Bill Kaulitz während der Aufnahmen zum Video "What If" © Sony Music

Es gibt schlimmere Orte als den Hintergrund. Dort ist es eben ruhiger als vorn. Man kann sich freier entfalten, unbeeinflusst vom Druck in erster Reihe, unbeeindruckt von den Erwartungen der Beobachter. Gustav und Georg könnten davon ein Lied singen, obwohl nicht vollends gewiss ist, ob Gustav und Georg überhaupt reden können. Und wer bitte sehr sind Gustav und Georg?

Dem gereiften Boygroupwonder Tokio Hotel stellen Gustav Schäfer und Georg Listing bereits seit 2001 den rhythmischen Background. Im Vordergrund schillern die Zwillinge Tom & Bill Kaulitz. Und während die präsentieren, wie sehr ein identischer Genpool optisch ausdifferenziert werden kann, verschwimmt hinter und neben ihnen alles ins Konturlose. Gustav und Georg bleiben Schatten, auch jetzt noch, da sie erwachsene Männer sind und Tokio Hotel ihr fünftes Studioalbum mit dem symptomatischen Titel Dream Machine veröffentlichen.

Seit dem Debüt der Band vor zwölf Jahren funktioniert der international erfolgreichste Pop-Act deutscher Sprache nach diesem Wirkprinzip: Bill bringt Stimme und Optik, Tom bringt Gitarre und Optik, Georg und Gustav sind auch dabei, im Grunde aber austauschbar und zumindest aus Marketingsicht weitgehend egal. Ihr erstes Album Schrei war 2005 nicht nur einer nach musikalischer Aufmerksamkeit, der den angemieteten Kompositionsprofis gar nicht mal so schlecht gelungen ist. Noch mehr war es ein Schrei nach Aufmerksamkeit für ein einzigartiges Phänomen, wie er in Deutschland nur etwa alle zehn Jahre einmal zu vernehmen ist.

Platz zwischen Jungs- und Mädchensound

Als die zarten Jungs aus Magdeburg Mitte der Nullerjahre Durch den Monsun kamen, hatte das Jahrtausendwendephänomen Boygroup seinen Zenit gerade überschritten. Take That waren getrennt, die Back Street Boys nicht mehr weltweit Nr. 1, fünf divers hingezwirbelte Typen im Plastikpop-Gleichschritt nicht mehr per se rentabel. Und als Krachmacher wie The Strokes oder Arctic Monkeys dem visuellen Britpop lässigen Garagenrock ohne viel Layout vor den Latz knallten, tat sich zwischen Jungs- und Mädchensound eine Nische auf für Tokio Hotel.

Sie füllten sie inhaltlich durchaus eigensinnig, instrumentell teilweise gekonnt. Man tut ihnen aber sicherlich kein Unrecht, wenn man den Erfolg der Band vor allem mit der modischen und erotischen Aura ihres Sängers Bill Kaulitz erklärt. Während das pubertierende Publikum mit Selbstsuche, Körper- und Identitätsfragen beschäftigt war, zeigte Bill, was alles möglich ist: Manga, Gothic, Geschlechterspiel bei sexueller Unentschlossenheit. Und dann gab's da auch noch den Zwilling, der zu ganz anderen Antworten kam. Der sorgfältig verwahrloste Dreadlock-Rebell Tom war auf feminine Art kernig, die flamboyante Schaufensterpuppe Bill auf kernige Art feminin. Die androgyne Gefahreninszenierung, die Ausbeutung der juvenilen Erotik der Kaulitz-Zwillinge, war grundsätzlich kein neues Ertragskonzept, dafür aber umso erfolgreicher.