Manche Menschen tanzen ihr ganzes Leben lang im Dunkeln. The xx schreiben die passenden Songs dafür, wollen aber selbst nicht länger zu diesen Menschen gehören. Aktuelle Auftritte dokumentieren den vergrößerten Bewegungsradius der ehemaligen Stillsteher-Band aus London: Ihre Gitarristin Romy Madley Croft und ihr Bassist Oliver Sim teilen sich das Rampenlicht in einer Mischung aus Eng- und Ententanz, während der Produzent Jamie Smith mit elastischen Knien hinter seiner DJ-Werkbank herumfedert. Sähen sie dabei nicht so unbeholfen aus, könnte man The xx für gewöhnliche Popmusiker bei der Arbeit halten.

Berühmt ist die Band allerdings für ungewöhnliche Popmusik an der Grenze zur Arbeitsverweigerung. The xx beriefen sich zu Beginn ihrer Karriere auf Chris Isaak, Aaliyah und die ebenfalls schlagzeugerlosen Post-Punk-Minimalisten Young Marble Giants. Oft blieb in ihren fertigen Songs nur das Nötigste von diesen originellen Einflüssen übrig: ein Murmeln, ein Seufzer, ein Gitarrensound, eine Pause. Man konnte Strenge und Formverliebtheit daraus ableiten und sah sich im Gothic-Barista-Look der Band bestätigt. The xx trugen schwarze Kleidung und geometrisch herausfordernde Frisuren. Ihre Blicke schienen sich stets auf Smartphones zu richten, die sie gar nicht in den Händen hielten.

All das war neu und aufregend im Jahr 2009, obwohl gar nicht viel passierte auf dem unbetitelten ersten Album von The xx. Die Chemie stimmte einfach, vor allem zwischen den singenden Sandkastenfreunden Madley Croft und Sim. Mit Contralto und Bariton vollführten sie ein Wechselspiel aus Andeutung, Annäherung und Fass-mich-nicht-an-Gesang. Es wäre falsch, zu behaupten, dass einer die Zeilen des anderen zu Ende brachte – beinahe alle Songs der Platte handelten schließlich von unerfülltem Wunschdenken. Es reichte jedoch für eine Million verkaufte Alben und eine Ahnung von erotischer Spannung im zu jener Zeit nicht gerade leidenschaftlich brodelnden Indiepop.

Knapp vorbei an der Selbstparodie

Viel wurde damals philosophiert über die xx-Aura, eine Verbindung aus Stilbewusstsein, sexiness und Verschwiegenheit. Die Bandmitglieder tauchten überall dort auf, wo sie ihre Gesichter nicht zeigen mussten: Werbespots, Filmmontagen, Pariser Laufstege. Konzerte, Interviews, Preisverleihungen und andere Termine mit Anwesenheitspflicht fielen ihnen hingegen schwer. Im Spätsommer 2012 erschien das zweite Album Coexist und schrammte nur knapp an einer Selbstparodie vorbei. Es war noch tiefer in sich gekehrt, noch sehnsuchtssäuselnder, enthielt noch weniger Musik zwischen den Pausen.

Nicht einmal die Musiker selbst scheinen dieses Album heute noch zu mögen. Am liebsten würden sie die zugehörigen Lagerkoller-Sessions und lauwarmen Rezensionen für immer aus ihren Erinnerungen streichen. Man kann Coexist aber auch anders sehen, als Schüssel zur Band, als xx-igste Platte von The xx. Kaum einer Gruppe zuvor oder danach ist es so überzeugend gelungen, Schüchternheit in Musik zu übertragen. Coexist war kein Eskapismusvehikel für verstockte Stubenhocker, kein Album der großen Träume. Es handelte von dem sehr realen Gefühl, nicht herauszukönnen aus seiner Haut.