Es geht um Rhythmus, um Rhythmen, um genau zu sein: Denn der Schlagzeuger Christian Lillinger beschränkt sich selten auf Vierviertel, er stülpt noch ein paar andere Taktmuster drüber, und dann zieht er das Tempo an.

"Erst mal denkt man: Wo ist der Beat?", sagt im Film einer seiner Mitmusiker, der Vibrafonist Christopher Dell. "Und dann, je mehr man das hört, je mehr wird man begeistert davon: Das sind 25 Beats gleichzeitig! Wie er Rhythmen neu verschaltet, bis in die Mikro-Times hinein, das ist sensationell, das hab ich noch nie gehört."

Christian Lillinger – der Mann, der das Trommeln auf eine höhere Stufe hebt. Gegen den Beat heißt der 3sat-Dokumentarfilm, der ihn vorstellt. Deutschlands fiebrigster Jazz-Schlagzeuger ist 32, jungenhaft schmal, sehr weiß, blonde Tolle, sinnliche Lippen. Gegen den Beat, das heißt bei ihm: gegen das Klischee. Gegen das Übliche. Musik nicht als Fertigware, sondern als Forschungsgebiet. Das Vertraute hinter sich lassen, Neues entdecken.

Gegen den Beat dreht sich allein um Lillingers Wollen und Werden, lädt zu dessen Erkundung aber etliche andere Musiker ein. Es wird mehr über Lillinger gesprochen, als dass Lillinger spricht. So zeigt der Film ihn wie sein Umfeld, vom Saxofonistenfreund bis zum Festivalveranstalter, vom Jazzhistoriker bis zum Labelchef. Gönner und Förderer kommen zu Wort, auch Nörgler, sogar Kritik wird laut: Lillinger sei zu impulsiv, zu direkt. Von "Feinden" ist die Rede, die ihm "mal richtig eins aufs Maul" wünschen, "dass er mal zur Besinnung kommt".

Schnelle Schnitte zwischen den Worten, auch zwischen den Orten. Der Film rast wie der Jazz durchs Land. Vom Theater Rüsselsheim zum Stadtgarten Köln, aus dem Sowieso in Berlin zur Jazzbaltica an den Ostseestrand. Im Tourbus, beim Soundcheck, am Merchandise-Stand, auf der Kante des Hotelbetts oder im elterlichen Spreewalddorf entfaltet sich die Lebensgeschichte eines außerordentlichen Talents.

"Der konnte nicht stillsitzen", sagt Simone, die Mutter. "Der hat ständig mit den Händen gewackelt. Der konnte nichts in Ruhe machen." Andere Kinder bekommen Ritalin, Christian bekommt Schlagzeugunterricht. Da ist er zwölf.

"Es hat kein halbes Jahr gedauert", sagt Rainer, der Vater, "da habe ich gar nicht mehr durchgeblickt, was er da überhaupt spielt."

Nach der Schule wie besessen üben, jeden Tag von halb zwei bis halb zehn. "Er hatte ständig diese Sticks in der Hand, sogar beim Schlafen hat er sie mitgenommen", sagt die Mutter. "Er war für die ganze  Familie eigentlich der kleine Trommler, aus dem nüscht wird."

"Ich hab dann Jazz gehört", sagt Lillinger, "und zwar nur gleich Free Jazz, so total anti, Punk-Attitüde, ihr könnt mich alle mal, ich bin total anders!"

Dann – mit 15 – Vorspiel beim Tag der offenen Tür an der Hochschule für Musik in Dresden. Ihn hört Günter "Baby" Sommer, ein Urgestein des freien Jazz in Deutschland, einst trommelte er in der DDR und später für Günter Grass. Sommer, heute 73, über die erste Begegnung mit dem vier Jahrzehnte jüngeren Lillinger: "Eine Offenbarung." Später dann auch eine Strapaze.