Es heißt, 2016 sei das Jahr, in dem der Pop starb. David Bowie, Prince – jetzt, da auch Leonard Cohen nicht mehr hier ist, vielleicht eine Klarstellung: Cohen ist nicht 2016, sondern im Jahr 5777 gestorben. Er ist als Jude geboren und im Alter von 82 als Jude gestorben, in seinem Jahrhundert noch weniger eine Selbstverständlichkeit als in denen davor. Zwischendurch hat er Gedichte geschrieben, Romane und unsterbliche Lieder, war stets auf spiritueller Suche, wurde mehrmals zu Boden geworfen und ist immer wieder aufgestanden. Dieses "Zwischendurch" nennt sich Leben, und Leonard Cohen hat seines noch in Momenten des Zweifels mit großer Zielstrebigkeit geführt.

Er wurde in einer anderen Welt geboren: 1934 – nach dem gregorianischen Kalender – in Montreal in Kanada, vor der Shoah. Wer Cohen oder Kohn, Coen, Kagan oder Kogon heißt, stammt der Überlieferung nach von den Kohanim ab, den Priestern im Jerusalemer Tempel. Cohens Familie war Teil einer Art jüdischen Adels im Englisch sprechenden Westmount, in dem er aufgewachsen ist. Sein Großvater mütterlicherseits war ein bedeutender Talmudforscher, sein Großvater väterlicherseits Gründer des Canadian Jewish Congress. Auch Cohens Vater war ein sehr respektiertes Mitglied der Gemeinde, seine Bekleidungsfirma versorgte die Familie, dieser Wohlstand ermöglichte Cohen eine gute Bildung und etwas Sicherheit.

Über seine ersten Lebensjahre gibt es viele Anekdoten, die alle irgendwie sein späteres Werk erklären sollen. Die Kindheit war nicht sorgenfrei und vom Verlust des Vaters geprägt, aber kein Vergleich zum Grauen und Sterben auf der anderen Seite des Atlantiks. Verfolgung und Trauer tauchen als Motive gerade in seinen frühen Gedichten in den Fünzigern und Sechzigern auf. The Genius aus dem Band The Spice-Box of Earth konjugiert einmal alle jüdischen Zwangsexistenzen durch: For you / I will be a Dachau jew / and lie down in lime / with twisted limbs / and bloated pain / no mind can understand. Die Gedichte aus The Spice-Box of Earth und dem selbstbewusst betitelten Flowers for Hitler sowie die Romane The Favorite Game und My Beautiful Losers begründeten Cohens Ruhm als Dichter und Schriftsteller lange vor seinen ersten musikalischen Versuchen.

Rückzug ins Intime

Die Gedichte des spanischen Dichters Federico García Lorca führten Cohen an die Lyrik heran, ein mysteriöser Flamenco-Gitarrist brachte ihm ein paar Akkorde bei und brachte sich dann um, und mit Begeisterung hörte Cohen amerikanischen Blues und Folk. Aus dieser Mischung amerikanischer und europäischer Einflüsse machte Cohen in den frühen Jahren Musik, die sich sehr kanadisch anfühlt: keine stete Neuerfindung wie bei Bob Dylan, kein verquerer Humor wie bei den Beatles, sondern ein melancholischer Rückzug ins Selbst und ins Intime.

Der Produzent John Hammond ließ sich 1966 von Cohen in seinem Zimmer im Chelsea Hotel in New York ein paar Songs vorspielen, darunter Suzanne und grinste dann nur. Der Song wurde ein Hit, Cohens Alben erreichten kommerzielle Achtungserfolge. Hammond hatte ein paar Jahre vorher einen anderen jüdischen Musiker an der Grenze zwischen Songwriting und Dichtkunst mit Liebe für Amphetamine gefördert: Die Karrieren von Bob Dylan und Leonard Cohen schienen verflochten zu sein oder wenigstens parallel zu verlaufen. Auch Cohen geht jede unbeholfene Liedermacherflüchtigkeit ab. Seine Songs-Trilogie durchzieht eine Akustikfolk-Ästhetik, die zwar durch die oft von Produzenten hinzugefügten Streicher überwältigend sein kann, aber in den Momenten fast wahnsinnig machender Nähe am stärksten ist.

Ein Soldat Israels

Cohen hat diesen Sound nicht allein geschaffen – zur selben Zeit entstanden Alben wie Chelsea Girl von Nico und das dritte Album von The Velvet Underground, vor allem im ursprünglichen closet mix, die Schwesterwerke zu sein scheinen. Im Gegensatz zu Nico und dem Velvets-Kopf Lou Reed war Cohen durch die frühen Hits Suzanne und Bird on a Wire schon damals eine internationale Größe und trat nicht in Turnhallen und alternativen Kaschemmen auf, sondern vor 600.000 Zuschauern beim Isle of Wight Festival.

Cohen fing ohne politische Slogans auch einen globalen Zeitgeist ein. Seine Songs fügen sich in Robert Altmans Anti-Western McCabe & Mrs. Miller ebenso perfekt wie in Fassbinders Filmdreh-Satire Warnung vor einer heiligen Nutte, beide aus dem Jahr 1971. Der Musikkritiker Lester Bangs sagte einmal, dass alle großen Alben der Siebziger "downer records" seien, deprimierende und deprimierte Platten wie Tonight's the Night von Neil Young oder There's A Riot Goin' On von Sly Stone. Cohens New Skin for the Old Ceremony, das seinen ersten Karriereabschnitt abschloss, passt ebenfalls in diese Reihe. Das mit John Lissauer produzierte Album ist auch in Cohens Schaffen einmalig: Es verheiratet zwei Gegensätze, indem es einen orchestralen Minimalismus entwirft.

In dieser Zeit tourte Cohen wiederholt um die ganze Welt, trat für die israelische Armee während des Jom-Kippur-Kriegs auf und begriff sich selbst als Soldat. So beschrieb er in einem Interview 1974 auch sein strenges Auftreten auf der Bühne: "Ich singe ernsthafte Lieder, und ich trete ernsthaft auf, weil ich es anders nicht kann. Ein Stierkämpfer betritt die Arena ja auch nicht lachend." In welchem Krieg er kämpfte und auf welcher Seite, ließ er stets offen. Vielleicht war es der Kampf um Worte, Kampf um die Liebe, Kampf mit Gott. Diese drei Themen bestimmten sein Werk.