Die härteste Tür der Welt! Die unendlich lange Schlange! Die Darkrooms! Der Berliner Club Berghain ist längst ein Mythos. Neulich hat sogar jemand aus dem Club eine Getränkekarte mitgehen lassen und auf eBay angeboten wie eine Reliquie. Man könnte das Brandenburger Tor abreißen, und es würde der weltweit wirksamen Anziehungskraft Berlins kaum schaden. Aber wenn das Berghain dicht machte, wäre der Ofen wohl aus.

Nun ist der Club, dessen berühmt-berüchtigte Partys freitagnachts beginnen und erst am Montag früh enden, ins Zentrum eines Kulturkampfes geraten. Eigentlich hat das Berghain nur eine gerichtliche Auseinandersetzung gewonnen, bei der es um viel Geld geht. Das Berghain hatte gegen das Finanzamt Berlin geklagt und letztlich vom Finanzgericht Berlin-Brandenburg Recht bekommen. Es ging um die Auslegung des Umsatzsteuerparagraphen 12 Abs. 2 Nr. 7a. Also letztlich um die Frage, ob die ausufernden Wochenendpartys im Berghain mit dem niedrigeren Steuersatz von 7 Prozent, der für Kulturveranstaltungen reserviert ist, oder mit dem von 19 Prozent für Unterhaltungsveranstaltungen zu belegen sind. Am 6. September hat das Gericht nun entschieden: Für die Partys im Berghain gilt der niedrigere Umsatzsteuersatz. Die 2008 vorgenommene Erhöhung der Umsatzsteuer für die Berghain-Partys wird damit als nicht rechtens eingestuft.

Seit der Bekanntgabe des Urteils wird dieses ziemlich beliebig ausgelegt. Meist in die Richtung, dass nun nun der Kulturbegriff des westlichen Abendlandes geschleift werde oder wenigstens endlich die längst überfällige Nivellierung zwischen U- und E-Kultur vollzogen werde (Tagesspiegel: "Das Berghain ist nun offiziell Hochkultur"). Ein Berliner Gericht entscheidet, dass Fistfuck in Friedrichshainer Darkrooms, Drogen einwerfen und Tanzen bis der Arzt kommt, jetzt Kultur, wenn nicht gar Hochkultur ist – diese Meldung elektrisiert die Feuilletons. Und wenn nun die Choreografin Sasha Waltz das leicht angestaubte Berliner Staatsballett übernehmen soll und dieses gegen die Personalie protestiert, wird selbst diese Posse in Kommentaren mit dem Berghain-Urteil in Verbindung gebracht. Ganz nach dem Motto: Wenn selbst Saufen im Club Kultur ist und die Frau vom Tanztheater beim Staatsballett landen kann, dann ist in Berlin bald wirklich alles möglich.

Dabei ist diese ganze Berghainpartys-sind-jetzt-Kultur-Diskussion ein großes Missverständnis.

Anruf beim Berghain selbst, wo mit der Presse aus Prinzip nicht geredet wird und wo man sich dann trotzdem nett mit jemandem unterhalten kann, den man freilich nicht zitieren darf. Aus dem Gespräch deswegen nur so viel: Eine Versachlichung der Debatte fände man seitens des Berghains angemessen und man wünsche sich einen Journalismus, der auch mal bei den Fakten bliebe. Zu den Fakten gehöre: Um Definitionen von Kultur sei es vor Gericht nur ganz am Rande gegangen. Und als Gratisbeigabe bekommt man noch einen Link zum deutschen Umsatzsteuergesetz zugesandt.

Dosenmusik und Schaum auf dem Dancefloor?

Tatsächlich wollten das Berghain und dessen Anwälte vor Gericht nicht klären, ob seine Partys Kultur in welchem Sinne auch immer sind, sondern ob diese einen konzertähnlichen Charakter im Sinne des Gesetzgebers aufweisen. Party und Halligalli, Musik aus der Dose und vielleicht dazu noch Schaum auf dem Dancefloor, das ist Unterhaltung, so will es das Umsatzsteuergesetz. Ein Konzert, und sei es eines von den Böhsen Onkelz, den Wildecker Herzbuben oder dem Zweitplatzierten aus der aktuellen Staffel von Deutschland sucht den Superstar, läuft dagegen unter Kultur. Diese Unterscheidung mag von Fall zu Fall ziemlich gaga sein, aber selbst das war dem Berghain vor Gericht nur nebensächlich. Die Clubbetreiber wollten lediglich feststellen lassen, dass seine Wochenendpartys, auf denen regelmäßig zig DJs aus aller Welt auflegen, wie Konzerte zu bewerten sind – und damit nach der Logik des Gesetzgebers wie Kultur und nicht wie Unterhaltung.

Auch Lutz Leichsenring, Pressesprecher der Lobbyorganisation Club Commission, die den Fall Berghain vor Gericht mitbegleitet hat und der das Urteil ausdrücklich begrüßt, sagt auf Nachfrage: "Um Hochkultur oder nicht ging es hier nicht. Das ist alles verwirrend. Es ging nur darum, zu klären, ob bei den Partys Konzerte oder Konzertähnliches stattfinden." Den ganzen Sachverhalt bestens erklärt demnach auch der allererste Satz, mit dem die Berliner Kanzlei Raue auf ihrer Website kurz den Fall ihres Klienten Berghain vor Gericht beschreibt: "Klubnächte sind Konzerte – jedenfalls wenn sie im Berghain stattfinden."