Mit 17 hat man noch Träume, mit 17 verliebt man sich zum ersten Mal wirklich ernsthaft, mit 17 spürt man den Schmerz einer Trennung zum ersten Mal. Aber eines tut man mit 17 ganz gewiss nicht: Man schreibt nicht die perfekte Popballade über all das. Man ist ja noch viel zu jung, um das ganze Desaster der Liebe, das einen den Rest des Lebens begleiten wird, in eine Melodie und in Worte zu kleiden.

George Michael aber war nie für irgendetwas zu jung. Wie wir seit gestern Abend wissen: nicht einmal fürs Sterben, im Alter von gerade 53 Jahren.

Mit 17 schrieb er Careless Whisper. Kurz nach seinem 21. Geburtstag, es war 1984 und er war Frontsänger des Duos Wham!, wurde das Lied dann als seine erste Solosingle veröffentlicht. Und wie es sich für einen hochbegabten Songschreiber gehört, war George Michael selbstredend hinterher todunglücklich über das Lied und dessen Erfolg. Die Lyrics seien "nicht sonderlich gut" – "I'm never gonna dance again, guilty feet have got no rhythm", na klar, schuldige Füße sind schon eine etwas merkwürdige Metapher, aber hey, 17! – und dann habe Careless Whisper traurigerweise ja furchtbar vielen Menschen viel bedeutet, obwohl dieser Song nun nicht gerade "ein integraler Bestandteil meiner emotionalen Entwicklung war".

Triumph über die Bigotten und Homophoben

So sprach George Michael im Jahr 1990 zu seinem ersten Biografen, dem damals noch gerade sehr guten Musikjournalisten Tony Parsons. Der aber verlegte sich später darauf, bei nahezu jedem öffentlich bekannt gewordenen Fehltritt von Michael (Cannabisgebrauch und so weiter) ihm mit dem gleichen beleidigten, pseudo-besorgten Tenor im britischen Boulevardblatt Daily Mirror hinterherzubrüllen: Der einst so freundliche, humorvolle, zugewandte junge George Michael habe sich in ein fett gewordenes Drogenwrack verwandelt, "von klug zu dumm", "von anscheinend heterosexuell zu übertrieben froh darüber, schwul zu sein". Ja, es gab schon sehr gute Gründe dafür, dass George Michael zeitlebens mit den Folgen des Ruhms haderte. Jeder dahergelaufene Depp, und Parsons ist längst einer von der übleren Sorte, meint das Recht zu besitzen, urteilen zu dürfen über die im Licht – die doch wie Michael nur ein Mindestmaß an Respekt vor ihrer Privatsphäre einklagten.

Und doch ist die gesellschaftliche Rolle des Popstars George Michael untrennbar mit dessen Kunst verbunden, und diese scheinbar unauflösliche Verbindung hat er selbst beizeiten zur Befreiungsgeste genutzt. Nachdem Michael am 7. April 1998 in einem Park in Beverly Hills festgenommen worden war –  er war beim Cruisen (oder genauer: Cottaging) auf einer öffentlichen Toilette an einen verdeckten Ermittler in Zivil geraten –, drehte er sein unfreiwilliges Outing mit dem Song Outside und dem dazugehörigen Video um in einen lustvollen Triumph über die Bigotten und Homophoben, über staatliche Repression: "Let's go outside in the sunshine, I know you want to, but you can't say yeah". Michael sagte später, er habe mit seinem Coming-out so lange gezögert aus Sorge darüber, welche Auswirkungen die Nachricht für seine (im Jahr 1997 gestorbene) Mutter gehabt hätte.

Die Furcht davor, die eigene sexuelle Identität öffentlich zu machen, das vergisst man leicht, war vor gar nicht allzu langer Zeit auch für homosexuelle Pop- und Rockstars noch sehr begründet. Das macht bis heute einen Teil der ungeheuren Wucht der Bilder und der Musik aus, die einen womöglich noch entscheidenderen Wendepunkt in George Michaels Karriere markieren, zumindest als Performer: Am 20. April 1992 trat er beim Tribute-Konzert für den ein halbes Jahr zuvor an den Folgen von Aids gestorbenen Freddie Mercury auf, und mit seiner Interpretation von Somebody to Love überstrahlte er alle anderen, die zuvor auf der Bühne des Wembley-Stadions die alten Queen- und Mercury-Lieder gesungen hatten, David Bowie, Roger Daltrey, Elton John, Robert Plant.

Freddie Mercury, der 17 Jahre vor Michael geboren worden war, hatte es stets vermieden, sein Schwulsein öffentlich zu thematisieren, und nun stand da also der ebenso stetig von Gerüchten verfolgte George Michael und schien, so der durchaus tragische Subtext, Mercurys Erbe anzutreten. Und ganz banal zeigte er nebenbei den stolzen Rockfans, wie sehr sie ihn als vermeintlichen Ex-Teeniestar und Schnulzensänger verkannt hatten, der ein paar Jahre zuvor noch breitbeinigst Rockstarposen parodiert hatte, mit dem wundervoll schmutzigen Song I Want Your Sex ebenso wie dem fast schon lächerlich dickhodigen Video zu Faith.