Is this real life? Is this just fantasy? Freddie Mercury begann den Song Bohemian Rhapsody vor 40 Jahren mit zwei Fragen, die direkt in unsere Gegenwart treffen. Sie wirken wie der Arbeitstitel der Virtual-Reality-Industrie, die eine perfekte digitale Illusion schaffen möchte. Jetzt hat sich Google das Ziel gesetzt, diese Grenze zwischen realer und digitaler Welt in Musikvideos aufzuheben. Seit wenigen Tagen bietet der Konzern eine Handy-App an, mit der Bohemian Rhapsody von Queen zum interaktiven Erlebnis wird.

Der Nutzer klemmt sein Smartphone in eine brillenähnliche Pappvorrichtung (Google Cardboard), blickt hindurch, taucht in das Geschehen ein und kann es durch seine Bewegungen beeinflussen. Rund sechs Minuten dauert diese Bohemian Rhapsody, die sich in sieben, grellbunt gezeichneten Akten abspielt. Jede Szene ist mit winzigen, parallel laufenden Handlungssträngen gespickt, die der Zuschauer durch Kopfbewegungen aktivieren kann. Blickt er beispielsweise an einer Stelle nach unten, sieht er einen Steinsockel, aus dem sich plötzlich ein Brocken löst. Auch die Musik kann er beeinflussen. Dreht er beispielsweise seinen Kopf in Richtung des Gitarristen Brian May, wird dessen Spiel lauter. Der Regisseur Vangelis Lympouridis, der die App mit seiner Firma Enosis VR entwickelt hat, sagt: "Wir ahmen mit ihr nach, wie wir in der physischen Welt hören."

Rund acht Monate lang hat er mit 30 Mitarbeitern an der App gearbeitet und Fantasiewelten erschaffen, die laut Google metaphorisch für das Unterbewusstsein von Freddie Mercury stehen. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: "Viele Leute sagen mir, dass sich die Erfahrung wie ein Trip anfühlt." Warum aber wurde ausgerechnet für einen Song von 1975 diese zukunftsweisende Technologie entwickelt? Nun, Bohemian Rhapsody sei generationen- und kulturübergreifend bekannt, der Song fungiere als Türoffner für die neue Technologie. Bald würden aktuelle Popsongs und zeitgenössische elektronische Musik auf diese Weise präsentiert.

Zuviel VR ruft Schwindel hervor

Mehrere Popmusiker haben die Technik bereits ausprobiert. The Weeknd hat beispielsweise ein Video zu seinem Song The Hillsveröffentlicht, das 360-Grad-Aufnahmen und VR kombiniert. Squarepusher und Björk haben ebenfalls mit VR experimentiert. Die isländische Künstlerin hat Anfang September eine Ausstellung im Somerset House in London eröffnet, auf der man Musik von ihr in Virtual Reality erleben kann. Bald soll ein komplettes Album von ihr in VR erscheinen. Todd Richmond, Leiter des Institute for Creative Technologies an der University of Southern California hält die Verquickung von VR und Musik für notwendig: "Menschen nutzen Klänge, um ein Gefühl für ihre Umgebung zu bekommen, und das muss auch in VR geschehen." Dennoch enttäuschen ihn viele Angebote auf dem Markt derzeit aufgrund mangelhafter Qualität. Wir befänden uns in der Anfangsphase von Virtual Reality, in der die Nutzer begeistert auf viele Produkte reagierten, weil sie noch unerfahren mit dem neuen Medium seien. "Diese Phase wird schnell vorbeigehen", sagt Richmond.

Tatsächlich können sich Mängel im Design negativ auswirken. Manche VR-User klagten beispielsweise über Übelkeit. Andere äußern in Foren, dass sie plötzlich Probleme im Alltag haben. So schreibt der User "4nf" auf Reddit: "Ich bewege meinen Kopf vor und zurück, um zu sehen, ob sich der Himmel zwischen den Häusern bewegt. (…) Es fühlt sich an, als hätte ich Probleme mit meinem Innenohr, und mir ist ein bisschen schwindelig. Gibt es hier noch jemanden, der komische VR-Nebenwirkungen im echten Leben spürt?" Die Ursachen solcher Symptome sind noch nicht ausführlich untersucht.

Nutzer bei der Präsentation von Googles VR-Video in Los Angeles © Enosis VR

Der App-Regisseur Vangelis Lympouridis meint, The Bohemian Rhapsody Experience sei sicher. Das Video sei zu kurz, als dass sich negative Folgen im Alltag zeigen könnten. Außerdem nutze seine App im Unterschied zu vielen Produkten auf dem Markt keine Kamerafahrten, die verwirrend für den Nutzer sein könnten.

Auf lange Sicht sei es sein Ziel, dem Zuschauer die Illusion zu vermitteln, neben seinem Star zu sitzen, mit ihm zu reisen. Lympouridis sieht auch eine neue Form des Songwritings entstehen. "Der Stereo-Sound wird seine Grenzen erreichen. Es wird in Zukunft darum gehen, wo sich Soundquellen im Raum befinden. Komponisten werden Klänge erschaffen, die sich bewegen, und letztlich werden sie Musik erschaffen, die den Zuhörer mehr berührt." In einer pessimistischen Zukunftsvision könnten die Erlebnisse in VR zur derart perfekten Illusion werden, dass sie mit der Realität nicht mehr mithalten können. So schreibt "Kengine" im selben Reddit-Thread: "Wie definierst du real? Wenn du Dinge meinst, die du fühlen, riechen, tasten und sehen kannst, dann sind das einfach elektrische Signale, die dein Gehirn als real bewertet."

Ab Oktober soll "The Bohemian Rhapsody Experience" auch in Googles Virtual-Reality-Plattform "Daydream" verfügbar sein.