Es gibt auch Stücke auf dem neuen Album von A Tribe Called Quest, die nicht von Donald Trump handeln. Eins davon heißt The Donald. Anders als jüngere popkulturelle Zuschreibungen wie "Agent Orange", "Die rassistische Mandarine" oder "Fuckface von Clownstick" teilt sich Trump diesen Spitznamen nämlich mit Malik "Phife Dawg" Taylor, dem rappenden Herz und Humorzentrum von A Tribe Called Quest. Nicht zuletzt um den Namen ihres Mitstreiters reinzuwaschen, musste sich die legendäre Hip-Hop-Gruppe aus Queens, New York also noch einmal zusammenraufen.

In den vergangenen 18 Jahren waren A Tribe Called Quest eine sporadisch aktive Liveband, mittelmäßig motiviert strampelten sie im Hamsterrad des Festivalgeschäfts vor sich hin. Die Rapper Phife Dawg und Q-Tip (bürgerlich Jonathan Davis) und ihr DJ Ali Shaheed Muhammad hatten sich an Führungs- und Richtungsfragen aufgerieben, über gemeinsame neue Musik dachte niemand mehr nach. Das Lebenswerk der Band jedoch ist durch nostalgische Tingeltouren nicht zu beschädigen. Auf fünf im Laufe der neunziger Jahre veröffentlichten Alben etablierten A Tribe Called Quest eine neue Klangsprache und einen neuen Tonfall in der Rapmusik, ohne die es Kanye West, Pharrell Williams oder Kendrick Lamar nicht geben würde.

Der verkopfte Rap-Philosoph Q-Tip und sein unbekümmertes Pendant Phife Dawg rappten über Afrozentrismus und Safer Sex, Religion, vegetarische Ernährung, jugendliche Verunsicherung und andere Coming-of-Age-Erfahrungen. Die Stimmung war verspielt und reflektiert, die Botschaft optimistisch und lösungsorientiert. Die durchaus kontrovers diskutierte gesellschaftliche Sprengkraft, mit der Public Enemy beinahe zeitgleich als vielfach beschworenes CNN for black people durch die Decke gingen, fehlte A Tribe Called Quest zu Beginn der neunziger Jahre. Sie erinnerten eher an eine Hippiefamilie, bei der es vielleicht konstruktive Gespräche im Wohnzimmer gab, aber sicherlich keinen Fernseher.

Notgeil, aber kein Gangsta-Rap-Gegockel

Der von Public Enemy zeitweise angestrebte afroamerikanische Separatismus war der Band ebenso fremd wie das ultramännliche Gangsta-Rap-Gegockel an der Westküste des Landes. Was nicht bedeutet, dass A Tribe Called Quest unpolitisch waren. Auch in ihren Songs ging es um Polizeigewalt, Rassismus und Date Rape, verpackt jedoch in jazzig abgefedertem Party-Rap. Auch sie waren notgeile 20-Jährige, verhandelten ihre Bettgeschichten aber mit spitzbübischer Versautheit. A Tribe Called Quest rissen Sexwitze, über die man mit seinen Eltern lachen konnte.

Das Album, mit dem die Band nun zurückkehrt und gleichzeitig ihren Abschied besiegelt, knüpft nicht an diese Errungenschaften an. We Got It From Here … Thank You 4 Your Service ist die wütendste und wüsteste Platte von A Tribe Called Quest. Keine Reviermarkierung, sondern ein reclamation project. Dabei geht es um mehr als die Rückeroberung alberner Spitznamen: Q-Tip, Phife Dawg und Gastrapper wie West, Lamar, Busta Rhymes und Outkasts André 3000 ziehen in einen Kampf um Räume. Damit sind Zwischenräume für alternative Rap- und Lebensentwürfe gemeint, Wohnraum für die schlechter Verdienenden in New York – und sogar der Weltraum.

Gewisse Räume sind für Schwarze unerreichbar

A Tribe Called Quest zu Hochzeiten © dpa/Jive Records/Sony BMG

We Got It From Here beginnt mit The Space Program, das den Planetenzerstörungs- und Weltraumvorhaben weißer Machthaber einen Revolutionsplan aus geballter schwarzer Musikgeschichte entgegensetzt. Das unstete Sechs-Minuten-Stück nimmt Bezug auf Gil Scott-Herons Protestgedicht Whitey On The Moon und den irritierten Space-Funk von Parliament-Funkadelic. Es erdet sich jedoch selbst, indem es seine Fantasien von Apokalypse und Rettungsraketen für die weiße Bevölkerung als Metapher entlarvt. Nicht nur der Mars bleibt für Afroamerikaner unerreichbar. Auch aus den lebenswerten Gegenden US-amerikanischer Großstädte wurden sie längst herausgentrifiziert.

Mit dem Aufruf zur Gegenwehr, in dem The Space Program kulminiert, distanzieren sich A Tribe Called Quest auch von der Native-Tongues-Bewegung, die sie Anfang der neunziger Jahre mitbegründet hatten. Das lose Hip-Hop-Kollektiv war mehr Wertegemeinschaft als Bandprojekt: Es definierte sich über Verständnis für- und Verbrüderung miteinander. Die Native Tongues öffneten damit die Tür für den sogenannten Conscious Rap, eine um politische Korrektheit bemühte Hip-Hop-Spielart, die ihre Hochphase während der vergleichsweise betulichen Präsidentschaft von Bill Clinton erlebte. Den damals angeschlagenen Ton halten A Tribe Called Quest heute für nicht mehr zeitgemäß.

Keine Hoffnung, aber eine Strategie

Neue Adjektive beschreiben ihre Haltung auf We Got It From Here. Die Band klingt aufgewühlt, aggressiv, zynisch, paranoid – und immer wieder kampfbereit. Damit geben A Tribe Called Quest der Rapmusik noch einmal die Richtung vor: Ihr letztes Album wird eingehen in die Geschichte als erste Protestplatte der Trump-Ära. Zugleich ist es ein Katalog der drastischen Gegenmaßnahmen, von Selbstmedikation bis zur Selbstaufgabe. Jahrzehntelang predigte Q-Tip Zusammenhalt. Nun dekliniert er mit Ego die Vor- und Nachteile einer Jeder-für-sich-Taktik im Überlebenskampf des afroamerikanischen Alltags. Hoffnung kann er nicht mehr bieten. Eine Bewältigungsstrategie schon.

Symbolträchtig ist We Got It From Here am Veterans Day erschienen, jenem Feiertag, mit dem die USA ihre Kriegsveteranen ehren. Auch A Tribe Called Quest gedenken eines gefallenen Weggefährten: Kurz vor der Fertigstellung des Albums starb der Diabetiker Phife Dawg. Seinen Spitznamen konnten A Tribe Called Quest noch reinwaschen. Um das Amerika von Agent Orange müssen sich ab sofort andere kümmern.

"We Got It From Here … Thank You 4 Your Service" von A Tribe Called Quest ist erschienen bei Columbia/Sony.