für die Likes auf Facebook und Instagram? Um damit denen da draußen an den Smartphones unter anderem zu sagen: "Ätsch, ich bin drinnen und ihr nicht, und es ist sooo super!"

Früher nannte man das Bootleg

Aber ist es das wirklich, wenn ein Großteil der Konzertbesucher heute mehr damit beschäftigt zu sein scheint, den Augenblick mit dem Handy zu dokumentieren, als tatsächlich den Augenblick zu erleben, in dem Moment, da er geschieht? Brechen sie nicht selbst das Versprechen, dass ein Live-Erlebnis etwas Unmittelbares, also nicht medial Vermitteltes ist, wenn sie eine Situation schaffen, in der sie selbst und alle Umstehenden erkennen müssen, dass sie Teil eines Medienereignisses sind? Und sind wegen des ganzen Gefilmes und Gepostes nicht nur die Musiker auf der Bühne längst genervt, sondern eben auch diejenigen Leute im Publikum, die denen da oben einfach nur zuhören wollen? Ja, kann man denn heutzutage nicht mal in Ruhe Axl Rose beim Durchquengeln eines Konzerts von Guns N' Roses zusehen, ohne dass einem Hunderte emporgereckter Handys den Blick auf das ganze verdammte Desaster versperren?

Das fragten sich wohl auch Guns N' Roses selbst und erklärten im April ihr Reunion-Konzert im ehrwürdigen Musiksaal Troubadour in West Hollywood zur telefonfreien Veranstaltung. Wobei: Vermutlich sollte doch eher verhindert werden, dass in Ton und Bild dokumentiert und gleich in die Welt hinausposaunt werden konnte, wie es um den Frontmann bestellt ist, nicht nur stimmlich. Relativ schlecht nämlich.

Aus den besseren Zeiten der Band gibt es freilich auch Konzertmitschnitte, beispielsweise von 1986 aus dem Troubadour, heimlich mit dem Kassettenrekorder unter der Jacke aufgenommen. Solche Bootlegs, die früher zunächst auf Vinyl oder Kassette, später auch auf CD an den offiziellen Vertriebswegen der Plattenfirmen vorbei verkauft wurden, waren selbstverständlich illegal. Heute ist die Aufnahme aus dem Jahr 1986 als Audio-Stream selbstverständlich auf YouTube zu finden, neben unzähligen Handyfilmchen aktuellerer Auftritte von Guns N' Roses. Das Netz ist viel zu groß, um alles Unerlaubte wieder einzufangen. Und wir empfinden es ja auch gar nicht so, als täten wir etwas Verbotenes beim Veröffentlichen oder Anschauen ungenehmigter Fotos oder Videos, die halbwegs bekannte Menschen zeigen, bei welchen Verrichtungen auch immer. Diese Leute haben das Recht an ihrem eigenen Bild scheinbar verwirkt. Also halten wir, die ansonsten unsichtbare Masse, voll drauf.

Erfindung aus dem Silicon Valley

Und immerhin, denken wir, bedeutet zum Beispiel das Mitfilmen eines Konzerts ja keinen Eingriff in die Privatsphäre von Musikern. Die machen das da oben auf der Bühne beruflich, also sollen sie sich nicht so anstellen.

Tun sie nun aber doch, und wie zuvor Guns N' Roses lässt nun Alicia Keys auf ihrer aktuellen Tour die Smartphones von Konzertbesuchern am Eingang gleichsam versiegeln: Sie werden den Leuten zwar nicht abgenommen, aber in verschließbare Handytäschchen gepackt, die man nur an speziellen Unlock-Stationen außerhalb des Saals wieder öffnen kann. Wenn jemand doch mal telefonieren muss, kann er oder sie vor die Tür gehen und sich vom Personal das Täschchen aufmachen lassen; das verschließt es dann aber gleich nach Gebrauch wieder.

Das neue System stammt von einem Silicon-Valley-Start-Up namens Yondr und wurde in den vergangenen Monaten zunächst bei Comedy-Shows in den USA erprobt, etwa bei Auftritten von Dave Chapelle und Louis C.K., die damit verhindern wollten, dass ihr neues Witzematerial sich über Handyvideos im Internet verbreitet. Mitschnitte von Auftritten kann man außerdem als Komiker ja auch selbst digital vertreiben, Louis C.K. etwa tut das über seine eigene Website und dürfte damit viel Geld verdienen.

Für Musiker wie Alicia Keys hingegen dürfte der finanzielle Anreiz der Handysperre nicht ganz so groß sein. Außer sie hoffen, damit ein Revival einer in den vergangenen Jahren etwas verschwundenen Albengattung auszulösen, die des Livealbums. Doch der parallel geschehene Aufschwung der Konzertbranche zeigte ja gerade, dass die Menschen eben fürs Erlebnis Liveshow gern bezahlen wollten, an dessen konservierter Form Livealbum aber kaum noch Interesse hatten. So sind auch alle Versuche gescheitert, den Leuten hastig zusammengebastelte Mitschnitte entweder schon beim Verlassen des Konzerts am Merchandise-Stand zu verkaufen oder sie ihnen gegen Geld hinterher nachzuschicken.

Die Bilder sind allzu schnell vergessen

Umso widersinniger ist es da eigentlich, dass wir uns selbst das Erlebnis Konzert versauen, indem wir es durch permanentes Mitfilmen geradewegs verpassen: Körperlich sind wir anwesend, geistig aber schon auf Facebook. Über dessen Livevideo-Funktion könnte neuerdings jeder Smartphone-Besitzer sogar ganze Konzerte lückenlos nach draußen in die Social-Media-Welt senden. Dass dies noch nicht geschieht, kann nicht an unserem Unwillen liegen. Sondern eher daran, dass Facebook den Livevideo-Button ganz gut versteckt hat auf seiner Mobilseite, womöglich aus Furcht davor, dass die allgemeine Abfilmwut der Menschen Facebooks Serverkapazitäten an ihre Grenzen bringen könnte.

Ebenso widersinnig ist, dass sich hinterher, nachdem sie das Konzerterlebnis wegen der zeitgleichen Dokumentiererei und Posterei verpasst haben, die Fotos und Videos doch nicht mal diejenigen ein zweites Mal anschauen, die sie gemacht haben. Wer benutzt sein Handy denn schon als Ereignisarchiv? Sozialmedial rutschen die Bilder dann bald schon in unseren eigenen Timelines hinunter, werden von neueren Updates verdrängt; und was nicht binnen weniger Stunden geliked wird, findet im nie versiegenden Strom der Postings anderer gar keinen Applaus mehr, so es nicht ohnehin schon vom Facebook-Algorithmus heraussortiert wurde als etwas, das man den Freunden gar nicht erst zu zeigen braucht.

Die Bilder sind sozialmedial vergessen, lang bevor in unseren Köpfen die Erinnerung an das Ereignis verblasst, das sie zeigen. Gemacht wurden sie, davon muss man leider ausgehen, in erster Linie wirklich nur deshalb, um unser Leben für andere (oder gar uns selbst) aufregend darzustellen und unseren sozialmedialen Status zu erhöhen. Ein Popkonzert taugt zur eigenen Außendarstellung hervorragend und ist trotz stolzer Ticketpreise immer noch erheblich billiger als ein Urlaub, der lückenlos auf oder gar nur noch für Instagram inszeniert wird. Weil das Konzert als intensives Erlebnis gilt, als sogenannte Erfahrung; weil es uns bekannten oder gar berühmten Musikern naherückt, wenn auch nur symbolisch und als Zuschauer in Reihe 29 mit einem schalen Bier in der einen Hand und dem Smartphone in der anderen; und weil es aufgrund der begrenzten Ticketkapazitäten stets mehr oder weniger exklusiv erscheint – drinnen (ich) und draußen (du) sind klar verteilt. Wer möchte schon draußen vor der Tür stehen?

Was bleibt dann noch vom Konzert?

Außerdem passiert ja tatsächlich was in den Handyfilmchen von Konzerten, auf der Tonspur wie im Bild. So viel los ist, wenn man ehrlich ist, selten im Leben, als dass man es in einem Video festhalten könnte oder auch nur wollte. Da bewegt sich endlich was! Da ist Musike drin! Auf einmal sieht dank neuer Handytechnik alles gut aus und klingt ebenso. Viel besser, als es eigentlich ist. Viel individueller, unverwechselbar.

Am nächsten Abend aber schon singt dann Alicia Keys in einer anderen Stadt vor anderen Leute dieselben Lieder. Doch zum Glück sind wir mit diesen Leuten nicht auf Facebook befreundet, so bleibt die Wahrheit unbelichtet: Dass ein Konzert zwar für uns ein unwiederbringliches Erlebnis ist, aber tagtäglich von Musikern exakt in gleicher Weise wiederaufgeführt wird.

Die Frage ist nun einzig: Wenn uns die Musiker die Handys und damit die Möglichkeit zur Selbstdarstellung wegnehmen, was bleibt uns dann  noch von einem Konzert?

Die Antwort ist schockierend: die Musik. Die Bühnenshow. Die Performance. Das Tanzen. Es bleibt, mit anderen Worten, allein das, wofür wir Eintritt bezahlt haben. Den sozialen Mehrwert, den wir heute auf Facebook und Instagram aus Konzerten ziehen, indem wir unsere Anwesenheit dort markieren, müssten wir uns wieder da holen, wo wir ihn früher herbekamen: Wir müssen unseren Freunden davon erzählen. Mündlich und jedem einzeln. Das wird anstrengend.