© Radicalis

Yalta Club – Hybris (Radicalis)

Und jetzt? Das alte Jahr war ein Desaster, sein Nachfolger ist auf dem Weg dorthin, schon vor Trumps Antritt regiert ein Größenwahn, der Humanität und Wahrheit kraftstrotzend verachtet. Stellt sich die Frage, was ihm wahrheitsliebende Humanisten entgegensetzen – Angst, Wut, Zynismus? Yalta Club empfiehlt da Folgendes: einen eigenen Größenwahn, der die kraftstrotzende Verachtung mit optimistischer Selbstüberschätzung zurückverachtet. Das zweite Album der französisch-deutschen Popband heißt daher Hybris und lacht kaputt, was sie kaputt macht.

Schon das Auftaktstück, komponiert am Tag nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, fragt scheinbar bedrückt "why can't we both / love each other", ummantelt das jedoch musikalisch mit so gut gelaunten Loops und Steeldrums, dass daraus Hoffnung erwächst. Und die verpackt das Sextett fast alle elf Stücke lang in den eskapistischen Sound der Achtziger – nur fetter produziert, weniger pathetisch, ohne den Sarkasmus des Vorgängers oder überflüssige Orgelpeitschen, dafür voller Liebe zum elektronischen Detail und der Botschaft, es besser zu machen als die Größenwahnsinnigen des Hasses. Hybris heißt schließlich auch Übermut. Und davon kann ein wenig mehr mitunter nicht schaden.



© Lucky Number

Brandon Can't Dance – Graveyard Of Good Times (Lucky Number)

Vielleicht lautet die Botschaft 2017 ja generell: Weitermachen! Spaß haben! Jetzt erst recht! Vielleicht ist der emotionale Dauerwinter 2017 demnach die richtige Zeit, um einen Leguan mit Sonnenbrille und Energydrink im Puppenstubenliegestuhl aufs Plattencover zu setzen und die Orgeln dazu nicht eskapistisch, sondern hoffnungsfroh durch entfesselten Fuzzpop zu jagen. So jedenfalls tut es die ostamerikanische Band Brandon Can't Dance auf ihrem grandiosen Debütalbum Graveyard Of Good Times. Wenn ihr namensgebender Kopf Brandon Ayres dazu in kratzigem Indie-Falsett statt Trübsinn zu blasen "Dance with somebody / smoke and drive around" empfiehlt, sind alle Sorgen Ruckzuck weggeblasen. Dass dieses Wegblasen allerdings nicht wohlfeil nach seifigem Radiogedudel klingt, dafür sorgen zum Glück sperrig-schöne Arrangements, deren Sound gelegentlich wirkt wie abgetauchte Zackengitarren: blubbernd, fließend, verzerrt, tonal dem Moll zugewandt, verschroben wie einst Talk Talk, dann aber wieder voll sprühender Lebensfreude, als stünden Vampire Weekend Pate. Die gute Zeit ist längst noch nicht begraben.



© Bella Union

Flaming Lips – Oczy Mlody (Bella Union)

Um dem popkulturellen Tod durch Altersstarrsinn oder Kraftverlust von der Schippe zu hüpfen, gibt es für Künstler mit Beharrungsvermögen zwei Wege: alles wie immer. Oder nichts wie zuvor. Während die Rolling Stones auf Ersterem vermutlich sogar post mortem noch Stadien füllen, erneuern sich die Flaming Lips auf Letzterem beständig selbst. Es ist zwar schwer nachzuzählen, wie viele Alben die Progressive-Rocker um den geborenen Bühnenshowmaster Wayne Coyne aus Oklahoma exakt veröffentlicht haben. Fest aber steht: Das aktuelle klingt wie keines der mindestens 15 zuvor und vermutlich wie keines der 15, die da noch kommen. Seit 1983 lautet das Erfolgsgeheimnis schließlich: Alles rein, was geht, alles raus, was langweilt. Keine Anarchie, sondern Tabulosigkeit. Im Studio wird das gern mit Geigen und Gitarrensoli, Flüstern und Gebrüll im sekündlichen Wechsel serviert, live hingegen mit Effekthascherei von Kinderchor bis Kunstblutdusche, was allerdings nie selbstreferenziell klingt. Auf Oczy Mlody folgt dem seifenopernhaften Sunrise in diesem Duktus übergangslos das Wavemetalgefiepse Nigdy Nie und nichts daran wirkt bemüht, geschweige denn banal. Seit 33 Jahren.



© Staatsakt

Klez.e – Desintegration (Staatsakt)

Nun aber doch, unserer dystopischen Gegenwart angemessen, zu etwas Getragenem, Tristem: Klez.e. Das Berliner Trio entstand vor gut zehn Jahren kaum zufällig zwischen zwei Urkatastrophen (9/11 & Lehman), die damals noch als Zivilisationsbrüche galten. Einige Hundert zum Dauerzustand verdichtete Krisen später wirkt das Gespinst monochromer Bass- und zitternder Gitarrenläufe zu Tobias Sieberts bedrückter Stimme erst jetzt richtig zeitgemäß.

Mauern, Flammen, Nachtfahrt, November, Schwarz, Lobbyist, Drohnen, Requiem heißen die Tracks auf dem ersten Album seit 2009. Und genau in dieser Reihenfolge könnten die Titel auch den Text jedes einzelnen davon bilden. Als träfen sich The Cure und The xx unter Sieberts robertsmithhafter Haarexplosion zum Gräbertanz, quillt aus jeder Note, jeder Zeile ein Weltschmerz, der nichts anderes will als leiden. Melodramatiker können gut mitleiden, wenn Siebert minimalistisch untermalt "Fukushima-Lachs ins Bett" kotzt, während "die Wolken so dicht und so schwer" sind. Alle anderen dürfen zu lebensbejahenderer Musik hoffen, dass es bald auch mal wieder gut wird.



© Erased Tapes

A Winged Victory For The Sullen – Iris (Erased Tapes)

Ein Soundtrack verliert ohne den Film meist alle Wirkung. Es sei denn, er funktioniert auch häppchenweise, wie bei Quentin Tarantino üblich. Oder er erzeugt auch ohne Sichtkontakt Bilder im Kopf wie A Wingend Victory For The Sullen. Voriges Jahr hat das Ambient-Duo aus Berlin und Brüssel Jalil Lesperts Erotikthriller Iris über eine Frau vertont, die mit fatalen Folgen ihre Entführung vortäuscht, um offenbar von ihrem Mann loszukommen. Nun erscheint die zugehörige Musik und schafft etwas Außergewöhnliches:

Allen die den Film gesehen haben, läuft er abermals vor Augen ab; dem Rest offenbart sich das Gehörte als metaphorischer Tagtraum, aus dem man kaum erwachen will. Dank modularer Synthesizer und einem 40-köpfigen Orchester erzeugen Adam Bryanbaum Wiltzie und Dustin O'Halloran auf ihrem dritten Soloalbum eine Atmosphäre, die das Publikum im permanenten Wechsel von Künstlichkeit und Analogie noch weiter aus der Gegenwart zu entführen vermag als der Film selbst. Iris, ein kleines musikalisches Wunder.