Diesmal hätten sie es einfach tun müssen. Der 43. Hauptträger des Ernst von Siemens Musikpreises hätte weiblich sein müssen, eine Preisträgerin, eine Frau. Nicht um meines feministischen Herzschlags willen oder aus Gründen der Gleichberechtigung (das, mit Verlaub, schon auch), sondern um den Ruf der Siemens Musikstiftung zu retten.

Diese tut seit 1974 enorm viel Gutes, ihr Hauptpreis ist nur die Spitze einer mächtigen Pyramide aus Förderpreisen, Festivals, Ur- und Erstaufführungen, Kompositionsaufträgen und Education-Projekten, die allesamt von der Unterstützung aus Zug in der Schweiz profitieren, wo die Stiftung steuerlich günstig sitzt. Ohne sie sähe die zeitgenössische Musikszene Europas zweifellos anders aus. Was nicht heißt, dass Fördertöpfe nicht auch Fördertröpfe sein können, indem sie die öffentliche Hand tendenziell aus der Pflicht entlassen und, ganz nebenbei, ihren persönlichen ästhetischen Vorlieben nachgehen. So weit zu den unverzichtbaren Verdiensten.

Der Ruf der Siemens Musikstiftung steht deshalb auf dem Spiel, weil die Liste ihrer Hauptpreisträger dieses Jahr einen Geschlechterproporz von 42:1 aufweist. Das geht so nicht weiter, das ist skandalös, diskriminierend und lächerlich.

Bei Männern zählt das Lebenswerk

Die einzige Preisträgerin stellt nach wie vor die Geigerin Anne-Sophie Mutter dar, die bis heute von (männlichen) Kommentatoren nicht nur als Feigenblatt für alle Gender-Fragen herangezogen wird, sondern auch als Beleg dafür, dass das Siemens-Kuratorium bei seiner Wahl keineswegs ideologisch vorgehe, also ausschließlich Neue Musik fördere. Abgesehen davon, dass sie hin und wieder ein bisschen Lutoslawski oder Dutilleux spiele, heißt es leicht säftelnd, habe Mutter mit Zeitgenossen nämlich nichts am Hut. Bei Alfred Brendel, Nikolaus Harnoncourt, Peter Schreier oder Dietrich Fischer-Dieskau war das kaum anders. Nur fällt es offenbar nicht ins Gewicht. Bei ihnen zählt die Lebensleistung, das Lebenswerk.

Eine einzige Frau unter 42 Männern, eine einsame Geigerin unter 42 Komponisten, Dirigenten, Pianisten, Sängern und Musikwissenschaftlern, das bedeutet: Die klassische Musik ist männlich. So männlich wie es in Politik, Wirtschaft und Industrie zuletzt in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zuging. 42:1, das behauptet frech: Es gibt keine Musikerinnen, deren Lebenswerk irgend preiswürdig wäre. Historisch, faktisch ist das falsch. 

Es gibt diese Frauen. Man muss noch nicht einmal lange nach ihnen suchen. Die Komponistinnen Sofia Gubaidulina, Adriana Hölszky oder Younghi Pagh-Paan wären ebenso geeignete Kandidatinnen wie die Pianistinnen Martha Argerich oder Maria João Pires oder die Musikwissenschaftlerinnen Eva Rieger, Nanny Drechsler und Beatrix Borchard. Selbstverständlich gehorcht auch dieses kleine dropping of names persönlichen Vorlieben und Einblicken. Bestimmt gibt es etliche andere, die den Preis genauso verdient hätten. Auch Männer übrigens. 

Die Stiftung trägt große Verantwortung

Das ist ja das Dilemma: Mit meiner alljährlichen Klage, dass es wieder keine Frau geworden ist, flicke ich, ob ich das im Einzelfall will oder nicht, den Preisträgern am Zeug. Darum aber geht es gar nicht. Es geht nicht um eine Quotierung der Musik oder darum, die einen gegen die anderen auszuspielen. Es geht darum, dass der breiteren Öffentlichkeit, die den Siemens Musikpreis sehr wohl wahrnimmt, im 21. Jahrhundert ein falsches Bild vermittelt wird, das sagt: Nur Männer können ein Leben lang hervorragend komponieren, dirigieren, über Musik nachdenken und Streichquartett, Klavier oder Geige spielen. Nur männliche Musiker bürgen für Qualität. Die Siemens Musikstiftung hat hier eine Verantwortung – und der wird sie nicht gerecht. Sie will es einfach nicht.

Warum bekommt also auch 2017 wieder ein Mann den Preis, nämlich der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard?

Ins zuständige Kuratorium haben es inzwischen neben sieben Herren auch zwei Damen geschafft (die Komponistin Isabel Mundry und die Intendantin Ilona Schmiel). Vielleicht können die beiden sich einfach nicht durchsetzen; vielleicht haben Frauen an anderen Frauen auch kein gesteigertes Interesse, um es vorsichtig zu formulieren. Das immerhin wäre ein Grund.

Schade für die Musik

Ein anderer liegt in der allgemeinen Wahrnehmung. Die sieben Herren in der Jury (Thomas Angyan, Hermann Danuser, Winrich Hopp, Enno Poppe, Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka, Nikos Tsouchlos) sind ganz sicher keine fiesen Machos und Patriarchen, die um jeden Preis (!) unter sich bleiben wollen. Oder nur ein ganz klein wenig, sozusagen als Reminiszenz an alte Zeiten. Aber sie sehen und hören offenbar nur diejenigen, die ohnehin mitspielen und dazugehören. Die gut sind in Seilschaften und im Wichtigtun. Schade. Schade insbesondere für die Musik.

P.S. Selbstverständlich ist Pierre-Laurent Aimard ein respektabler Preisträger. Die Souveränität, mit der er Ligeti oder Boulez spielt, dürfte seinesgleichen suchen. Zudem ist der 59-Jährige ein Tüftler und kluger Kopf. Sobald er sich allerdings dem klassisch-romantischen Repertoire widmet, Beethoven oder Schumann, kann er auch ziemlich langweilig sein.