John Zorn, so heißt es im Programmheft dieses einmaligen Konzerts, wohne seit 40 Jahren in derselben Wohnung in New York, wo er im Schein einer trüben Lampe Kompositionen gleich zu Hunderten verfasse. Seit mindestens 1977 muss er auch seine Tarnfleckhosen tragen, allzeit bereit im Kampf gegen die Hörgewohnheiten. Insoweit keine Überraschung, als er am Donnerstag kurz nach 20 Uhr grußlos ins große Rund der Elbphilharmonie stiefelt. Um den Hals hat er ein Saxofon, in das er sofort hineinbläst, kaum dass sich sein Masada Quartet mit Trompete, Kontrabass und Schlagzeug um ihn herum versammelt hat. Sechzehntel, Zweiunddreißigstel, Vierundsechzigstel, Hundertachtundzwanzigstel bis hin zur flirrenden Wiederverschmelzung eigentlich getrennter Töne. Zorn hat keine Zeit. Bei ihm muss alles schnell gehen. Fasziniert folgt das wie immer ausverkaufte Haus seinen Strudeln, aus denen gelegentlich Wendungen des von ihm bewunderten Ornette Coleman auftauchen. Ornette auf Speed.

Das Publikum starrt auf den zornschen Kampfanzug. Was steckt in den ausgebeulten Hosentaschen? Die Antwort kommt zum Ende des Abends. Das liegt in unbestimmter Ferne. Vorab kann niemand genau sagen, wie lang der Abend dauern wird. Drei Stunden meinen sie in der Pressestelle. Vier Stunden steht im Programmheft. Draußen vor den Türen rätseln die Saalwächter um Mitternacht, wie lang es wohl noch geht.

Weil John Zorn es eilig hat, packt er die Musik für ein einwöchiges Festival in einen Abend. Das braucht natürlich seine Zeit. Zwölf Sets zu 20 Minuten, getrennt von je zwei Minuten Umbauarbeiten plus Halbzeitpause zur Aufnahme isotonischer Getränke. 27 Musiker aus New York treten an, alles Virtuosen wie der Trompeter Dave Douglas, der Hammond-Orgler John Medeski oder der Doppelhalsgitarrenderwisch David Fiuczynski. Sie verteilen sich bunt auf vier Quartette, drei Trios, drei Duos und zwei Solomomente. Die stilistische Bandbreite reicht von jazzoider Cocktailmusik über Klezmerismen bis hin zu neuer E-Musik und krachendem Hardcore Speed Metal.

Improvisation nach Handzeichen

Zorn ist Musiker, Dirigent und Komponist in einer Person. Zu Beginn macht er alles gleichzeitig. Mit der Linken hält er – spielend – das Saxofon, mit der Rechten gibt er nach einem ausgeklügelten Handzeichensystem Mitspielern Hinweise zur Improvisation und steuert mit dem ganzen Körper ihre Einsätze. Später zieht er sich zurück und lässt sie nur noch seine Musik spielen, quer durch viele Genres.

300 Bagatellen hat er geschrieben, musikalische Kleinigkeiten, und zunächst glaubt das Publikum, auf diesem Bagatelles Marathon genannten Mammutabend würden alle 300 nun gespielt, in dann wohl sehr kurzer Form, quasi als Sekundenterrinen. So kommt es aber nicht. Offenbar konnte sich jede Formation aus dem zornschen Notenschatz etwas aussuchen und nach eigenem Gusto intonieren, weshalb einige Stücke doppelt erklingen und die allermeisten gar nicht. Wie die Stücke heißen und wie sie zueinander stehen, das bleibt unklar. Man wünscht sich eine Digitalanzeige ("Sie hören Bagatelle 154"), aber würde das mehr Licht ins Dunkel seiner Absichten bringen? So müssen wir uns selber einen Reim machen auf den rasenden Motivhagel, der bei aller Zentrifugalität von der zornschen Klebkunst zusammengehalten wird.