Irgendwann Anfang November 1955 wurde der Rock'n'Roll erfunden, und das ging so: Marvin Berry hörte auf einer High-School-Feier, wie ein junger weißer Teenager einen R&B-Song auf interessante Weise daher schrubbte. Umgehend rief er seinen Cousin Chuck an und ließ ihn am Telefon mithören, wie Marty McFly Johnny B. Goode spielte. Und weil Marty McFly nur ein wandernder Teenager war und der andere ein gerissener Musikant, gilt Chuck Berry als Erfinder des Rock'n'Roll.

Diese berühmteste Möbiusschleife der Popgeschichte stammt natürlich aus Robert Zemeckis' Zurück in die Zukunft. Manche haben sich 1985, als der Film die Kinos stürmte, darüber geärgert. Schließlich schien sich der Film über die betrübliche Wahrheit zu belustigen, dass die Erfolgsgeschichte des Rock eine weiße, seine Urheberschaft jedoch schwarz war – Elvis, Rolling Stones, Nirvana.

Aber natürlich liegen die Dinge komplizierter. Denn Chuck Berry, dem hier mit einem seiner bekanntesten Songs die Ehre erwiesen wird, war nicht nur einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Sondern auch ein cleverer Hustler. Genau einmal stand er, 1972, an der Spitze der US-Popcharts. Musikalisch nicht gerade eine seiner Sternstunden, sang er in My Ding-a-Ling von seinem Schwanz. Einerseits ein typischer Rocktitel also, gewinnt die live eingespielte Hitversion durch die Publikumsbeteiligung: Männer und Frauen und alle durcheiner singen vom frohen Spiel mit ihren Glöckchen. Nicht dass es dem grinsend libertären Gedanken widerspräche, aber Berry, der schon in einer harmloseren Version aus den Sechzigern als Urheber geführt wird, hatte den Song von Dave Bartholomew geklaut. Und Maybellene, sein erster Hit von 1955, beruhte zu einem nicht geringen Teil auf einer Countrynummer namens Ida Red von Bob Wills.

Er verklagte die Beatles

Für solche Feinheiten hatte ein schwarzer Musiker seiner Generation einfach keine Zeit. Gerade in der sogenannten Race Music, also dem Blues und R&B in Zeiten der Rassentrennung, war die Enteignung gängige Praxis. Berry sorgte dafür, dass er nicht zu denen gehörte, die sich ihre Musik abgaunern ließen. Dabei hat man es natürlich mit Genre-Musik zu tun, und die ungefähren Variationen von Berry-Riffs sind so endlos wie die offensichtlichen Coverversionen. Pionierhaft verklagte Berry zum Beispiel die Beach Boys (Surfin’ USA) und die Beatles (Come Together) wegen Urheberrechtsverletzungen; und noch 2005, mit fast 80, stritt er mit ein paar Karaoke-Unternehmen über etliche Millionen Dollar Tantiemen. Als einer der wenigen Musiker seiner Generation besaß er die Rechte an seinen Songs, und sucht man danach, kommt man schnell auf seine Website, die exakt die Cent-Gebühren für Coverversionen auflistet.

Berry war einer der frühen selbstbewussten Vertreter der später im Hip-Hop popularisierten Forderung, "to be paid in full", ordentlich bezahlt zu werden. Und Beispiele seiner misstrauischen Knickrigkeit gehören in jeden Bericht: Wie er keine feste Band wollte und auf Tour lieber mit billigen, ortsansässigen Muckern spielte; wie er seine Gagen vorab verlangte und dann bar in seinen Gitarrenkoffer packte; wie er Keith Richards durch spontane Tonart- und Tempowechsel demütigte, als der für den Berry-Tribute-Film Hail Hail Rock'n'Roll mit ihm auf der Bühne stand. Legendärer – und noch unterhaltsamer – ist allerdings sein künstlerisches Vermächtnis.

Geboren wurde Charles Edward Anderson Berry am 28. Oktober 1926, in St. Louis, Missouri – nicht "deep down in Louisanna close to New Orleans", und er kam auch nicht aus einer Hütte im Wald, wie es in dem dennoch emblematischen Johnny B. Goode heißt. Er bringt sich selbst das Gitarrespielen bei und tritt schon zu High-School-Zeiten auf. Allerdings muss er die Karriere ein wenig verschieben, nachdem er sich für eine Spritztour ein Auto geklaut, einen Laden ausgeraubt hat und 1944 für drei Jahre ins Gefängnis muss. Er wird – 1963 wegen angeblicher Verführung Minderjähriger, 1979 wegen Steuerbetrugs – noch weitere Male dorthin zurückkehren, was seine Laufbahn unterbricht. Wieder draußen heiratet er Themetta Suggs und bleibt mit ihr bis zu seinem Tod zusammen. Er arbeitet am Fließband und spielt nebenher in Bands. Seine professionelle Karriere beginnt bezeichnenderweise, als er in Johnnie Johnsons Truppe den Saxofonisten ersetzt und dann selbst die Band übernimmt. Der Pianist Johnson wiederum blieb bis in die siebziger Jahre ein enger musikalischer Mitarbeiter und Arrangeur (und nicht nur Keith Richards ist er Meinung, Berry habe ihn um seine Tantiemen geprellt). Ein durchaus emblematischer Moment: Berry markiert den Punkt, an dem sich die Gitarre gegen das Saxofon als Führungsinstrument in der populären Musik durchsetzt – wie es der Gitarrenheld aus Johnny B. Goode später erklärt.