Else Schnabel ist trotzdem bereit zu erklären, was Geld aus ihr gemacht hat und wie sie zur Mäzenin der Elbphilharmonie wurde, Platin-Status mit mehr als 100.000 gespendeten Euro.

Allerdings, zunächst wurde sie es ja nicht. Warum eigentlich, Frau Schnabel? Gefiel Ihnen nicht, was da entstand?

Doch, doch, das sei nicht der Grund gewesen. Waren es die immer höheren Baukosten, die lange bestehende Terminunsicherheit? Nein, nein. Also? "Es ist nicht leicht, wenn man seinen Mann verliert", sagt sie. "Nach 44 Ehejahren."

Hermann Schnabel war gerade 89 Jahre alt geworden, als er 2010 starb. Er hatte im Krankenbett liegend mit Choreograf John Neumeier noch das Programm für seinen 90. Geburtstag besprochen. Ob die Tänzer der Staatsopern-Compagnie um den Stifter neuer Publikumssitze und neuen Marmors herumgewirbelt wären, wie sie es 2001 schon einmal getan hatten, während er bühnenmittig allein auf einem Stuhl von jedem eine Rose empfangen hätte?

Else Schnabel zog sich nach dem Verlust in sich selbst zurück, verlor, was sie Lebensfreude nennt. Sie musste auch erleben, dass der große Kreis derer, die die Nähe ihres erfolgreichen Gatten gesucht hatten, sie nicht miteinschloss.

Das Leben wichtiger Leute

Hermann Schnabel – "er war ja nicht einmal Hamburger", sagt seine Witwe – war zerschossen aus dem Zweiten Weltkrieg nach Schlesien heimgekehrt und ein versierter Schwarzmarkthändler gewesen, bevor er 1950 eine kleine Handelsfirma namens Otto K. Helm in Hamburg kaufte. Sein Ansatz: zu beschaffen, woran es im kriegsversehrten Deutschland mangelte. Und das waren chemische Grundstoffe. Sein Erfolg machte ihn zum Milliardär, als der Begriff noch etwas Mythisches besaß. "Och", sagt Else Schnabel, "die Gewinnspanne bei Chemikalien war unglaublich."

Sie hatte sich als Schreibkraft in der Firma Helm beworben. Bei der Einstellung weinte sie vor Glück und bedankte sich mit einer Rose, die sie dem Chef heimlich auf den Schreibtisch stellte. Er fand aber heraus, wer es gewesen war. Von da an freute er sich, wie er schrieb, wenn sie ihm als Mitarbeiterin des Prokuristen abends die Unterschriftenmappe vorlegte. Sie heirateten 1965 und führten auf ihrem "Park Lane" genannten Anwesen das Leben wichtiger Leute.

"Es war angenehm, dass wir Geld hatten", sagt sie. "Mein Mann ließ keinen Bettler stehen." Wie es ihre Art ist, führte sie bis zu seinem Tod ein Haushaltsbuch, in dem sie sorgfältig Ausgaben notierte. "Für mich allein", sagt sie, "machte das dann keinen Sinn mehr."

Nur wenige Freunde blieben. Feste mag sie bis heute nicht mehr geben. Und in der Zeit der Trauer stand ihr nicht der Sinn danach, sich mit einem problembehafteten Experimentalbau wie der Elbphilharmonie zu beschäftigen.

Doch es blieb nicht ewig dunkel in ihr. Eines Tages dachte sie bei dem Stichwort Elbphilharmonie: "Da kannst du dich eigentlich auch mal drum kümmern."

Alles begann mit einer Postkarte

Niemand trat auf sie zu. Umgarnte sie, schwärmte für die Sache. Es war an ihr, sich bei der Stiftung Elbphilharmonie zu melden. Man lud sie ein, sich die Baustelle anzusehen. Sie sah den großen Saal mit seinen eigenartig korallischen Innenflächen und die "wie ein Wolkenhimmel" gestaffelten Ränge. Die vertikalen Schneisen zwischen den Etagen des Foyers, nirgends ein rechter Winkel, stattdessen kühne Ausblicke über den Hafen. "Kein Wunder, dass es so schwierig war", verstand sie nun. Bis aufs Dach wurde sie geführt. "Da erwachte in mir der Wunsch, dabei zu sein."

Drei Jahre ist das her. Wer sonst noch als Wohltäter "dabei" war mit seinem Geld, war ihr egal. Die Reichen der Stadt, wenn sie sich begegneten, würden über derlei Dinge schweigen. Ihr Geld solle den Künstlern zugutekommen, nicht laufende Betriebskosten abfangen. Das sei dann schon doch die Aufgabe der Stadt. Sie, als gebürtige Hamburgerin, wollte etwas voranbringen helfen, dass ihre Stadt voranbringt. Aus purem Elbstolz. Hamburg, wie es sein sollte.

Tatsächlich hatte die Idee für dieses Haus von Anfang an etwas gefährlich Verführerisches. Dabei begann alles mit einer Postkarte. Mehr als diese Gebrauchsansicht von dem alten Kaispeicher A hatte der Initiator Alexander Gérard nicht dabei, als er seinen Studienfreund, den Stararchitekten Jacques Herzog, im Dezember 2001 von der Möglichkeit einer Umwandlung des Lagerhauses in eine Konzerthalle überzeugen wollte.

Herzog besah sich das Bild. Ein Lagerhaus also. Darin befanden sich doch Sachen, oder? Kakao- und Kaffeesäcke. Die müssten dann ja wohl erst mal raus. Und so stapelte Herzog, was sich in dem Backsteinbunker befand, gedanklich obenauf.

Wenn daraus nicht der kühne Wellenschlag hervorgegangen wäre, vielleicht hätte es doch sehr früh einen Baustopp gegeben. "Die Schönheit hat das Projekt gerettet", meint Jacques Herzog.