© Four Music

Mädness & Döll: Ich und mein Bruder (Four Music)

Darmstadt ist sicherlich für vieles bekannt, aber nicht unbedingt für Deutschrap. Neben dem Verschwörungstheoriker Olexesh ist es vor allem der bodenständige Mädness, der die südhessische Stadt zum Hip-Hop-Epizentrum machen will. Mit der Platte Ich & Mein Bruder, aufgenommen zusammen mit seinem Bruder Döll, könnte das sogar gelingen.

Das solide Album besinnt sich auf alte Werte, nicht nur musikalisch mit Boombap-Drums und Samples von James Brown und Stieber Twins im Titeltrack. Es geht nicht in die Höhe oder Breite, sondern in die Tiefe, Lebensnähe statt Überlebensgröße. Neben originellen Beschimpfungen untalentierter Rapper und entschlossenen Bekundungen, selbst immer der beste Rapper zu sein, sind es vor allem die Beschwörungen gängiger Alltagssorgen, von denen das Album profitiert.

Die everyday struggles, mit denen das Bruderpaar zu kämpfen hat, sind selten dramatisch – es sei denn, man muss mit ihnen klarkommen. Wie sich kleine Steine auf dem Lebensweg, Beziehungsenden, Trauer und leichte Depressionen zum Felsen entwickeln können, hat noch kein Deutschrap so schön gezeigt wie diese melancholische family affair. 



© Nesola Universal Music

Joy Denalane: Gleisdreieck (Universal Music)

Während sich Deutschrap längst vom amerikanischen Vorbild emanzipiert hat, wird deutscher R 'n' B immer noch zwischen verschiedenen Traditionen aufgerieben. Wenn es aber eine Musikerin gibt, die die Widersprüche zwischen retro und heute, zwischen deutscher Sprache und amerikanischem Songwriting auflösen könnte, dann Joy Denalane. Sie und Xavier Naidoo haben um die Jahrtausendwende die Schublade "deutscher Soul" überhaupt erst erfunden.

Diese Kiste ist Denalane inzwischen zu klein. Ein bereits produziertes Retro-Album hat Denalane wieder verworfen und dafür mit sechs Produzenten ein modernes Großstadtsoulalbum gemacht. Es ist kein großes Statement, nicht die deutsche Entsprechung der letzjährigen Großwerke aus den USA. Ärger, Traurigkeit und Glück ob der Liebe werden offen erzählt, sodass sich jeder in ihnen entdecken kann, und wirken trotzdem intim genug.

Während das letzte Album Maureen noch fast klassizistisch war, sucht Gleisdreieck den Anschluss an wintrigen alternativen R 'n' B und will gleichzeitig große Popmomente bieten. Wie schon auf den letzten Platten von Miss Platnum gelingt das nicht durchgängig. Oder ist genau das die Schublade, der sich Denalane verweigert?



© More Alarming Records

Laura Marling: Semper Feminina (More Alarming Records)

Schubladen will auch Laura Marling sprengen. Mit 27 hat die britische Folk-Musikerin schon eine ganze Karriere samt Ende hinter sich. Nach fünf Alben und Stress mit der seelentötenden Plattenindustrie verdingte sie sich in Los Angeles als Yoga-Lehrerin. Dort, so erzählte sie dem Guardian, hat sie an einem faulen Nachmittag mit einer Freundin ihr Thema gefunden: wie es ist, Frauen zu begehren.

Inspiration hat Marling in der von ihr so geliebten Musik der Sechziger und frühen Siebziger genug gefunden. Und so ist das Album ein Konzeptalbum, aber nicht unbedingt darüber, was es heißt, eine Frau zu sein.

Mit teils giftiger Freude gibt sie die liebeskranke Balladeuse, um dann wieder weise und weltgewandt zu klingen. Alles, nur keine Muse sein, das ist ihr Grundsatz, auch der ihres Podcasts Reversal Of The Muse, in dem sie Größen wie Emmylou Harris und Dolly Parton interviewt. Musikalische Vorbilder aber sind andere. Marling setzt sich Masken auf und klingt wie Cohen, Dylan und Joni Mitchell und trotzdem wie sie selbst. Diese sehr selbstbewussten Ironie prägt das Album: einerseits den male gaze dekonstruieren und andererseits mit großer Freude und großem Können astreinen Dad Rock machen.



© Aural Apothecary

The Shins: Heartworms (Aural Apothecary)

Ein Album wie das von Laura Marling würde einer ganzen Generation von Männern sehr helfen. Jene Generation, die immer noch von einem Filmmoment träumen: Natalie Portman setzt dem schluffigen Zach Braff Kopfhörer auf und verspricht, dass der nächste Song (New Slang, The Shins) sein Leben ändern wird.

Schön? Eher scheußlich. Aber vielleicht darf man den Shins nicht vorwerfen, dass sie ihren Durchbruch diesem Schmerzensmannmachwerk verdanken. Oder vielleicht doch. Heartworms heißt das fünfte Album der Band um James Mercer: Songs, die sich nicht nur ins Ohr, sondern auch ins Herz bohren. Das ist genau der klamme "Wir wollen deine Freunde sein!"-Tonfall, der immer noch die Indiekultur verpestet.

Immerhin: Der erste Teil des Versprechens, der mit dem Ohrwurm, wird eingelöst. Das Album ist unangestrengt abwechslungsreich, wandert von Country über Powerpop zu Plüschsoul. Die Einflüsse sind dabei etwas zu ausgestellt – so einnehmend ist die Vorstellung, dass die Shins jetzt Timbaland-Beats (auf Cherry Hearts) imitieren, schließlich nicht.