© Kwaidan Records

Nouvelle Vague: "I Could Be Happy" (Kwaidan Records)

In Frankreich seit jeher en vogue: Französisch gesungene Coverversionen internationaler Pophits. Schon Jahrzehnte vor Einführung der Radioquote für einheimische Künstler gehörten sie zum Soundtrack der verliebten Jugend. Nouvelle Vague reanimieren den schrägen Charme des Nachmachens von damals, ihr Ansatz ist jedoch ein völlig anderer. Seit 2004 covern die Multiinstrumentalisten Marc Collin und Olivier Libaux New Wave- und Punk-Songs, indem sie die Stimmung und Druckrichtung um 180 Grad drehen. Kühle Hooklines verwehen zu Easy Listening mit femininem Gesang und vormals raue Riffs wiegen sich im Bossa Nova – eine große Erfolgsstory.

Das nunmehr fünfte Album filtert eine flirrende Bipolarität aus der Musik von The Cure, Brian Eno, Altered Images und den Cocteau Twins. Im flaneurlaunigen I Could Be Happy haucht und schmachtet sich Clara Luciani, eine der insgesamt sechs Sängerinnen, zur Jeanne d'Arc des Retropop. Die Verzerrungen von Slap Bass und Keyboard lassen ihre Unschuld bröckeln wie goldenen Putz von altem Mauerwerk. Mit unnachahmlicher Nonchalance pflegen Nouvelle Vague solche Anachronismen, Stammmitglied Camille singt I Wanna Be Sedated von den Ramones wie eine Westernballade.

Da mutet es beinahe kokett an, wenn die reifen Messieurs Collin und Libaux ihrem Zweitverwertungs-Œuvre jetzt erstmals vier Eigenkompositionen hinzufügen, die nicht minder in Zitierlust schwelgen: Im Morricone-Modus dengeln E-Gitarre und Orgel durchs kubanische Flair von Algo Familiar. Et voilà, auch dieser Zauber wirkt!


© Raw Tapes

Buttering Trio: "Threesome" (Raw Tapes)

In Tel Aviv mag man Livemusik, vor allem Jazz und Folk. Die israelische Band Buttering Trio hat sich jedoch in Berlin gegründet, dem Schmelztiegel elektronisch unterstützter Stile aus aller Welt. KerenDun, Rejoicer und Beno Hendler ließen den Songs ihres dritten Albums ein fein verästeltes Geflecht aus beiden Einflussorten wachsen. Loopbasierte Beats aus Ost und West, indische Ragas, Tribal Grooves und Dub-Melodisches, umarmt von viel Jazz und Soul und übersetzt in eine psychedelische Sprache des Klarträumens.

Damit huldigt das Trio auch ihrem Idol Frank Zappa, doch man fühlt sich weniger ins Gestern versetzt als vielmehr ins weite Herz einer untergründig pulsierenden Mondänität: Tel Aviv am Morgen, Berlin am Abend, London des Nachts. Drei Städte, drei namhafte Produktionsstätten, die Aufnahmen entstanden in den Firehouse, Fossil und Trixx Studios. Das wahre Leben, so suggeriert es die kleine Peepshow zu Unexperienced, scheint allerdings auf israelischen Flachdächern ganz im Privaten abzugehen.


© Torn Clean/Lucky Number

Sleigh Bells: "Jessica Rabbit" (Torn Clean/Lucky Number)

Schon wieder naht der Advent, doch dieses Schlittengeläut könnte den Tod bringen! Phonetisch klingt sleigh genau wie slay, und das bedeutet, jemanden erschlagen oder, ganz neu im Urban Dictionary: etwas unfassbar geil hinbekommen. Wie auch immer man das auf die Musik beziehen möchte – Derek E. Miller und Alexis Krauss haben seit 2008 zusammen einfach Spaß an krassen Gegensätzen. 

Auf ihrem vierten Album krachen süße Melodien frontal zusammen mit Punkgetöse, Hip-Hop und Hardcore. Bass-Music-Salven und kantige Crunk-Beats schmeißen die minimalen Songstrukturen durcheinander und man weiß nie genau, woran man gerade ist. Die Szenenwechsel im Zehnsekundentakt haben tatsächlich etwas von einer halsbrecherischen Schlittenfahrt, nur Glöckchen gibt es keine. Stattdessen shoutet Alexis Krauss wie ein Riot-Girl. Okay, manchmal auch wie ein Eurodance- oder Chartspop-Girl. Steckt Cartoonfigur und Vamp Jessica Rabbit dahinter, oder doch ein Grusel-Clown?


© Parlophone/Warner Music

Hyphen Hyphen: "Times" (Parlophone/Warner Music)

Die Generation Internet schickt sich an, in klassischen Popdimensionen zu denken. Sie wartet nicht mehr auf die Klickzahlen der DIY-Auftritte im Netz, nein, die (digitale) Welt ist nicht genug! Und Nizza, wo Hyphen Hyphen zu Hause sind, ist doch eher ein Urlaubs- und Rentnerparadies, als eine Wiege der Popkultur. Die Ausrichtung der Band ist deshalb international.

Auf ihrem Debüt Times zeigen sie, dass Sammeln nicht bedeuten muss, aus sämtlichen digitalen Quellen zu sampeln. Es geht ihnen eher um das Versammeln der instrumentalen Kräfte. Der Dopplereffekt im Namen ist Programm, auch die Piano- und Keyboard-Akkorde kommen gern zweispurig, der Gesang sowieso – jeder Song eine Hymne. Die Sängerin Santa ist zur Hälfte US-Amerikanerin, ihre kräftige Stimme legt die Fährte durch Bongo-Vorhänge und Synthie-Wälle und beschwört mit rauer Kehle die Emotionsdichte des Soul. Da kommt was zusammen an Chichi und Opulenz, die Tore zum tanzbaren Stadionpop scheinen weit geöffnet zu sein. Hoffentlich nicht zu weit.