Jetzt können sie in Hamburg natürlich sagen, sie hätten es immer gewusst. Wenn das Haus erst fertig sei, würde man seinem Glanz schnell erliegen. Wen kümmerten da noch die vielen, sehr vielen Millionen Euro, die es teurer wurde als ursprünglich angenommen.

Das könnten sie jetzt sagen.

Mit Blick auf Stuttgart etwa. Wo sie sündhaft teure Tunnelröhren für den unterirdischen Bahnhof bald durch das Anhydrit-Gestein treiben. Dort fragt man sich, ob die Milliarden, die das verschlingt, noch in einem Verhältnis zum späteren Nutzen stehen. Wie lange muss die Bahn 20 Minuten Zeitersparnis zusammenfahren, um die Kosten raus zu haben?

Oder mit Blick auf Berlin, wo ... ach, lassen wir das.

So können sie also reden in Hamburg. Else Schnabel tut es aber nicht. Die Wahrheit ist, dass die betagte Dame lange gezögert hat bei dem Gedanken, sich in die Phalanx der Elbphilharmonie-Unterstützer einzureihen.

Zu nichts gut, als Musik zu hören

Ihr Mann, der Milliardär Hermann Schnabel, hatte 2007 gefordert, man möge mit dem Unsinn aufhören. Einen "Baustopp" wollte er. Seine Begründung begann mit den Worten "Jeder Kaufmann weiß ...". Da waren die Baukosten von 186 auf 450 Millionen Euro angestiegen und der Grundstein gerade erst gelegt. Sollte sich Else Schnabel etwa gegen ihren Mann stellen?

Bei einer Führung durchs Haus erwachte in Else Schnabel der Wunsch, dabei zu sein – mit mehr als 100.000 Euro. © Kai Müller

"Ja, wenn ein Kaufmann rechnet, dann müssen die Zahlen stimmen", sagt die 80-Jährige beinahe entschuldigend. In Hamburg haben sie ja nicht mal einen Funktionsbau errichtet. Zu nichts gut, als Musik zu hören und seinen Anblick auf einer Landspitze der alten Speicherkais unvermeidlich zu finden.

Ein Juwel also.

Ein modernes Wahrzeichen schon jetzt für die Seefahrerstadt mit dem wellenförmig geschwungenen Dach, dieser erstarrten Meeresoberfläche.

Ein herrliches Bild auch für die Wankelmütigkeit und das Launische der See, der Hamburg seinen Reichtum verdankt. Diesen Anblick wollten vom ersten Entwurf an alle in der Stadt. Und diejenigen, die in ihr sehr reich geworden sind, durch ihr Geschick in Transportfragen zumeist, haben dann einiges privates Geld hineingesteckt in das bodenlos erschienene Objekt. Michael Otto, Versandkonzern-Chef, gab zehn Millionen und meinte sinngemäß: Wartet ab, es wird was Großes.

Das habe auch ihr Mann gedacht, sagt Else Schnabel nun wenige Tage vor Eröffnung des Konzerthauses. Er habe dem Senat bloß übel genommen, dass man sich mit vagen Schätzungen begnügte, dass die Zahlen nur so tanzten in den Kalkulationen. Hatte der Chemikalienhändler für jeden eigenen Planungsfehler nicht stets mit seinem Privatvermögen gehaftet? Das konnte man von den Politikern nun nicht gerade behaupten.

Damals lagen noch dunkle Schwaden über den Docks

Andererseits ging das Ehepaar Schnabel mit Fehlern durchaus großzügig um. Das Gebäude der Hamburger Staatsoper etwa kann man für einen einzigen Fehler halten. Ein moderner Nachkriegskasten. Hermann Schnabel stießen darin vor allem die Waschräume auf, und er setzte sich für deren Umbau ein.

Elbphilharmonie in Hamburg

"Mir war das fast peinlich", sagt Else Schnabel über die Leidenschaft ihres Mannes, ausgerechnet die Toiletten betreffend. Und sie lacht auf die raue, uneitle Art, die ihren Ursprung in einfacher Herkunft zu haben scheint. Ein Mädchen vom Hafen ist sie, ihr Vater arbeitete an den Kais als Stauervize, was bedeutete, "dass er die Lokomotive ins Schiff dirigierte", mit Handzeichen, die er dem Kranführer gab. Damals, als noch dunkle Schwaden über den Docks lagen und Arbeiter sich zu Tausenden in Barkassen zu den Werften und Lagerschuppen übersetzen ließen. Die kleine Else begleitete ihre Mutter freitags ins Lohnbüro, um das Geld für die Woche abzuholen.

Von dort ist es ein weiter Weg in die Poppenbütteler Villa, die Else Schnabel heute bewohnt. Zur Begrüßung hat sie geduldig an der Glastür des Entrees gestanden, bis der Gast zu Fuß vom Tor durch den weitläufigen Park und in das gleißende Licht des Baldachins gelangt ist. Die blonden Haare im Nacken hochgesteckt, trägt sie ein helles Kurzkleid, dazu Schuhe in derselben Farbe. Die Möbel sind in Weiß gehalten. An den Wänden hängen einige Bilder der französischen Impressionisten, die sie und ihr Mann Anfang der siebziger Jahre zu sammeln begannen.

Damals löste sich die Kunst gerade überall in Formlosigkeit auf, wurde zur Behauptung. "Wir wollten das Liebliche, das Hübsche", sagt Else Schnabel.

Manchmal geht sie immer noch zu Auktionen, aber sie bietet nicht mit. Noch ein Bild kaufen? "Wozu denn?" Sie könne ein weiteres Gemälde ja doch nicht aufhängen, sagt sie.

Unter Hanseaten schickt es sich ohnehin nicht, über Geld zu sprechen. Noch es zu zeigen. Man könnte von der Menge auf den Charakter schließen. Und was dächte man da wohl?