© Polydor

The Rolling Stones: "Blue & Lonesome" (Polydor)

Die Frage, ob die Stones zu alt sind, ist beinah so alt wie die Band selbst – schon 1978 hat der Rockkritiker Lester Bangs laut überlegt, ob sie nach dem Erfolg der Platte Some Girls nicht besser aufhören sollten, solange sie noch obenauf sind. Dass sie nicht aufhören können, das ist nicht nur ein Treppenwitz der Rockgeschichte, sondern fast schon Rockgeschichte selbst. Ihr neues, je nach Zählung 23. oder 25. Album ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, zu den ersten Jahren der Band, in denen die Stones fast ausschließlich Cover-Versionen von Blues und Rhythm 'n' Blues spielten, teils Note für Note, während Mick Jagger sich bemühte, wie Don Covay oder Willie Dixon zu klingen.

50 Jahre später trauen sie sich, wie sie selbst zu klingen, und mehr ist eigentlich gar nicht zu sagen: die Stones spielen Chicago Blues von Howlin' Wolf und Willie Dixon. Nicht die Hits, sondern die B-Seiten, die Geheimtipps, und wenn es etwas gibt, dass diese Platte trägt, dann ist es die Begeisterung und Liebe, die die Band für die Musik ihrer Jugend immer noch empfindet. 2016 ist das sicherlich nicht genug. Vielleicht war es das schon 1962 nicht.



© Atlantic

Bruno Mars: 24K Magic (Atlantic)

Auf dem Papier ist die Karriere von Bruno Mars eine eindeutige Sache: klein, energetisch, sympathisch, mit einem Ohr für Hits, den obligatorischen Vergleichen mit seinem großen Vorbild Michael Jackson standhaltend. Es gibt aber noch eine andere Lesart: die eines fähigen Musikers, der seit Jahren im furchtbaren Spiegellabyrinth der Retro-Musikindustrie gefangen ist, dazu verflucht, in Musikvideos in VHS-Qualität Pianoballaden wie 1981 zu singen.

So wird aus dem Album 24K Magic – eigentlich der grundsolide Versuch, James-Brown-Stampfer und Minneapolis-Funk für Mittelschüler zu machen – eine sehr traurige Angelegenheit. Der Bass im JB-Verschnitt Perm ist so schmutzig, wie er auf so einer Platte sein kann, die Synths quietschen im Electro-Funk-Titelstück, und Mars wird nicht müde, gute Laune zu befehlen. Aber nach Party im Apollo Theater klingt das nicht, eher nach langen Nächten im Tonstudio, in denen sogar die Hintergrundlacher 37-mal aufgenommen werden, bis sie makellos kalt glitzern. Dafür klingen die Kuschel-Jams immer wieder angenehm nach Lionel Richie oder Bobby Brown. Nur seine Ankündigung durchgeliebter Nächte klingt wieder etwas hohl – vielleicht liegt's am versprochenen Erdbeersekt.



© Warner

Peter Doherty: Hamburg Demonstrations (Warner)

"I don't want to end up like Kolly Kibber", eröffnet Pete – inzwischen Peter, weil endlich erwachsen – Doherty sein neues Album. Kolly Kibber soll eine Referenz an den katholischen Gangsterthriller Brighton Rock von Graham Greene sein, so wurde ein paar Mal geschrieben, vielleicht, weil das der erste Treffer bei Google ist. Tatsächlich scheint das Lebensmotto der Hauptfigur, dem verstörten jugendlichen Gangster Pinkie, auch auf Doherty zu passen: "Himmel war ihm bloß ein Wort, nur der Hölle konnte er trauen." Vielleicht ist auch der Song Kolly Kibber's Birthday von Julian Cope gemeint: "My arms bear a payment to liberty", meine Armen tragen ein Tribut an die Freiheit.

Himmel, Hölle, Freiheit, Sucht: Damit ist Dohertys Kosmos abgesteckt, und zwar nicht in Form einer wütenden Indie-Rock-Platte mit Punk-Aufsatz, sondern als fast schunkelnde Beinah-Akustik-Revue. Er lässt es nur noch bedächtig scheppern und schreibt keine Hymnen mehr. Trotz der im Titel angekündigten Ungeschliffenheit wirkt die Platte berechnend: hier der Song über Terrorismus (Hell To Pay At Gates Of Heaven), da die Hommage an Amy Winehouse, samt möglichst dramatischem Namedropping am Ende des Songs (Flags From The Old Regime). Doherty könnte zwar immer noch Herzen brechen, aber er belässt es lieber dabei, daran zu erinnern, dass er es mal konnte.



© GOOD/Columbia

John Legend: Darkness & Light (GOOD/Columbia)

John Legend ist vielleicht der beste Hook-Sänger des 21. Jahrhunderts: Wenn er den Refrain singt, wird auch aus mittelmäßigem Material ein Hit. Als Unterstützer von Kanye West ist er tatsächlich legendär. Als Solokünstler konnte er bisher kein durchgängig starkes Album präsentieren, bis auf Wake Up!, ein Album mit Cover-Versionen jener politisch aufgeladenen Soul-Songs, die auch immer wieder als Referenz für den scheinbar repolitisierten Hip-Hop und R 'n' B des Jahres herangezogen werden.

Legends Album ist, trotz seines politischen Engagements und seiner sehr klugen und unterhaltsamen Twitter-Präsenz, kein "Statement" wie die Alben von Beyoncé und Alicia Keys. Legend macht vor allem Musik für romantische Abendessen, das Schlafzimmer und nachdenkliche Momente in Nächten am offenen Fenster. Gelegentliche Ankläge an wintrigen Avantgarde-R-'n'-B oder Stadionpop passen durchaus zum eher handgemachten Grundton des Albums. Und schließlich kann Legend singen, fast schon zu gut: Zurückhaltung ist seine Sache nicht. So ist er etwas noch Selteneres als die Propheten der Siebziger: einfach ein Soul-Sänger, der aus den Songs, die man ihm gibt, die größtmögliche Menge an Gefühl herausholt, ganz ohne Kitsch.