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Solange – A Seat At The Table (Saint/Columbia)

Die Popmusik hat dieses Jahr drei breitenwirksame Lageberichte zum Leben als schwarzer Mensch in den USA der Weißen hervorgebracht. Einer stammt von Beyoncé, ein weiterer von Dev Hynes, besser bekannt unter dem Künstlernamen Blood Orange. A Seat At The Table von Beyoncés Schwester Solange ist nun der dritte: ein kleinteiliges, durch offensive Statements und kodierte Sprache gegen falsche Verehrung abgeriegeltes R'n'B-Album, auf dem das Beiläufige direkt neben dem wirklich Einschneidenden steht.  

Solange Knowles hat ein Recht darauf, wütend zu sein. Theoretisch. Praktisch bringt das aber nichts. Auf dem dritten Album der Songwriterin aus Louisiana erzählt ein Song namens Mad davon. Solange beschreibt darin ihr Ringen um Fassung in vermeintlich banalen Konfliktsituationen. Immer mehr Wut frisst sie in sich hinein: über ignorante Mitmenschen, stereotype Darstellungen wütender schwarzer Frauen und das verdammte Ringen um Fassung, mit dem der Teufelskreis von Mad begonnen hatte. Dann verschwindet Solange plötzlich und der Rapper Lil Wayne enthüllt, wie wütend er einmal war nach einem missglückten Selbstmordversuch. 

Solange schreibt nicht über Polizeigewalt und zerschlagene Demonstrationen. Ihre Songs drehen sich um Mikroaggressionen des täglichen Umgangs, um dumme Fragen, Behauptungen, Blicke und Gesten. Das macht A Seat At The Table nicht weniger bedeutend. Es illustriert vielmehr sein Kernthema: den Zusammenhang zwischen kleinem Auslöser und folgenschwerer Eskalation, den schmalen Grat, auf dem Solange als schwarze Frau in den USA zu jeder Sekunde ihres Lebens wandert. Dass sie trotzdem die Zeit, Energie und Überwindung fand, ein so spielfreudiges, sinnliches Album aufzunehmen? Spricht für sie und eine große Künstlerin.



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Jamie Lidell ­– Building A Beginning (Jajulin/Kobalt/Rough Trade)

Flüchtlingskrise? Brexit? TTIP-Demo? Sorry, aber da war Jamie Lidell gerade beim Pekip, in der Kitasprechstunde oder auf dem Weg zum Baby-Yoga. Der britische Soul- und Funk-Hüter mit Wahlheimat in Nashville ist letztes Jahr Vater geworden. Yay! Andere Menschen schießen zu diesem Anlass ein dämliches Foto von ihrem Kind und schicken es der Verwandtschaft. Lidell macht es anders: Er schickt ein ganzes Album voller dämlicher Soulsongs hinaus in die Welt. Wobei man statt "dämlich" natürlich auch "drollig" sagen könnte. Oder "erquicklich", wenn es unbedingt sein muss.

Jedenfalls: Mit seiner sechsten Platte Building A Beginning führt Lidell eine neue Art von Dreisamkeit in den Soul ein – eine, bei der man nicht krank oder verhaftet werden kann. Zu sonntagssemmelwarmen Bläsern, Streichern und E-Piano-Akkorden preist der Sänger sein Leben, seine Liebsten und das wundervolle Aroma von Kleinkindkotze. In Deutschland parkt man hoffnungslose Fälle wie ihn für ein Jahr in der Elternzeit. In Nashville nehmen sie sehr schöne, absolut nervtötende Alben auf.



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Conor Oberst – Ruminations (Nonesuch/Warner)

Conor Oberst ist in der Mundharmonikagestellphase seiner Karriere angekommen. Vergangenen Winter kehrte der langjährige Wahl-New-Yorker nach Nebraska zurück, um sich in seiner Geburtsstadt Omaha von diversen gesundheitlichen Problemen zu erholen. Dann wurde es wahnsinnig kalt, furchtbar viel Schnee fiel vom Himmel, Obersts Frau ging früh ins Bett, und ehe er sich versah, hatte er ein Album geschrieben. Man hört darauf Ruminations, "Grübeleien" also, begleitet nur von Gitarre, Gesang, Klavier und Mundharmonika. Es gab schon Musiker, die mit diesem Setup die Welt verändert haben.

Oberst würden geregelte Verhältnisse reichen. Ruminations ist eine Ruhe-nach-dem-Sturm-Platte, betextet mit Überlegungen und Anekdotischem zu Schicksal, Betrug und Vergänglichkeit. Meistens klingt sie genauso abgeklärt, wie sich das liest: Auf Authentizitäts- und Dringlichkeitsanzeiger wie knisterndes Feuerholz und ächzende Gitarrensaiten hat Oberst ebenso weitgehend verzichtet wie auf seine berühmt-berüchtigten Gesangskapriolen. Nur das komplett überstürzte A Little Uncanny kommt mit vorgetäuschten Gitarrenverspielern und Mundharmonika-Fusseln vor dem Mund vom eingeschlagenen Weg ab. Es ist natürlich der beste Song auf Ruminations.

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Katie Gately – Color (Tri Angle/Rough Trade)

Katie Gately schneidet die Welt mit. Während sich andere Komponistinnen mit spröden Lippen, entzündeten Sehnenscheiden und Stimmbandknötchen herumärgern, sitzt die Musikerin aus Los Angeles im Café oder Park, schaltet die Aufnahme-App ihres Smartphones ein und schaut am Abend, ob sie etwas Brauchbares eingesackt hat. Ihre Field Recordings verdichtet sie anschließend mit Beats und Gesang zu einem Multifunktions-Elektro-Pop, in dem erstaunliche Ordnung herrscht. Der Zufall ist zwar Anstoß vieler Gately-Tracks, spielt im weiteren Arbeitsprozess aber keine Rolle mehr.

Ihr Album Color ist ein Brocken. Hinter sportlichen Songtiteln wie Lift, Sift und Frisk stecken meist mehrgleisige, bis zu neunminütige Stücke, die Kopf- und Clubmusik zugleich sind. Gately gelingt damit ein doppeltes Kunststück. Sie bildet nicht nur ab, wie sich das Input-Dauerfeuer eines durchschnittlich durchdigitalisierten Alltags anfühlt. Dank der Verformung und Verwendung ihrer zahlreichen Gelegenheits-Samples wandelt sie das Dauerfeuer sogar in etwas Produktives um. Als nächstes möchte diese begnadete Musikerin lernen, wie man ein Instrument spielt.



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Helado Negro – Private Energy (Asthmatic Kitty/Cargo)

Helado Negro hat nicht den ersten Protestsong über Donald Trump geschrieben, aber sicherlich den sanftesten. Young, Latin And Proud erschien im Juni 2015 und warb bereits für Besinnung, als Trump seinen Wahlkampf noch vornehmlich um Grenzmauerfantasien und andere Stimmungsmache gegen Hispanics herumbaute. Das Lied ist ein höfliches, beinahe beiläufiges Statement des lateinamerikanischen Selbstbewusstseins: flächiger Synthesizer, gedämpfter Tonfall, brüderliche Botschaft. Natürlich musste es unerhört verpuffen.

Ein gutes Jahr später ist Young, Latin And Proud aktueller denn je – und außerdem wieder da, als Herzstück von Helado Negros fünfter Platte Private Energy. Darauf zeigt sich: Verpuffung ist ganz nach dem Geschmack des New Yorker Songwriters mit ecuadorianischen Vorfahren. Negros zweisprachiger Elektro-Pop kennt keine Leadinstrumente. Gitarre, Bass, Stimme und Synthie schweben in gleichgroßen Seifenblasen über den Songs. Je leichter sich Private Energy macht, desto gewichtiger erscheinen jedoch seine Texte über Isolation und Identitätssuche am aufregendsten Ort der Welt. Ein Album als Anti-Trump.