Angesichts der täglichen Nachrichtenlage ist Eskapismus eine durchaus verständliche Reaktion. Während Trump so twittert, sehnt man sich doch nach einem Schaumbad mit Kerzen und Rotwein oder einem Basejump-Anfängerkurs. Oder aber einem neuen Album von Jamiroquai. Im geistigen Eremitendomizil liegt man mit verkokstem Acid-Jazz-Disco-Funk nie ganz daneben. Und wie passend: Nach sieben Jahren veröffentlicht die britische Band jetzt ihr neues Album Automaton.

Zunächst scheint alles beim Alten zu sein. Da ist der Federschmuck auf Jay Kays Kopf. Da ist die eigentümliche Mischung aus Science-Fiction und technologischem Skeptizismus. Da ist Jays Liebesleben, das es offenbar nur in Form verflossener oder zu umgarnender girls gibt. Da sind all die thematischen Bausteine, aus dem sich der Jamiroquai-Kosmos schon immer zusammensetzte. Was Mitte der Neunziger in einem allgemeinen Gejauchze aus Mauer-weg, Internet-da und Völker-rücken-zusammen wunderbar funktionierte und sich in einer Universalmischung aus Didgeridoos, adidas-Trainingsanzügen und sinnbildlichen Ausritten ins Weltall zeigte, passt aber leider nicht in die Gegenwart. Automaton ist nervtötend und ärgerlich.

Die Elektrifizierung, die 2001 mit A Funk Odyssey begonnen hat, findet auf dem neuen Album ihren vorläufigen Höhepunkt. Kaum eines der neuen Stücke kommt ohne digitalen Extrawumms aus. Frühere Platten lebten zu einem nicht geringen Teil von ihrem Abwechslungsreichtum in Rhythmik, Klangfarbe und Instrumentierung. Dagegen wirkt Automaton recht eindimensional und blutleer, glatt poliert und bisweilen effektheischend.

Auf der Neunzigerparty eingepennt

Schade um Jamiroquai. Diese Band überzeugte jahrelang durch große Spielfreude und die Lust an der Überwindung musikalischer Genregrenzen. Auf ihrem Debüt Emergency On Planet Earth warf sie 1993 den Innovationsmotor an. Unbefangen bediente sie sich der Grooves vergangener Jahrzehnte. Jede Wendung erschien möglich. Lupenreine Funksongs reihten sich an psychedelischen Didgeridoo-Trip-Hop. Beim Montreux-Jazz-Festival waren Jamiroquai gern gesehene Gäste. Jay Kay hüpfte wie ein Besessener über die Bühne, während Stuart Zender seinen Bass malträtierte, als habe er bei Marcus Miller höchstpersönlich gelernt. Das war eine Bande von durchgeknallten Jungs und begnadeten Musikern. Von der Unbekümmertheit und dem Farbenreichtum ist nichts geblieben.

Doch es ist nicht alles schlecht an Automaton. In den Songs Dr. Buzz und We Can Do It blitzt kurz auf, wie ein zeitgemäßes Album einer generalüberholten Band hätte klingen können, wenn sie ihre musikalischen Ideale mit ins neue Jahrtausend genommen hätte. Die Instrumente treten hervor, plötzlich ist da ein Hauch von Reggae, aber nicht minder funky. Spärlich eingesetzte Congas und ein Saxophonsolo genügen, um die alten Jamiroquai wieder auferstehen zu lassen.

Allerdings wirkt es beinahe wie eine Selbstparodie, wie der Titelsong Automaton den thematischen Bogen zu Virtual Insanity spannt und den Verlust von menschlicher Wärme und Lebenssinn in einer technifizierten Welt beklagt. Im Video tänzelt Jay Kay durch eine postapokalyptische Ödnis als sei er auf einer Neunziger-Jahre-Trash-Party in der Ecke eingepennt und im gähnend leeren Club benommen wieder zu sich gekommen.

Im Song mit dem wunderbar dämlichen Namen Superfresh erschallen die üblichen Balzrufe unter der Discokugel, seltsam anachronistisch und angestrengt zugleich. Zurück bleibt Jay Kay als vergnügungssüchtiger Herr mittleren Alters, der nicht weiß, ob er lieber Daft Punk oder Modjo sein will. Wenn gleich darauf girls zu hot property werden und sich das Album federnden Schrittes der Toleranzgrenze nähert, möchte man tief durchatmen und wieder in die reale Welt entfliehen. Hey, was macht @realdonaldtrump gerade so?