© Knirckefritt

Nosizwe – In Fragments (Knirckefritt)

Die Heimat in sich zu haben und sein Idol nebenan, kann das Herz selbst fern von beiden erwärmen. Die Heimat vor Augen zu haben und sein Idol noch dazu, das gleicht indes schnell einem Feuer, das alles auftaut, was lange eingefroren war. Die südafrikanische Songwriterin Nosizwe zum Beispiel kam in Norwegen zur Welt, fühlte sich aber erst nach dem Umzug ins Land ihrer Eltern wirklich zuhause und reifte bald zur festen Größe der regionalen Soulszene. Vollkommen wurde ihr Glück allerdings erst, als sie mit Anfang 30 die gleichalte Multiinstrumentalistin Georgia Anne Muldrow aus L.A. traf, eine Heldin ihrer musikalischen Gegenwart und Quell der Inspiration. Gemeinsam haben sie nun ein Debütalbum produziert, das in jedem der zwölf Tracks spüren lässt: Hier ist eine angekommen, wo sie hingehört. Bereichert um elektronischen Pop ihres Geburtslandes, erinnert In Fragments vielfach an Lauryn Hills Fugees – elaborierter R'n'B mit Anflügen von Rap und Jazz im Mash-up der Neunziger, das sich zur afrikanischen Wurzel ebenso bekennt wie zur kosmopolitischen Gegenwart von Oslo bis L.A. Gäbe es den Begriff noch, es wäre wohl die wahre Weltmusik.



© K&F Records

SONAA – Turquoise Purple Pink (K&F Records)

Wo wären wir, wenn es den Jazz nicht gäbe? Würde es ohne die radikale Abweichung von der klassischen Metrik überhaupt moderne Bandmusik geben, vom Rock mit all dem Post, Prog, Indie davor ganz zu schweigen? Systemisch bleibt das die ungeklärte Frage. Für die Sons of Noel and Adrian hingegen ist sie leicht zu beantworten: Ohne Jazz böte das Kollektiv unterm Akronym SONAA nur Pop. Da die (von 13 auf 9 reduzierten) Mitglieder ihr zeitgenössisches Instrumentarium jedoch konsequent verjazzen, erschafft das Kleinorchester aus dem englischen Brighton auf dem offiziell dritten Album seit 2008 ein Stilkompendium, das es so – ehrlich! – noch nie gegeben hat. Filigrane Streicher werden mit verzerrter E-Gitarre geschreddert, artifizielle Synthesizer-Fragmente drängeln sich an Horn, Klarinette, Flöten vorbei zum vielfach archaisch klingenden Schlagzeug und vereinigen sich dort mal mit weiblichem Feengesang, mal mit Jacob Richardsons melodramatischen Bariton zu einem Durcheinander, dem der Bandgründer auf unerklärliche Weise Struktur verleiht. Spielend. Auf einem der ganz großen Exponate experimentellen Pops von heute.



© WELTGAST music

Mittekill – Die montierte Gesellschaft (WELTGAST music)

Das derzeit interessanteste Durcheinander deutscher Herkunft stammt mal wieder von Mittekill. Auch auf ihrem vierten Album kompilieren Friedrich Greiling und Jan Hohmann 13 Stücke, die stilistisch scheinbar wenig mehr miteinander zu tun haben als den verspielten Aberwitz zweier Soundbastler aus Berlin, die aus dem schier unerschöpflichen Fundus ihrer Rechner verknüpfen, was der Kosmos des Synthiepops hergibt. Diesmal allerdings tun sie es mit einem Leitthema, das sich bereits im Titel Die montierte Gesellschaft andeutet: Es geht um Flüchtlinge, denen Mittekill aus dem Herzen ihres kindlich verspielten Musikalität das Suffix "Krise" entziehen und durch politischen Dadaismus ersetzen. In 4000 Kilometer etwa wird Migration mit Männerchor und Tuba zum absurden Theater, das ABC der Integration zwei Stücke weiter zum Technobeat gepaukt, und wenn die Bürokratisierung der (Un-)Willkommenskultur mit übertrieben ausländischem Akzent auf der Agenda steht, paart sich politischer Ernst mit hedonistischer Seriosität, die sogar tanzbar ist. Lacht kaputt, was euch kaputt macht: Mittekill haben selbst an dieser verheerenden Gegenwart Spaß. Freuen wir uns doch mit!



© Tapete

Friedrich Sunlight – Friedrich Sunlight (Tapete)

Seit Manfred Krugs Tod scheint die Sonne fahler, glänzt Liebe matter, ist alles irgendwie trüber. Zumindest auf Deutsch besingt auf lange Sicht wohl keiner mehr so unbeschwert lässig und dabei gehaltvoll unseren Gefühlshaushalt wie einstmals Krug. Nicht mal Friedrich Sunlight. Aber sie geben sich immerhin Mühe. Auf ihrem gleichnamigen Debütalbum zelebriert das junge Quintett aus Augsburg eine chansoneske Geschmeidigkeit. Mit wehendem Seidenschal fahren sie im offenen Cabrio durchs Land und singen dabei allen Schwermut fort. Wie im Musikfilm alter Schule umschmeicheln Bass, Gitarre, Drums und Klavier mit ständigem Badabababa im Hintergrund Kenji Kitahamas fernöstlich akzentuierte Stimme, dass man die Schwere allen Diskurspops ringsum kurz mal vergisst. Zum Krug-Erbe fehlt zwar der subversive Subtext, in dem Manne einst sein Date am 1. Mai auf dem Marx-Engels-Platz suchte, statt für die internationale Solidarität zu kämpfen; Musikalisch jedoch ist Friedrich Sunlight so fein austariert, dass wir darauf gerne kurz verzichten. Alles andere ist bloß Schlager. Und Manfred Krug ist tot. Es lebe Friedrich Sunlight!



© Popup Records

Ian Fisher – Koffer (Popup Records)

Einen Koffer in Berlin zu haben, ist für Musiker aus aller Welt kaum noch der Rede wert. Wie gefühlt zwei Drittel aller Songwriter hat auch Ian Fisher in dieser noch immer unvergleichlich coolen Metropole ja länger Halt gemacht. Mit zwei Unterschieden: Der amerikanische Globetrotter ist darin heimisch geworden. Und er schlägt sich, was dort locker möglich ist, nicht auf Englisch durch, sondern hat der Stadt eine hinreißend kratzige Hymne in deutscher Sprache geschrieben. Sie heißt Koffer, betitelt auch sein hinreißend kratziges Album und enthält sich jeder Versuchung seifiger Lobhudelei auf "sexy Armut" oder ähnlichen Quatsch. Nirgends ist dieses Bündel straßenmusikalisch inspirierter Folksongs von poppigem Country bis orchestraler Americana anbiedernd. Fishers Reise ist ja längst nicht zu Ende, er bleibt ein Vagabund. "Ich will kein Ami sein / ich will kein Deutscher sein", kräht der exzellente Gitarrist begleitet von Kontrabass und Drums im Titelsong, "ich will gar nix sein / außer was ich bin". Das passe in einen Koffer, der halt gerade in Berlin steht. Zufall. Kosmopolitische Reduktion aufs Wesentliche – Ian Fisher macht daraus Lagerfeuerbandmusik mit Tiefgang und Schwung.