© In My Room

Trentemøller – Fixion (In My Room)

Ein Däne hat's erfunden: Techno mit Seele. Seit gut zehn Jahren sind die charakteristischen Remixe von Anders Trentemøller ebenso beliebt wie seine Dancefloorkracher. Schon eine Weile tourt er wieder mit Band, knüpft damit an seine Anfangszeit in Rockformation an und kehrt der stagnierenden DJ- und Clubszene den Rücken. Die exzessiven Livesets hinterlassen Spuren auf seinem neuen Album Fixion, obwohl die Aufnahmen im Studio entstanden und von Wintertristesse geprägt sind.

Einige der ungewohnt kurzen Stücke bieten herrliche Ausreißer von der nordischen Melancholie, ein zappeliges Punkschlagzeug etwa, oder die Krautrockeskapaden und Improv-Soli in Circuits und Phoenicia. Die Sängerin Jehnny Beth kommt von der Punkband Savages, sie bringt einen anderen Drive hinein als die Dauermuse Marie Fisker. Fast ein bisschen schade, dass letztlich der bombastische Cold Wave mit den düsteren Synthieflächen überwiegt. Das klingt manchmal wie Kraftwerks Autobahn auf Speed, oder umgekehrt, wie EBM als Dream Pop. Trentemøller erschafft sich nicht neu auf seinem vierten Album, dennoch rauscht ein starker Puls aus seinem beschaulich am Öresundstrand gelegenen Studio – und widersteht dem Metropolenhype. Endlich jemand, den es nicht nach Berlin zieht!



© Warner

Devendra Banhart – Ape In Pink Marble (Warner)

Der ewige Hippie des Freak Folk gibt sich wieder laid back bis zur Selbstauflösung. Auf dem neunten Album wabern E-Piano-Seifenblasen und Violinenglissandi, zärtliche Melodien malen Paisleymuster. Der Affe aus rosa Marmor (ein Verwandter von Disneys berauschten Pink Elephants?) und die taiwanesische Dame in Limettengrün wiegen sich zum Trinidad-Slow-Hop.

Nicht übel, aber im Plattenschrank steht die coolere Version von Van Dyke Parks und auch Cat Stevens (dem Banhart aktuell ähnlicher sieht als jener sich selbst) hatte seinerzeit ein paar gute Einfälle. Daran gemessen ist der übers Wasser wandelnde Fancy Man nicht mehr als ein selbstironisch recyceltes Klischee. Devendra, der Göttliche, verliert sich im Vocodervibrato seiner Retroträume. Als flüsternder Schatten der Jazz Crooner überdehnt er die Pausenstille, bis die Luft raus ist. Muskeltonus bei null. Andere Apologeten des erwachsen gewordenen New Weird America wie Joanna Newsom, CocoRosie oder Anohni halten sich auf ihre Weise am Puls der Zeit. Das gelingt Banhart mit seinen sanften Mikroverrücktheiten nicht, trotz kleiner Geniestreiche wie den wahnwitzigen synthetischen Hörnern im letzten Song.



© Glitterbeat

Noura Mint Seymali – Arbina (Glitterbeat)

Was für eine Energie! Noura Mint Seymali entfacht Sandstürme, wenn sie ihren funky Bluesrock feiert. Sie entstammt einer mauretanischen Griotfamilie, das sind die traditionellen Sänger und Geschichtenerzähler in dem rauen, politisch instabilen Wüstenstaat. Als erste Musikerin eroberte sie von dort aus die Weltmusikcharts und bereiste internationale Festivals. Dann flog sie mit ihrer Band nach New York, um ihr zweites Album von Pere Ubus Tony Maimone aufnehmen zu lassen.

Ihre afrikanische Harfe ist elektronisch verstärkt, ihr Ehemann Ould Chighaly spielt Laute und E-Gitarre. Dazu brummt der Bass, als hätte zwischen den Sanddünen ein speckiger Bluesclub der späten Seventies eröffnet. Der maurische Gesang ist laut, intensiv, euphorisierend und auch jenseits seines religiösen Kontextes mitreißend. Erstaunlich, wie westliche Improvisationsideen mit den östlichen Vierteltonschritten harmonieren. Sogar ein Aufruf zur gynäkologischen Krebsvorsorge groovt hypnotisch! Unvorstellbar im hiesigen Alles-dreht-sich-um-mich-Pop, aber in medizinisch weniger gut organisierten Ländern kann es praktizierter Feminismus sein, für die Frauengesundheit zu singen.



© OUS

IOKOI – Liquefy (OUS)

Mit einer roten Plastikgeige von Fisher Price fing alles an, verrät die junge Schweizerin IOKOI in einem Interview zum Thema Hypercyberealism. Ihre Musik ist eine Begegnungsstätte zwischen dem virtuellen Raum und der physischen Realität. Das Debüt Liquefy erscheint auf ihrem eigenen Züricher Label und erforscht die Interaktionen des Digitalen mit dem Unterbewussten. In Stücken wie Body/Head oszillieren Körpermodulationsfantasien und auf der Bühne inszeniert sich die Performerin als Teil der Videoprojektionen. 

IOKOI fügt Texturen nicht nur musikalisch hinzu, sie lässt sich sozusagen neue organische Strukturen wie eine zweite transparente Haut wachsen. Biologischer Surrealismus mit Keyboard-Drones, subsonisch pluckernden Bässen und feuchten Unschärfen. Der Gesang flüstert, droht, liebäugelt mit Björkscher Dramaturgie und probt Fever Rays Stringenz, als wäre er durch einen Systemfehler im Popsektor der irdischen Zeitkapsel entfleucht. Eine herbe Lust am Spiel mit den Grenzen von Physis und Technologie.



© Sony Music

Usher – Hard II Love (Sony Music)

Gibt es ihn also noch, den Justin-Bieber-Mentor und Schmusestar des R 'n' B. Grammyverzierter Held vieler Frauen, die coole Blackness entweder aus Gemeinschaftssinn feiern oder sie aus sicherem Wohlfühlabstand anschmachten. Auf dem neuen Album haben die schlappen Beats nicht einmal genug Bumms für Eiscremewerbung. Die Bassdrum labbert, als hätte sie kein Fell, im Bauch kommt nichts an. Der possierlich falsettierende Sänger streift durchs Discowunderland. In einigen Songs erinnert Usher sich wenigstens an den Soul seiner Kirchenchorjugend und an Aaron Nevilles seelenerschütternde Stimme. Doch er vermurkst es und lässt seinem samtenen Flachlegerorgan im Kompressor oben und unten alle Resonanzen absäbeln. Ohne Kopf und ohne Unterleib wird das nichts mit dem Sex, und Jacko kommt davon auch nicht zurück.