Das Schicksal der Stadt Hamburg wird immer sein, dass sie nicht Berlin ist. Kleiner Scherz. Aber auffällig ist es schon: Ahnma, das nach 13 Jahren Abwesenheit erste neue Lied der Rapper Denyo und Eizi Eiz sowie ihres DJs DJ Mad, ist nicht nur eine langersehnte Wortmeldung der Beginner. Durch den zugehörigen Videoclip wird es auch zu einer Rückmeldung ihrer Heimatstadt. Als hätte Hamburg noch mehr zu beweisen als seine Lieblingsband der späten neunziger Jahre.

Im Helikoptersinkflug fängt die Kamera stilbewusste Schwarzweißbilder aus St. Pauli und der Hafengegend ein. Die Beginner rappen und posieren vor diesen Kulissen wie fleischgewordene Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt. Einmal steht Uwe Seeler kurz im Weg. Zum Ende des Videos ein Klassentreffen mit Botschaft: Samy Deluxe, Afrob, D-Flame, Ferris MC und die anderen von Deichkind, insgesamt mehr als 20 gestandene Raptypen, kommen auf dem Dach des Weltkriegsbunkers Flakturm IV zusammen. Hamburg und sie: Das ist eigentlich das Gleiche.

Aber geiler Song! Der Bass dröhnt wie das Signalhorn eines Containerschiffs, das Selbstbewusstsein hätte jedoch auch für einen Flugzeugträger gereicht. Auf unterkühlte Strophen von Eizi Eiz und Denyo folgt jeweils der Strassenbanden-Rapper Gzuz mit seinem unnachahmlichen "Ahnma". Gentleman singt die Hookline: der Weltenbürger des Reggae-Refrains, Schutzengel vieler inzwischen aufgelöster Studenten-WGs und Ehrenpräsident der Hacky-Sack-Bundesliga. Er kommt zwar aus Köln, rundet mit gewohnt ergriffenen Wortzerdehnungen aber einen Song ab, der sich für seine Reviermarkierungen niemals über Schrittgeschwindigkeit hinausbewegen muss.

Immer bekifft, aber funktionsfähig

Ahnma ist unerschrockener Lokalpatriotismus. Das Stück beschwört einen Hamburger Spirit, auf den sich die Beginner auch in aktuellen Interviews berufen, ohne ihn so recht festnageln zu wollen. Kritische Fragen zu den jüngeren Entwicklungen im Stadtbild sieht er jedenfalls nicht vor. Kein Wort über die Gentrifizierung ehemaliger Jagdgründe, größenwahnsinnige Bauprojekte oder die allgemeine Überteuerung Hamburgs. Und doch eröffnet Ahnma in seiner Eindeutigkeit noch eine der interessanteren Perspektiven auf Advanced Chemistry. Das vierte Album der Beginner zeigt eine Band mit Schwierigkeiten bei der Themenfindung.

Sechs Jahre Arbeit sind in die Platte geflossen, mit Unterbrechungen natürlich für Familienleben und Solokarrieren. Ende der Neunziger wäre es undenkbar gewesen, ein Projekt so lange herumliegen zu lassen. Rap aus Deutschland überschlug sich gerade, es gab Konkurrenzkampf und Schulterschlüsse, eigenständige Szenen in vielen Städten und nur wenige Bands, die über all dem standen. Die Beginner waren eine davon. Studentenrap, schon irgendwie. Immer bekifft, aber weiter funktionsfähig. Größte Stärke: das Weglassen.

Ausgesuchte Gäste

Ihr zweites Album Bambule, erschienen im Winter 1998, ist nicht zuletzt deshalb ein Klassiker, weil es besser gealtert ist als die meisten Deutschrap-Alben seiner Zeit. Es gibt darauf kein Füllmaterial, keine Zwischenstücke, nur ausgesuchte Gäste. Die Beginner orientierten sich an US-amerikanischen Vorbildern – das taten damals alle –, aber sie zwangen ihnen einen eigenen Twist auf, ein Lokalkolorit. Für ihre noch immer erfolgreichste Single Liebes Lied adaptierten sie den G-Funk von Dr. Dre und brachten ihn mit einer Schnodderigkeit in Einklang, die heute als Udo-Lindenberg-Vibe durchginge.

Es muss entertainen

Man sagt, Bambule habe die Sprache einer ganzen Generation geprägt. Tatsächlich hat es lediglich den Wortschatz einer Sprache erweitert, die von der Heidelberger Gruppe Advanced Chemistry um den deutsch-haitianischen MC Torch zur Verfügung gestellt wurde. Die Gruppe gehörte Anfang der neunziger Jahre zu den ersten, die auf Deutsch rappten: politisch und ernsthaft, bisweilen verkopft. Mit Fremd im eigenen Land meißelten sie den ersten großen Deutschrap-Slogan in Stein. All das war wichtig für die Verortung der jungen Beginner im linksalternativen Hamburger Milieu.

25 Jahre später nennen sie ihr Comeback-Album Advanced Chemistry. Das ist gemeint als Lob des eigenen Bandgefüges und freundschaftliches Abklatschen mit Heidelberg. Wie die meisten High-Fives entpuppt es sich jedoch als leere Geste. An Standortbestimmungen und gesellschaftlicher Beobachtung ist den Beginnern nicht gelegen. Der wieder erstarkte Tarnkappenrassismus, gegen den Advanced Chemistry aufbegehrten, bleibt auf Advanced Chemistry unkommentiert. Pflichtschuldig spulen die Beginner einige politische Einzeiler ab und folgen ansonsten dem Leitsatz: Es muss entertainen.

Vielseitig aufgestellt

Diesen Anspruch erfüllt Advanced Chemistry allerdings nur musikalisch. Hip-Hop-Entwicklungen, die vor 13 Jahren noch gar nicht abzusehen waren, überträgt die Platte elegant auf das Neunziger-Jahre-Ideal eines vielseitig aufgestellten Rap-Albums. Es gibt Trap-Beats aus den Südstaaten der USA und Fingerzeige zur kalifornischen Ratchet Music, einen EDM-Drop im Reggae-Stück Schelle und den Popsong Es war einmal. Ein anderes Mal spielen die Beginner Fang den Hut mit Pharrell, dann erkundet Nach Hause, was es mit diesem Cloud-Rap-Ding auf sich haben könnte.

All das und obendrein ein Gastauftritt von Haftbefehl gelingt auf Advanced Chemistry, ohne sich allzu trendbewusst an die Rap-Gegenwart ranzuschmeißen. Warum also fühlt sich die Platte so leer an? Weil sie unter ihrer fachkundig produzierten Hülle tatsächlich leer ist. Denyo und Eizi Eiz haben nichts zu sagen außer: Wir waren mal die Größten.

Rap über Rausch

Es war einmal reißt ihre Geschichte so distanziert ab, dass man genauso gut den Wikipedia-Eintrag der Beginner lesen könnte. Kater behält den klarsten Kopf aller Rapsongs, die jemals über Rauschzustände geschrieben wurden. Spam beklagt den Informationsüberfluss des modernen Lebens, verfällt jedoch in den Tonfall eines Opas, der vom digitalen Krieg erzählt.

Mit einer Reihe von YouTube-"Ansagen" haben die Beginner im Verlauf der letzten Jahre immer wieder betont: Ein neues Album werden sie nur veröffentlichen, wenn es wirklich geil ist. Advanced Chemistry zeigt: Geil allein reicht nicht. Es muss auch wehtun, Haltung haben, mehr wollen als die alten Kifferwortspiele, mit denen die Band diesmal auf "Geniestreichorchester" und "Johann Sebastian Reibach" macht. Sonst kann man auch Bambule hören. Oder noch besser: überlaufen zur nächsten Strassenbande.

"Advanced Chemistry" von Beginner ist erschienen bei Vertigo Berlin / Universal.