© RecordJet

Lump200: "Before The Moon" (recordJet)

Was fehlt noch, nach zwölf Monaten voller Tonträger? Vielleicht dieser Alpenfolk der Andersdenkenden. Angeführt wird er von einem Sousafon, das den Mond anheult. Oder anbrummt, anknurrt, so klingt die dicke Basstuba, gespielt von Pauline Boeykens. Dazu melden sich Alphorn, Bassklarinette, Kuhglocken und allerlei Schlagwerk. Der Schweizer René Desalmand startete Lump200 (Deutungsofferten: Schurke, Klumpen, Konglomerat, Küchengerät) zunächst als Laptop-Projekt, bevor sich Instrumentalisten und Vokalisten zum Improvisieren in Echtzeit einfanden. Sie sind geografisch wie künstlerisch Immi- und Emigranten aus aller Damen und Herren Länder. Desalmand intoniert seinen Sprechgesang wie ein Dada-Lyriker an einem nebligen Morgen in der Speakers' Corner im Hyde Park. Oder er ist das Alter Ego eines Boygroup-Sängers, der insgeheim Avantgardist werden wollte. Mysteriöses Geplänkel auch zwischen Rhythmusfraktion und Bläsern, da flattern die Synkopen wie Freigeister umher. Das Keyboard ist auf Weltraumsounds programmiert, die schurkischen Space-Sirenen singen "Doesn't really matter why" – und wiegen uns zum Trash-Hip-Hop in Unsicherheit. Es gibt keine Erklärungen zu diesem schönen Wagnis, und doch ist es ein Manifest.



© Velvet Mode

Line Gøttsche: "Omonia" (Velvet Mode)

"Ich teile ein Glas Wasser mit meinen Zimmerpflanzen, wir halten uns gegenseitig am Leben." So lautet eine Songzeile, die sinnbildlich für die introspektive Stimmung von Line Gøttsches klavierbegleiteten Balladen steht. Die nur fünf unterschiedlich langen Stücke auf dem ersten Soloalbum der Dänin gleichen den Akten einer szenischen Erzählung, die minimalen Klangstrukturen erlauben nicht mehr Tempo als einen verschleppten langsamen Walzer. Sie erschafft ein Szenario von der Spätromantik bis zu den Golden Twenties, ihr Gesang imitiert den Tonraum alter Plattenaufnahmen mit unnachahmlicher Intimität. Man hört die Mechanik von Pianotasten und Pedal leise klappern, die Stille nur hier und da verhangen mit wenigen Geigenstrichen und hingehauchten Bläsern. Cocooning und Kontemplation gegen digitale Reizüberflutung. Für alle, die den Trubel zum Jahreswechsel nicht mögen.



© Universal Music

Kid Cudi: "Passion, Pain & Demon Slayin'" (Universal)

Auf eine Vielfalt an Veröffentlichungen in der Schublade "Urban" darf man 2016 zurückblicken, Kid Cudi setzt das bunte Schlusslicht. Der Schauspieler und Rapper hat immer gern abseits des Metiers gewildert, nun kehrt er von seinen Ausflügen in die Rockmusik zum Hip-Hop zurück. Mit Kanye West als Vorbild und Mentor gilt er, wie viele seiner Generation, als Hipster-Rapper. Der Multiinstrumentalist macht das Beste draus und ersetzt längst nicht mehr erfüllbare Realness-Klischees mit musikalischer Differenz. Auf dem neuen Album geht es zum Feiern in die nächtliche Dschungelkulisse, von reifer Natur, Fantasiereisen und kosmischen Kriegern handeln die 18 Titel. Alles strahlt Wärme aus, die schummrigen Bläser, die weichen, karibisch anmutenden Grooves. Gäste wie Pharrell Williams verleihen glanzvolle Credits, das jamaikanische Feeling von Surfin' bietet sich für die Silvesterparty an. Frequency lockt zur dunklen, mystischen Seite des Tribal Soul, begleitet von Wildnisgeräuschen und einer Tonflötenmelodie. Ein fein bestücktes Füllhorn nach dem Motto: Ich mach mir meine eigene Welle, Baby.



© Staatsakt

Various Artists: "Santo Klaus – Der Staatsakt-Weihnachtssampler" (Staatsakt)

Ein Cover, auf dem Santa als Trans-Superheldin die Keule gegen Nazis schwingt? Die Platte kann nur vom Berliner Label Staatsakt kommen. Dort versammeln sich seit 2005 die Mitstreiter einer Deutsch singenden Protestkultur, dazu zählen Die Türen ebenso wie Christiane Rösinger. Die zwölf Beiträge des Samplers, angekündigt als "von links nach schräg", toben sich zwischen Dilettantenrock und Liedermacherchuzpe aus. Nicht immer geht es ums Verlogene-Weihnachten-Bashing. Außer Konkurrenz bescheren Ja, Panik den Song zu ihrem Postpunk-Buch Futur II. Voll im Thema liegt der verschrobene Deutschrap von Ill Till, während Albrecht Schrader den bösen Märchenonkel an der Hammondorgel mimt und in zungenbrechenden Nonsensreimen über "Rotkäppchen packte ihr Brotpäckchen" fabuliert. Sogar Stargäste aus den USA spielen auf: die alten Blues-Gesellen von NRBQ. Und natürlich darf Andreas Dorau – der Dirty Harry unter den singenden Weihnachtszynikern – nicht fehlen. Unvergessen bleibt, wie er einst das niedliche Reh im Winterwald verhungern ließ. Als Gegenpol sorgt der Pianist Lambert an der Orgel für melancholische Besinnlichkeit und bezieht trotzdem klar Position mit Kein Hehl.

Und mit diesem unterhaltsamen Querulantenreigen macht der Tonträger den Sack zu für 2016. Frohe Feiertage, bis zum 12. Januar!