Jason Williamson ist die Stimme seiner Generation. Endlich stimmt dieser Satz einmal. Jason Williamsons Problem war allerdings lange Zeit, dass niemand seine Generation hören wollte. Sie besteht aus Männern zwischen 40 und 50, lebt überall in England außer London, kann nichts, kauft nichts und will auch nichts, solange sie nach Feierabend im Pub rumhängen kann. Jahrelang kommentierte Williamson diesen Umstand in beißenden Songtexten, zu denen sein Freund Andrew Fearn rudimentäre Beats programmierte. Das Duo nannte sich Sleaford Mods, und im Sommer 2014 ging es plötzlich durch die Decke.

Das war schon eine Überraschung, denn auf ihrem siebten Album Divide And Exit machte die Band aus Nottingham nichts anders als zuvor. Williamson giftete, gegen die Verdummung seiner Mitmenschen, die Verklärung des Lad-Lebensstils, vor allem gegen sich selbst. Fearn holte mit der Hand, in der er gerade keine Bierflasche hielt, Überreste von Post-Punk und Rapmusik aus seinem Laptop heraus. Die Stimmung in England jedoch war anders als zuvor: noch nicht ganz Brexit, aber schon lange nicht mehr stolzes Königreich. Gelangweilt, verunsichert, wütend – nur auf wen eigentlich? Sleaford Mods waren der Vorschlaghammer, mit dem das jeder selbst herausfinden konnte.

Wie immer, wenn jemand von unten tritt, waren es vor allem die Feuilletons, die sich auf das Phänomen stürzten. Sie erklärten Sleaford Mods zu den offiziellen Insolvenzverwaltern der englischen Arbeiterklasse, den ersten echten Punks seit 1976 oder wenigstens den tollsten Prolls seit Noel und Liam Gallagher. Was jedoch niemand vorhersah, war das Stehvermögen der Band. Drei Jahre und Alben später sind die vermeintlichen Eintagsschmeißfliegen erfolgreicher denn je. Ihr Aufstieg verläuft bisher diametral zum Abstieg ihres Heimatlandes.

Ihre größte Stärke ist Schnelligkeit

Das Timing könnte nicht besser sein: Sleaford Mods singen über englische Auflösungserscheinungen, während Cameron, Johnson, Farage und Co. das Königreich vor die Wand fahren. Dahinter steckt jedoch mehr als ein zeitgeistlicher Sonntagsschuss. Williamson und Fearn sind fleißiger, als sie aussehen, ununterbrochen auf Tour oder mit neuen Songs beschäftigt, praktisch permanent präsent. Ihre größte Stärke ist eine schnelle Reaktionszeit: Ihre Platten begleiten das Geschehen in England beinahe in Echtzeit. Auch vor Abnutzungserscheinungen müssen sich Sleaford Mods nicht fürchten. Eine gewisse Grundabnutzung gehört schließlich zum Konzept.

Auf ihrem neuen Album English Tapas hat es die Band noch immer nicht so mit Musik. Fearns Beats klingen nach durchgeschmortem Alleinunterhalterkeyboard, der Bass manchmal wie von Hand gespielt. (Ist er nicht.) Sein sonstiges Equipment schrottig zu nennen, wäre irreführend – es gibt kein sonstiges Equipment. Williamson versucht es einmal mit Singen, gleich im ersten Refrain der Platte, landet aber schnell wieder bei seinem bewährten Pöbelton. Noch immer gehört ihm die schönste Zornesader im Musikgeschäft.

Trotzdem markiert English Tapas eine Verfeinerung der Sleaford-Mods-Formel. Die Aggression der Band richtet sich weniger häufig nach innen, Hass und Ekel gelten seltener ihr selbst. Williamson adressiert seine Levitenlesungen expliziter als bisher an den Klassenfeind: Es geht um die Austeritätspolitik der Tories, die Hirnrissigkeit des Brexit und Männer auf Sauftour, die sich Williamson als Unterstützer solcher politischer Projekte vorstellt. Er selbst war kurzzeitig Labour-Mitglied, flog jedoch raus, nachdem er einen Abgeordneten der Partei auf Twitter als "prätentiöse Fotze" beschimpft hatte.

Geschenkt. Sleaford Mods sprechen eine politisch unkorrekte Sprache, schlagen sich damit aber auf die Seite der Überrumpelten und Unterdrückten ihres Landes. Sie weigern sich, Wut und Empörung dem rechten Populismus zu überlassen und zeigen zugleich, wie man seine negativen Energien und zerstörerischen Tendenzen in etwas Produktives übersetzen kann. Wahrscheinlich sagt das mehr über den Zustand des Königreichs als über die Leistung der Sleaford Mods – aber derzeit gibt es keine vorbildlichere Band in England.