Keine Reden, kein Promi-Schischi, einfach nur Musik. Mit dem Konzert zur Eröffnung des Pierre Boulez Saals macht Initiator Daniel Barenboim unmissverständlich klar, worum es hier künftig gehen soll. Um ein ganz besonders intensives Miteinander der Interpreten nämlich, und um mitdenkende Aufmerksamkeit auch in den Reihen der Besucher. "Konzerte sollte man grundsätzlich als Kommunikationsmittel betrachten, als lebendigen Kontakt zwischen aktiven Personen, seien sie Hörende oder Schaffende", hat Pierre Boulez einmal gesagt, der große Komponist, der als Dirigent auch ein kluger Musikvermittler war – und ein Kulturpolitiker von erstaunlichem Durchsetzungsvermögen.

Vieles konnte sich Daniel Barenboim von dem verehrten väterlichen Freund abschauen im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft. In der Kunst, bei staatlichen Stellen Geld für seine Projekte locker zu machen, hat er es ebenfalls zur Meisterschaft gebracht. 18 Millionen Euro investierte der Bund in den Umbau des ehemaligen Kulissendepots der Staatsoper an der Französischen Straße zur Barenboim-Said-Akademie samt 680-Plätze-Konzertsaal, von Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommen die laufenden Betriebskosten in Höhe von sieben Millionen Euro, das Außenministerium finanziert die Stipendien der 90 Akademisten, die zumeist aus Israel und den arabischen Ländern kommen und hier lernen sollen, wie wichtig es im Musizieren wie im Diskutieren ist, einander zuzuhören.

Pierre Boulez, im Januar 2016 verstorben, hat immer von einer "salle modulable" geträumt, einem wirklich variablen Raum, in dem sich die Künstler nicht den architektonischen Gegebenheiten anpassen, sondern umgekehrt. Beim Bau der Pariser Bastille-Oper ist er mit diesem Vorhaben gescheitert, ebenso beim Sommerfestival im schweizerischen Luzern, dem er als Mentor fürs Zeitgenössische verbunden war. Mit dem Berliner Saal, der seinen Namen trägt, ist die Vision jetzt Wirklichkeit geworden. Was Frank Gehry, der 87-jährige Starbaumeister, hier geschaffen hat, ist ein kleines Raumwunder. Der klassischen Schuhkarton-Kubatur, die von der denkmalgeschützten Gebäudeform vorgegeben war, setzt er auf mehreren Ebenen elliptische Formen entgegen.

Die Gäste sitzen wie ums Lagerfeuer

Oben schweben zwei Ränge als Ringe, die in sich auch noch eine Wellenbewegung beschreiben. 320 Tonnen Holz und Stahl, die an nur fünf Punkten in den Wänden verankert sind. Oval ausgeschnitten ist auch das Parkett. Wie ums Lagerfeuer sitzen hier die Gäste der Einweihungsfeier am Samstag. Das aber ist nur eine der möglichen Sitzordnungen. Die Sessel sind nämlich auf diversen Podest-Elementen fixiert, die sich jeweils individuell versenken lassen. Die Bühne kann also auch an den Stirn- respektive Längsseiten aufgebaut werden, neben der Arena-Anordnung ist die Amphitheater-Form ebenso realisierbar wie eine klassische Bestuhlung mit parallelen Reihen.

Nicht jeder Interpret hat gerne auch Zuhörer im Rücken, nicht jedes Streichquartett, das hier auftritt, wird sich die Idee des Saal-Intendanten Ole Baekhoj zu eigen machen, dass die Musiker für jedes Stück die Plätze wechseln könnten, sodass die Zuhörer mal dem Cellisten ins Gesicht schauen und mal dem Bratscher. Daniel Barenboim, der Menschenfänger, hat natürlich kein Problem mit der Tuchfühlung. Er stellt sich gerne in die Mitte, agiert auf Augenhöhe mit dem Publikum. Bei den groß besetzten Werken des Eröffnungsabends konnten jene, die in der ersten Reihe sitzen, die Musiker fast mit Händen greifen, denn kein Podium hebt sie hier von den Zuhörern ab, gibt ihnen Schutz und kennzeichnet sie als diejenigen, zu denen die anderen aufblicken.

Die Überraschung, das Unerwartete ist Prinzip in diesem Haus. Egal, ob man sich von der Hedwigskathedrale her nähert oder vom Gendarmenmarkt: Von außen deutet nichts auf das spektakuläre Innenleben hin. Nachkriegsrokoko ist da zu sehen, derselbe Kunstgeschichtstalmi, mit dem Richard Paulick auch die wieder aufgebaute Lindenoper ausgestattet hat. Wer die Eingangstüren passiert, findet sich überrascht in einer hohen Halle mit Industriecharme wieder, die nicht zu Frank Gehrys Freundschaftsgeschenk an Barenboim gehört. Der Amerikaner hat pro bono nur den Saalentwurf beigesteuert, für das Foyer zeichnet sein deutscher Kollege HG Merz verantwortlich, dem auch die archaisch-eleganten Räumlichkeiten der Barenboim-Said-Akademie linkerhand zu verdanken sind. Sichtbare Stahlträger und rohe Betonwände erzählen von der früheren Nutzung des Gebäudes, auch die Rolltore sind erhalten, hinter denen sich auf mehreren Etagen die Bühnenbild-Boxen befanden, lange, schmale Gelasse zur Lagerung gerade nicht benötigter Dekorationsteile.