Der Konflikt zwischen der Musikindustrie und Googles Videoplattform YouTube spitzt sich zu. Mehr als tausend Musiker aus 28 Ländern – darunter Stars wie Coldplay, Abba, Lady Gaga und Ed Sheeran – haben sich bei der EU-Kommission beschwert, dass Dienste wie YouTube mit ihren Gratis-Angeboten auf unfaire Weise Musik entwerteten.

Sie forderten in einem Brief den Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker auf, "Maßnahmen zu ergreifen, die faire Spielregeln für Künstler und Rechteinhaber sicherstellen. Denn wenn Ihnen das gelingt, stellen Sie zugleich die Zukunft der Musik für kommende Generationen sicher." Aus Deutschland sind unter anderem Udo Lindenberg, Modeselektor, Clueso, Max Herre, Helene Fischer, Marius Müller-Westernhagen, Anne-Sophie Mutter, Kraftwerk, Marteria, Peter Maffay und Roland Kaiser dabei.

Die drei verbliebenen großen Musikkonzerne, Universal Music, Sony Music und Warner Music, sind gerade in Verhandlungen mit YouTube über einen neuen Lizenzvertrag. Außerdem stehen Diskussionen über eine Reform des Urheberrechts auf europäischer Ebene an. Seit dem Frühjahr versuchen daher die Interessenverbände der Musikindustrie und der Kreativen, mit ähnlichen Aktionen ein Bewusstsein für die Rolle der Künstler zu schaffen.

Die Musikschaffenden kritisieren in ihrem Brief speziell die seit den neunziger Jahren geltende Regelung, nach der Online-Plattformen urheberrechtlich geschütztes Material, das von Nutzern hochgeladen wurde, erst nach Hinweisen der Rechteinhaber entfernen müssen. Sie sprechen von einer "Wertschöpfungslücke", die all jene gefährde, die Musik machen, in deren Entstehen investieren oder die Rechte daran halten. "Diese Situation schadet nicht nur den heutigen Künstlern und Songschreibern. Sie bedroht zugleich die nächste Generation der Kreativschaffenden in ihrer ganzen Vielfalt", schreiben sie in dem Appell. Vor einigen Tagen ging ein ähnlicher Brief, unterzeichnet unter anderem von Taylor Swift und U2, auch an den US-Kongress.

Dank Streaming wuchsen die Einnahmen wieder

Die Musikindustrie hat nach Jahren sinkender Umsätze eine neue Geldquelle im Streaming entdeckt. Dabei setzt sie vor allem auf Abo-Modelle, bei denen für eine monatliche Gebühr von meist rund zehn Euro viele Millionen Songs uneingeschränkt genutzt werden können. Zuletzt wuchsen die Erlöse im Musikgeschäft dank Streaming erstmals wieder.

YouTube hat mehr als eine Milliarde Nutzer. Beim Streaming-Marktführer Spotify sind es rund 100 Millionen – von denen sich mehr als zwei Drittel mit der werbefinanzierten Gratis-Version begnügen. Die Nummer zwei im Streaming-Geschäft, Apple Music, kommt ein Jahr nach dem Start auf rund 15 Millionen zahlende Abo-Kunden.

Die Musikbranche kritisiert YouTube schon seit einiger Zeit, denn dort sind viele Songs noch immer gratis zu finden. Der Streit wird dadurch komplizierter, dass auch Musikfirmen selbst Videoclips bei YouTube einstellen, um Werbung für Neuerscheinungen zu machen und an den Werbeeinnahmen mitzuverdienen. Der Industrie ist aber die von den Nutzern selbst hochgeladene Musik ein Dorn im Auge. Sie kritisiert unter anderem, dass jede solche Kopie einzeln gemeldet werden müsse, um entfernt zu werden.

YouTube verweist darauf, dass mehr als drei Milliarden Dollar an Werbeerlösen an die Musikbranche geflossen seien und das Unternehmen ein System entwickelt habe, das Songs über eine Art "digitalen Fingerabdruck" mit einer Genauigkeit von fast 100 Prozent identifiziere. Damit sollen die Rechteinhaber auch an der Werbung im Umfeld der von Nutzern hochgeladenen Kopien mitverdienen. Erlöse aus solchen Uploads machten rund die Hälfte des Betrags aus, der an Rechteinhaber fließe, betonte ein YouTube-Sprecher am Donnerstag. "Digitale Dienste sind nicht der Feind."

Der globale Umsatz der Musikindustrie stieg im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent auf rund 15 Milliarden Dollar. Dabei überholte das Geschäft mit Streaming und Downloads erstmals die Einnahmen mit Tonträgern wie der CD.