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Depeche Mode – Spirit (Columbia / Sony)

Donald Trump (sorry, er schon wieder) hat gerade keine Zeit für Depeche Mode. Er muss sich mit Snoop Dogg zoffen. Depeche Mode haben aber Zeit für Trump und seinesgleichen, ein ganzes Album lang. Die neue Platte der ewigen Synth-Pop-Alleinherrscher, indirekt verantwortlich für unzählige fortlaufende Depeche-Mode-Partys und daraus resultierende Eheschließungen, wird derzeit auf Großstadtplakaten und den Titelblättern diverser Musikmagazine als Protestmusik für eine entrücke Gegenwart beworben. Lethargie, Internet, Despoten, Überwachung, Chemtrails ­– Sie wissen schon.

Dave Gahans Diagnose: Es geht rückwärts mit der Menschheit. Da wollten Depeche Mode offenbar vorauseilen und komponierten für ihr 14. Album Spirit ein Dutzend Elektropopsongs, die man schon im Jahr ihrer letzten bedeutenden Platte (Spoiler Alert: Ultra von 1997) als altbackene Gruftiklischeemusik abgekanzelt hätte. Gahan sinniert dazu über Hungersnöte, großes Kapital und Revolutionsmüdigkeit, als gelte es ein Scrabble-Brett zu füllen: Er versucht gar nicht erst, irgendwelche Zusammenhänge zwischen den Begriffen herzustellen.

Unsere Verschwörungstheorie: Depeche Mode gibt es gar nicht mehr. Die Band wurde vor 20 Jahren durch einen Depeche-Mode-O-Mat ersetzt, der seitdem Albumtitel, Texte, Songs und Effekte berechnet, die gerade ausreichen, um die nächste Hologrammstadiontour auszuverkaufen. Die echten Musiker verbringen ihre jeweiligen Lebensabende derweil in einem englischen Seasideparadies, etwa Brighton oder Blackpool. Einzuwenden wäre dagegen gar nichts. Dem Computer könnte aber mal jemand ein Update draufspielen.


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Judith Holofernes – Ich bin das Chaos (Embassy Of Music / Warner)

Das zweite Soloalbum von Judith Holofernes heißt Ich bin das Chaos und macht nicht nur diese Drohung wahr. Holofernes singt gesellschaftskritisch gemeinte Texte über Menschen, die nicht mehr von der Straßen aufstehen wollen, gibt Anleitungen zum korrekten Leiden und plädiert für einen moderaten Umgang mit den wunderbaren Möglichkeiten des Breitbandinternets. Der jungen Lisa empfiehlt sie binnen eines Refrains, ihren Mitbewohner rauszuwerfen, aus der Wohnung auszuziehen (beides?!), den Arschlochfreund abzuservieren und ihren Callcenterjob hinzuschmeißen. Die Welt liegt dir zu Füßen, Lisa!

All das ist so konstruktiv, dass man ein ganzes Wochenende mit Chips und Videospielen auf der Couch verbringen will, um wieder klarzukommen. Holofernes lässt aber nicht locker: Ihren Texten stellt sie ebenso ambitionierte Songs zur Seite, Kammer-, Piano- und Powerpop, natürlich "gut gemacht", jedoch gefangen in der eigenen Cleverness. Wenn Ich bin das Chaos fröhlich ist, klingt es verschmitzt. Wenn es wütend ist, klingt es auch verschmitzt. Deshalb beinahe wohltuend: das sagenhaft peinliche Friedrich-Schiller-Intro zur Gitarrenschunkelnummer Oder an die Freude.



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Sookee – Mortem & Makeup (Buback / Indigo)

Sookee kann Darwin genauso gut wie Sesamstraße. Versucht sie beides zugleich, gelingen der Berliner Rapperin Songs wie Queere Tiere: eine Hymne auf das Sexleben von Seepferdchen, Schnecken und Pinguinen, die Angela Merkel für ihr ungutes Bauchgefühl in Gleichstellungsfragen abwatscht, aber auch den Biologieunterricht bereichern könnte, falls es "gaye Giraffen" und "promiske Primaten" jemals auf den Lehrplan schaffen sollten. Wenn Sookee rappt, erlebt man Kinder und Kanzlerin im Staunen vereint.

Queere Tiere ist die erste Single aus dem vierten Sookee-Album Mortem & Makeup. Alles darauf dreht sich um vermeintliche Widersprüche zwischen Politik und Party, Uni und Straße, Kampf und Versöhnung. Die Musik orientiert sich angenehm undeutsch an dreckigen Trap-Rap-Produktionen, der Wortschatz ist jedoch mindestens gehobenes Duden-Niveau. Die feministische, antirassistische, antinationale Message ist wichtig, der Kater nach dem Club natürlich auch. Sookee verrenkt sich manchmal etwas angestrengt bei diesem Powerstretching, kann den einen oder anderen Muskelfaserriss aber verkraften. Zwischen den Stühlen ist es eben selten gemütlich.



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Spoon – Hot Thoughts (Matador / Beggars / Indigo)

Eigentlich sind Spoon das Schlimmste, was es gibt: eine Rockgruppe, die nicht mehr auf der Suche ist. Sound, Themen, Nische – die texanische Band um den exzellent frisierten Songwriter, Sänger und Gitarristen Britt Daniel hat alles längst gefunden. Im Drei- bis Vierjahrestakt veröffentlicht sie neue Platten, jedes Mal geht es darauf um Sturköpfigkeit, Triebstauprobleme und andere Teenage-Angst-Angelegenheiten, aus denen man mit Mitte Vierzig langsam mal herauswachsen könnte. Warum also werden Spoon immer besser?

Hot Thoughts ist das neunte Album ihrer 24-jährigen Bandgeschichte und weiß auch keine Antwort darauf. Spoon erkunden Schleichwege zwischen Schrammelrock und Motownsoul (wie immer), ihre Rhythmusgruppe stampft wie Kleinkinder in rutschfesten Socken (wie immer) und Daniel singt im unnachahmlich angenervten Tonfall über Tage, an denen ihm selbst unerhebliche Sorgen vorkommen wie das Ende der Welt (wie immer). Was soll man sagen? Die Formel funktioniert einfach. Spoon sind mühelos, aber exakt, aufgewühlt, aber nie angestrengt. Sie klingen genau so, wie eine Million andere Bands gerne klängen.



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Adna – Closure (Despotz / Cargo)

Am Ende dieser Kolumne ist fast keine Musik mehr übrig. Kein Problem für Adna. Die schwedische Songwriterin schmeißt ihr drittes Album Closure mit der Basisausstattung für geknickte Popmusik: unverzerrte xx-Gitarren, ein selten, aber donnernd eingesetztes Schlagzeug, Klaviertupfer, Streicher für das große Finale und ergriffener Gesang, der die Backgroundchöre gleich mitliefert. Bienenwachskerzen, Patschulischaumbad und Sanddornfrüchtetee muss man allerdings selbst dazukaufen.

Closure ist Musik auf der sicheren Seite, klingt aber nie nach Plastiktüte über dem Fahrradsattel. Adna steht zu tief drin in ihren Einsamkeits- und Verlassenentexten, als dass man sie für Effekthascherei halten könnte. Ihre Songs sind aufrechter Kitsch, hart zu sich selbst, sanft im Umgang mit dem anvisierten Publikum. Käme die Künstlerin aus England, bräuchte dort niemand mehr Bands wie die Londoner Herzschmerzstylisten Daughter. Adna schreibt ihre Lieder jedoch in Berlin ­– und liefert den Soundtrack zur Existenzkrise zwischen zwei Behördengängen, Bodenpersonalstreiks und Ausflügen ins Brandenburger Umland.