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Honne – "Warm On A Cold Night" (Atlantic / Warner)

James Blake ist der Aquarellist der Herzen, aber es sind andere, die an der Verwässerung seines Sounds arbeiten. Jack Garratt etwa, der den Soul zu einer Frage der richtigen Schirmmütze erklärt hat, oder Chet Faker, ein australischer Säusel-Charmeur, dem nach der Projektnamenfindung nicht mehr viel eingefallen ist. Dass ein bisschen Verdünnung gar nicht schaden muss, zeigen indes Honne: zwei britische Bärte in Urban-Outfitters-Uniform, die Blakes ultrasensible und -ernsthafte Leidensmannmasche zur Musik der geknickten Gänseblümchenstängel umdeuten. Und das irgendwie gerogert kriegen.

Honne sind denkbar als Stargäste im immer wieder beruhigenden Frühstücksfernsehformat Volle Kanne (die Künstler wählen Avocado, schwarzen Pfeffer, zwei Scheiben Sauerteigtoast) und haben ihrem Debütalbum den dämlich-gebrauchsanweisenden Titel Warm On A Cold Night gegeben. Aber sie liefern: ein Dutzend elektropoppig gepanschter Soulsongs, die genau so originell sind, dass sie beim gleichzeitigen Querlesen von 27 Instagram-Feeds nicht stören. Es geht also um Zerstreuungsmusik, das Gegenteil dessen, was die Welt gerade braucht. Aber wir alle haben schwache Momente, und in diesen könnten sich Honne als unverzichtbar erweisen.



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The Julie Ruin – "Hit Reset" (Hardly Art / Cargo)

Ihre Lieblingslieder schreibt Kathleen Hanna immer noch selbst. Als die Sängerin und Multiinstrumentalistin aus Olympia im US-Staat Washington zu Beginn der neunziger Jahre die Riot-Grrrl-Bewegung mitbegründete, gehörte zu ihrem Programm auch die Ablehnung eines männlich geprägten Punkrock-Kanons, der Siouxsie Sioux, Poly Styrene und The Slits ebenso leidenschaftlich klein redete, wie er Joe Strummer und Johnny Rotten vergötterte. Hannas prägende Band Bikini Kill übersprang den langen Schatten dieser Ahnengalerie mit Wut und Dilettantentum. Ihrem heutigen Projekt The Julie Ruin stehen ganz andere Mittel zur Verfügung.

Hit Reset ist das zweite Album von The Julie Ruin und eine Abrechnungsplatte: mit Hannas Scheusal von einem Vater, der Bro-Kultur ihres Heimatlandes und männlichen Modefeministen. Zugleich ist es ein Versuch, die Einzelteile der Rockmusik neu zusammenzusetzen. Fun-Punk kommt auf Hit Reset ernst und ohne Skateboard daher, der Wüstenrock von I Decide bleibt federleicht und Calverton entscheidet sich nicht zwischen Klavierballade und Kinderlied. Hanna widmet das Stück zum Abschluss der Platte ihrer Mutter. Windschief, rührend und doch kampfbereit.



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Emma Russack – "In A New State" (Morr / Indigo)

Wer richtig gut Kaffee trinken will, kann mit einem 24-Stunden-Flug nach Melbourne nichts falsch machen. Emma Russack allerdings, die bereits in Melbourne lebt, bekräftigt auf ihrem dritten Album In A New State, dass sie niemals Kaffee brauche. Obwohl sie schon morgens um sechs raus muss! Was also anfangen mit dieser Songwriterin, Sängerin und Gitarristin? Kann jemand mit so einem schlechten Urteilsvermögen überhaupt gute Lieder schreiben?

So lakonisch sich Russack zur Entkoffeinierung bekennt, so berichtet sie auch über kurze Tage nach langen Beziehungen, ihren mangelnden Redebedarf mit Ex-Freunden und bahnbrechende Eingebungen bei der Arbeitsverweigerung. Stimmung und Gesangsstil erinnern an die Anfänge von Cat Power, zum Akkordwechsel quietschen stilecht die Stahlsaiten. Pausen und Tempoverschleppungen entdecken sich als Instrumente neu und im vorletzten Lied singt der traurigste Luftmatratzenchor, der jemals auf dem Pazifik gedümpelt ist.



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Trust Punks – Double Bind (Faux Discx / Wharf Cat / Spunk)

Trust Punks sind aus Neuseeland und schauen sich die Welt von unten an. Das hat weniger mit der Herkunft der jungen Band zu tun als mit ihrer Stoßrichtung: Wenn sie einen Song ihres zweiten Albums Double Bind mit dem Kampfschrei "Post-Punk!" eröffnen, ist das eine klanglich zutreffende Inhaltsangabe, aber auch ein Bekenntnis zu Aufbegehren und Außenseiterdasein. Ganz gleich, ob es um szenespezifische Auckland-Eitelkeiten geht, um australische Flüchtlingspolitik oder die Gefängnisindustrie der USA – Trust Punks verstehen sich als staatsfeindliche Anwälte der Überrumpelten und Zukurzgekommenen.

Die Musik dazu klingt, als hätten die achtziger Jahre niemals Make-up getragen. Trust Punks springen über die schnodderige Gitarrengewalt von The Fall, mit der das Jahrzehnt begann, direkt zu jener frühen Schrammelrock-Version von Nirvana, die es beendete (und noch nicht nach Stadionwurst schmeckte). Weltweit wird die Band damit vielleicht tausend geschundene Seelen erreichen, aber wen kümmert das? Im eigenen Proberaum sind Trust Punks unbesiegbar.