Jaki Liebezeit und sein Nachbar und musikalischer Partner Burnt Friedman, 2002 © Nonplace Records

Erinnerung ist ein großes Wort, wenn man einem Menschen nur einmal begegnet ist. Aber wenn er denn eine Legende war? Und Jaki Liebezeit, der am 22. Januar im Alter von 78 Jahren gestorben ist, war schon zu Lebzeiten eine Legende.

Sein repetitives Schlagzeugspiel hatte die Krautrocker von Can in entrückte Sphären getrieben. Man höre nur Halleluhwah, den unglaublichen Track auf Tago Mago, jenem Doppelalbum, das immer noch nicht klingt, als sei es 1971 aufgenommen worden. Groove & Loop weit vor der Zeit, ganz handgemacht, und darüber die drei schillernden Buchstaben des Bandnamens für communism, anarchism, nihilism. Lang, lang ist's her.

Ich bin Jaki Liebezeit erst in seinem zweiten Leben begegnet, am 26. Oktober 2005, und es war gleich ein Hausbesuch. Denn er wohnte in Köln am Hansaring im selben Haus wie Burnt Friedman, seinem Duopartner der späten Jahre, über den ich ein Porträt für die Zeitung schrieb. Der Altkrautrocker und der elektronikfixierte Mischpultnerd – was für eine grandiose Kombination. Liebezeit, damals 67, empfing mich in der Küche, die zugleich Kinderzimmer war, so habe ich es im Sinn. Sein kleiner Sohn wohnte gerade ein paar Häuser weiter, und alles war irgendwie verrußt. Hatte es gebrannt? In meinen Aufzeichnungen findet sich nichts dazu. Vielleicht war es die Energie dieses Mannes, die sich in die Wände gefressen hatte.

Ein musikalischer Konvertit

Liebezeit, leicht ergraut, Seemannspullover, rollte kurz sein Leben aus. "Seit 1966 war ich in Köln, 1968 ging's mit Can los." Vorher Trommler im Manfred Schoof Quintet, "wir waren mit die ersten Freejazzer". Kann man sich im Nachhinein kaum vorstellen: diesen Übergang von der grenzenlosen Freiheit zur strikten Reduktion. Liebezeit: ein Konvertit.

Und woher kannte er Friedman? "Irgendwie sind wir uns begegnet, Köln ist ja nicht so riesig." Die gemeinsame Vorliebe für ungewöhnliche Rhythmen – "Fünfachtel, Fünffünftel oder Siebenachtel, Neunachtel, Elfachtel" – sei wohl der Grund gewesen "für irgendeine Resonanz" zwischen den beiden. So konnte man es auch sagen. Liebezeit war kein Mann der Überschwänglichkeit. "Bei Musik hört die Freundschaft auf", das war so ein Satz von ihm.

Er spielte seit der Jahrtausendwende "ein anderes Schlagzeug", wie er es nannte, "nicht mehr Jazz oder Rock", er hatte es "vereinfacht", indem er auf sämtliche Pedale verzichtete. Oft benutzte er auch nur ein Becken, eine sehr kleine Snare, "eine Sopran-Snare". "Musik wird nicht besser oder schlechter, wenn man Pedale hat oder nicht", sagte er.  

Die Musik, die ihn anzog, orientierte sich nicht mehr an all den "amerikanischen Dingen". Er empfand Afrika, China, Indien als Inspiration. "Die Inder haben sich mit zwei Tablas beschieden. Es ist trotzdem schön. Ich stehe nicht mehr unter dem Zwang, 'Schlagzeug muss so und so sein'." Für den Viervierteltakt hatte er wenig übrig, das sei "der Rhythmus des Christentums, der Kreuzigung", der ganzen kommerziellen Musik, "der Normalheit, die es hier so gibt". Schon der Dreivierteltakt komme kaum vor, "außer in der Karnevalsmusik".

Bei Can habe er begonnen "monoton" zu spielen, wie es die Zeitgenossen empfanden. "Das wurde mir übel angekreidet. Ich würde mich dauernd wiederholen." Die Präzision unterlief er mit Unschärfe: "Ich habe nur zweimal im Leben Stücke auswendig gelernt für Bands. Das ist schrecklich, so was braucht man nicht. Da kann man besser eine Schallplatte auflegen."

Burnt Friedman hat bis heute fünf Platten mit Secret Rhythms destilliert aus seiner Zusammenarbeit mit Jaki Liebezeit über 16 Jahre. An die 200 Mal haben sie ihre von kühler Trance geprägten Livesets vor jungem Publikum gespielt, in Krakau und Prag, Kanada, Istanbul, Athen, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Polen, Dänemark, Belgien. Einen Eindruck gibt dieses Künstlervideo aus Berlin.

Vielleicht als Gegengewicht zur Arbeit mit dem Virtualitätstüftler Burnt Friedman pflegte Jaki Liebezeit das Spiel mit den Drums Off Chaos, einem Kölner Trommlerkreis. Zeitweise trafen sie sich fast jeden Tag und waren – in Liebezeits Worten – "immer nur an der Erforschung der Rhythmen interessiert, an so Sachen, die man auf der Schule nicht lernen kann". Eine Platte von ihnen gibt es nicht. Man musste schon hin, um sie zu hören. 

"Es gibt kaum noch gute Schlagzeuger", hatte Liebezeit bei unserem Treffen vor elf Jahren gesagt. "Art Blakey, Elvin Jones, Tony Williams, die sind alle tot, aber der Jazz ist eh gestorben, weil der Geist entwichen ist."

"Sein Geist könnte nicht präsenter sein", schreibt uns Burnt Friedman am Tag nach dem Tod seines musikalischen Alter Egos. "Er hat die Selbstverwirklichungslustigkeitsunterlassungstechnik für gespielte Musik eingeführt, ohne die man heute in programmierter Musik kaum auskommt; nur mit dem Unterschied, dass die Unterlassung des Spielens dort den Maschinen geschuldet ist und hier aber der Intention des Ausführenden."

Burnt Friedman ist auch kein Mann überschwänglicher Worte. Aber besser lässt es sich kaum sagen.