Der Wink mit dem Zaun: Katy Perry während ihres symbolträchtigen Auftritts bei den Grammys © Christopher Polk/Getty Images

Nahezu die gesamte Unterhaltungsbranche war gegen Trump und doch konnte sie seine Wahl zum US-Präsidenten nicht verhindern. Alle Deutlichkeit nutzte nichts. Die Massenkultur vermochte die Massen nicht in ihrem Sinn zu beeinflussen. Das ist schon eine gewisse Kränkung.

Aber die jüngsten Politisierungen der Popmusik sind zum Teil auch erschreckend unsubtil ausgefallen, vielleicht liegt darin ja sogar die Ursache. Zwei Linien des musikalischen Widerstands lassen sich erkennen. Entweder man spiegelt die rechtspopulistische Weltsicht: Wir hier – die aufgeklärten Freunde der Freiheit –, dort die anderen. Oder man geht es an wie John Lennon: Händehalten für den Weltfrieden, bis es wehtut.

Wie soll es mit der Popmusik im Jahr 2017 weitergehen? Müssen wir uns auf ein Schreckensszenario vorbereiten, in dem mit voller Lautstärke die allerbesten Absichten beteuert werden? Wenn der Pop sich mit den einfachen Antworten begnügt und glaubt, einfach nur ein "Anti" ins Rauschen der Meldungen hineinbrüllen zu müssen, wird es nicht genügen. Das ist nicht nur ästhetisch furchteinflößend, vor allem aber geht es auch normativ und strategisch den falschen Weg. Es würde lediglich den Dogmatismus der einen Seite durch den eigenen ersetzen. Aber: Der Zweifel ist eine Tugend.

Hier die Guten, da die Schlechten

Bei den Grammys Mitte Februar: Katy Perry tanzt vor einem großen Zaun. Schließlich zerfällt er. Die Teile werden zur Projektionsfläche. "We the people" erscheint in großen Lettern auf den Mauerteilen, der Gründungsmythos der Nation. Ein Bezug nicht zuletzt auf die anschließende Performance und das vielgelobte Abschiedsalbum von A Tribe Called Quest. Auch in deren Auftritt zerfällt eine Mauer. Der "Präsident Agent Orange" wird angekeift.

Nun ist das Spiel mit der Mauersymbolik weder besonders originell noch hintergründig. Aber Roger Waters macht mit. Gerade hat der 73-Jährige damit gedroht, Pink Floyds The Wall vor der US-Grenze zu Mexiko aufzuführen, wenn Trump dort seine geplante Mauer bauten sollte.

Auf der einen Seite die Guten, da drüben die Schlechten. Diese Dichotomie beschwor Madonna bereits am Tag nach der Inauguration des neuen Präsidenten auf dem Women's March. Obwohl sie von Einigkeit und Zusammenhalt sprach, markierte sie das Gegenüber, das eben nicht nur anderer Meinung sei, sondern das Böse schlechthin. Diese Rhetorik passt bestens in die Art von Diskurs, die George W. Bush und die Tea Party befeuerten. Madonna ging die Kritiker des Marsches direkt an: Man kann ihr "Fuck you!" als Punkisierung des Protests verstehen. Es ist aber auch eine bloße Aneignung des Dogmatismus und des Ressentiments der Rechtspopulisten. Die scharfe Trennung zwischen moralisch Falschliegenden und Aufrechten. Die Emotionalisierung bis hin zur diskursiven Gewalt, die im Anschreien mündet. Wenn der Popkultur nichts Besseres einfällt, als sich dieser Mittel zu bedienen, ist das ein weiterer Erfolg der Trumpisten. Sie diktieren die Regeln.

Der unpräzise Blick

Geht es auch etwas weniger plakativ? Vor einigen Wochen hat die kanadische Band Austra ein Album veröffentlicht namens Future Politics. Der Titel ist Bekenntnis genug, so erscheint es. Als sei eine zukünftige Politik automatisch eine wünschenswerte. Katie Stelmanis singt über Menschen, die niemanden in ihrer Stadt kennen und über den Highway zur Arbeit fahren. Das soll vermutlich eine Art Schadensanalyse sein. Stelmanis sagt, sie wolle eine Welt ohne Grenzen denken. Ein Universalismus, der völlig unbestimmt jedem um den Hals fällt. Während Madonna das Ressentiment und den Diskursabbruch übernimmt, antworten Austra auf die Rede von der Alternativlosigkeit mit der prinzipiellen Möglichkeit von allem.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Anohni, vormals Sängerin bei den großartigen Antony and the Johnsons, ihr erstes Soloalbum Hopelessness. Die Kritiker waren begeistert. Zu sehr geschmackvollem Pathos-Elektro sang sie zunächst über den menschenverursachten Klimawandel, um sich dann in Drone Bomb Me in ein neunjähriges Mädchen hinein zu fühlen, das seine Eltern bei einem Drohnenangriff verloren hat. Ganz viel Empathie, ganz viel Trauer. Ernsthaft, ein Kinderschicksal? Das ist eine sehr schlichte, manipulative Überwältigungstaktik. Wer wäre nicht für die Lebenshoffnung, zumal einer Neunjährigen? Wo bleibt der präzise Blick? Wo wird da etwas verstanden – und etwas verständlich? 

Auch Fiona Apple, sonst eine bemerkenswert hellsichtige und ungemütliche Künstlerin, war sich nicht zu schade, eine kleine Anti-Trump-Protesthymne zu entwerfen. Sie besteht nur aus der Zeile: "We don’t want your tiny hands / anywhere near our underpants." Sicherlich eignet sich ein solcher Spruch dazu, auf Demos weltweit skandiert zu werden. Und doch: Warum soll man Plumpheit mit Plumpheit beantworten?