Vermutlich findet niemand die Band Bilderbuch so lächerlich wie Bilderbuch selbst. Das ist schon mal ein guter Anfang. Seit knapp drei Jahren turnt die Wiener Popgruppe in Polyesterkostümen und Schnellfickerschuhen durch Konzerte, Videos und Fotosessions. Die Musiker sitzen im geliehenen Lamborghini, knöpfen die Hemden auf oder lassen sie ganz weg – und sehen dabei aus wie ihre eigene Mini-Playback-Show-Kopie. Der Sänger Maurice Ernst, Spitzname Maurice Antoinette, kann böse gucken wie Bert aus der Sesamstraße. Er trägt Gold um den Hals und Platin auf dem Kopf. Bald wird er auch Platin an der Wand haben.

Seine Band gibt es inzwischen zum zweiten Mal. Die erste Variante von Bilderbuch bestand aus Klosterschülern und sah nach normal-verlotterten Rockmusikern aus. Zwischen 2005 und 2011 spielte sie zackigen Achtziger-Jahre-Gitarrenstoff: Gang Of Four, Talking Heads, Franz Ferdinand. Wenn sich Ernst mit seinen am deutschsprachigen Diskurspop geschulten Texten zur Hysterie aufschwang, wurden Bilderbuch zu einer Proberaumversion der Prog-Paranoiker Muse. Ihr brotloser Kunstwille machte Kritikerlieblinge aus ihnen. Normalerweise lösen sich solche Bands nach dem dritten Album auf.

Bilderbuch waren schneller und radikaler: Sie radierten schon vor dem dritten Album ihre alte Identität aus, um sich mit dem Album Schick Schock vor zwei Jahren vollkommen neu zu erfinden. Anderer Look, anderer Sound, eigenes Label, aber mit Major im Rücken. Ernst stellte sich etwas dümmer, als er ist, und sang über Sex, als wollte er wirklich Sex haben. Seine Band drehte auf wie ein Karnevalsverein am Fastnachtsdienstag. Humor wurde zum legitimen Stilmittel, der alte Schlagzeuger durch einen Kanye-West-Fan ersetzt. Seitdem klingen Bilderbuch wie eine Müllkippe für aktuelle Poptrends. Das ist als Kompliment gemeint.

Da gehen einem die Argumente aus

Das Interessanteste an dieser Verwandlung ist, wie kalkuliert sie vollzogen wurde. Die zweite Variante von Bilderbuch ist so dreist und offensichtlich auf Erfolg ausgelegt, dass sie sofort alle Ausverkauf-Argumente entkräftet. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Band plötzlich auf West und Prince und Frank Ocean steht, und man glaubt auch nicht, dass sich die Musiker selbst so geil finden, wie sie tun. Das macht Bilderbuch aber nur noch geiler. Natürlich könnte man ihnen eine Authentizitätsdebatte aufzwingen. Das jedoch wäre deutscher als Björn Höcke. Der größte Liebestöter aller Zeiten.

Die Sache ist: Popmusik muss nicht von der Band gefühlt werden, die sie spielt, sondern von dem Publikum, das sie hört. Bilderbuch spüren gar nichts mehr auf ihrer neuen Platte Magic Life. Das erkennt man an Synthesizern, die klingen wie einstürzende Hauswände, an ihrem Urvertrauen in Auto-Tune, Songtiteln wie Sneakers 4 Free und grandios-debiler Sprachakrobatik, die "rivers of cash flow" auf "Sprit für die Aftershow" reimt. Es gibt Reggae-Stücke und Rap-Sirenen auf dieser Platte. Ein ausgeliehenes Ladekabel wird zum Liebesbeweis, und im Song Babylon sitzen Jesus und Mohammed als Einflüsterer auf Maurice Ernsts Schultern. Ihre Empfehlung: mehr Drinks, mehr Dance, mehr Facebook-Friends.

Nächste Woche werden Bilderbuch mit ihrer Quatschmusik wahrscheinlich auf Platz eins der österreichischen Charts stehen. In Deutschland und der Schweiz sind die Aussichten ähnlich. Dieser Erfolg gibt der Band nicht unbedingt recht, aber eine Daseinsberechtigung. Er fällt nicht zufällig in die Zeit eines Aufschwungs für Pop aus Österreich, der in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Austro-Pop-Lobpreisungen provozierte, vor allem im deutschen Feuilleton. Wanda marschierten voran, der Nino aus Wien hinterher. Voodoo Jürgens lag irgendwo dazwischen auf einer Parkbank und schlief den Rausch von gestern aus.