© Sony

Body Count – Bloodlust (Sony)

Wenn die Revolution wirklich ihre Kinder frisst, war sie bei Body Count besonders hungrig. Drei der fünf Pioniere des Crossover aus Hip-Hop und Hardrock, die Ende der Achtziger erstmals gegen den staatlichen Rassismus der USA anbrüllten, sind längst tot. Der Frontmann Ice-T führte den Kampf weiter; schließlich änderte sich selbst mit Barack Obama wenig an jener Blaxploitation. Mit dem testosteronsatten Zorn schwarzer Selbstermächtigung hatte der Gangsta-Rapper darauf schon während der Ära Reagan reagiert. Nie zuvor gab es jedoch bessere Gründe für antirassistischen Furor als angesichts des WASP-Berserkers Trump im Oval Office. 

Vielleicht erklärt das, warum Bloodlust exakt so brutal klingt, wie es betitelt ist. Früher nutzte er knüppelharte Gitarrenriffs als musikalisches Accessoire. Heute dominiert Speedcore, der akustisch dauernd an Polizeigewalt im Ghetto erinnert. Bloodlust covert also bisweilen nicht nur Slayer, es beschleunigt deren Thrash Metal, bis vom Hip-Hop nur ein Sprechgebrüll übrig bleibt, dem man sich jetzt wie einst kaum entziehen kann. "I’ve been talking about this shit for over twenty years", rappt Ice-T in Black Hoody, während Ernie C wie 1989 seine Saiten malträtiert. Es hat nicht den Anschein, als würden die zwei je damit aufhören. Gut so.



© Warner

Formation – Look At The Powerful People (Warner)

Die leichtere, entspannte, die Popvariante des Crossover mit durchaus emanzipatorischer Stoßrichtung spielt hingegen eine Band namens Formation. Ein blutjunges Quintett um die recht ansehnlichen Brüder Will und Matt Ritson aus der englischen Eliteuniversitätsstadt Oxford. Auf ihrem Debütalbum besingen sie gesellschaftliche Missstände mit spürbar großer Hingabe. Andererseits beinhaltet Look At The Powerful People trotz zart angedeuteter Gesellschaftskritik, etwa ein paar Querverweisen aufs Dilemma eines schönen Lebens im Falschen, nichts Rohes, Rabiates, Zorniges. Es dominiert ein lustvoll swingender Mix aus jazzigem Funk und technoider Disco mit einer Ladung alternativem Glamrock. 

Den Ballast der entfaltungswidrigen Realität formulieren Formation dabei eher ästhetisch als klanglich, nämlich in ihren Videos: Mit einem hochglänzenden Motorradfilmchen aus der britischen Betontristesse zum Beispiel, gedreht von keinem Geringeren als Mike Skinner aka The Streets. Oder sie illustrieren es im Clip zu A Friend mit einer selbstreferenziellen Endlosschlägerei im öffentlichen Nahverkehr, die das Thema Freundschaft als Gewaltorgie inszeniert. British Cool hat wieder Spaß am Krawall. Und trotzdem Soul.



© Unique Records

Gato Preto – Tempo (Unique Records)

Wie schön ist doch überraschte Unwissenheit! Wer Gato Preto hört, muss schon ganz schön sachkundig sein (oder die Packungsbeilage studieren), um dem Debütalbum Tempo anzuhören, was das Ethnosound-Duo alles hineingepackt hat: Favela-Funk aus Rio, südafrikanischen Township-Kwaito, Hybridtech namens Kuduru, wie er Angolas Disco gerade zum Sieden bringt, das Ganze angereichert um hitzige Percussions des Senegalesen Moussa Diallo. 

Klingt in Kombination entfesselt, lebendig, tanzbar, viril. Klingt jedoch noch etwas entfesselter, lebendiger, tanzbarer, viriler, wenn man hört, wo Gata Misteriosas und Lee Bass zu Hause sind: Düsseldorf. Hier ist die portugiesische Sängerin mit mosambikanischen Wurzeln auf den DJ mit ghanaischen Wurzeln getroffen und hat eine Platte aufgenommen, die dem Karneval vor Ort das Humptataa austreibt. Dass sie dennoch nie ins Folkloristische abgleitet, liegt vor allem an Lees Bass, den er jedem Song magenerschütternd unterjubelt. Und an wunderbar verspielten Samples aus dem Zylinder des Discozauberers. Vier Kontinente, fröhlich vereint am Rhein. Hinreißend!



© Arts & Crafts

Kid Koala feat. Emilíana Torrini – music to draw to: satellite (Arts & Crafts)

Man muss sich die Ruhe im Leben von Eric San als Tinnitus vorstellen. Um sich des irrealen, also im Hirn erzeugten Pfeifens zu entledigen, neigen Betroffene dazu, es mit realen, also im Ohr vernehmbaren Geräuschen zu übertönen. Unter dem DJ-Namen Kid Koala jedenfalls kreiert San für gewöhnlich eine Soundwand, an der Stille abprallt wie das Meer am Fels. Er gilt als einer der virtuosesten Turbtableisten der Welt. Jetzt, nach 20 Jahren im Geschäft, ist ihm ein Album von geradezu aufreizender Lautlosigkeit gelungen. Flüchtig, fast unsichtbar bebildert durch den Feengesang der Isländerin Emilíana Torrini, erzählt music to draw to: satellite die Liebesgeschichte zweier tragisch Getrennter als Dreampop-Oper in 18 Akten. Ihre Schlichtheit wirkt eher wie der Soundtrack epischer Naturfilme aus Torrinis Heimat als wie die sechste Platte des technoaffinen Scratchers. Umso mehr fasziniert die Eleganz, mit der sich Kid Koala auf fremdem Terrain bewegt. Wie er analoge Streicher und Samples mit digitalen Bits und Flächen zu einem Kammerambient verschmelzen lässt, als entspränge beides demselben Instrumentarium. Ein Album wie ein Film.



© City Slang

Hauschka – What if (City Slang)

Seit jeher im Spannungsfeld von analoger und digitaler Klanggenese daheim ist der experimentelle Pianist Volker Bertelmann alias Hauschka. Als Grenzgänger zwischen moderner Klassik und futuristischem Pop präpariert er Klaviere zu kybernetischen Wesen, die klingen wie orchestrale Großrechner. Mit dieser künstlichen Funktionserweiterung vertont der 50-Jährige aus Westfalen längst auch Filme von Weltrang, was ihm erst voriges Jahr eine Oscarnominierung für seinen Score zu Lion eingebracht hat. Kein Wunder, dass auch What if, sein 15. Album in 13 Jahren, Töne zu Worten formt, die niemand spricht, und Harmonien zu Bildern, die man mit geschlossenen Augen sieht. Hauschkas Geheimnis liegt in seiner Fähigkeit, die schwelgerische Harmonie rastloser Partituren mit elektronischer Dissonanz zu unterwandern und kontrastreich in Einklang zu bringen wie Ying und Yang. Nie wirkt es dabei, als käme er dort an, wo es ihn hintreibt. Jeder Song gleicht einer Suche nach Ruhe, die doch nur Antrieb der nächsten Suche ist. Ein Film wie ein Album.