Kurz nach acht betritt der Intendant Christoph Lieben-Seutter die Bühne der Hamburger Elbphilharmonie und weist das Publikum auf die Exklusivität dieses Abends hin: Anohni gebe weltweit nur dieses eine Konzert mit diesem Programm, und möglicherweise sei es überhaupt ihr letzter Auftritt in diesem Jahr. Deshalb die eindringliche Bitte: Keine Handyfotos! Keine Filmaufnahmen! Anohni könnte den Auftritt sonst abbrechen.

Du sollst dir kein Bild machen. Einerseits wünscht man sich diese Vorschrift für jedes Konzert, seit die Zahl der sinnlos herumblitzenden Smartphonedeppen ins Schmerzhafte gestiegen ist; andererseits gilt die Vorschrift auch für die diskreten Hausfotografen der Elbphilharmonie. Die Pressestelle gibt nach dem Ereignis anders als sonst kein Foto heraus. Anohnis Verbot ist generell: Ihr sollt kein Bild von mir sehen.

Warum, das bleibt so rätselhaft wie vieles an diesem Abend. Im Interview vor acht Jahren nannte sie sich noch Antony, man schrieb über ihn. Das Personalpronomen hat inzwischen gewechselt. Und auch wenn sie ihr Geschlecht niemandem, der über sie schreibt, vorschreibt: Das weibliche ist ihr jetzt lieber.

Der Intendant verlässt nach seiner Ermahnung die Bühne und setzt sich ins Publikum. Alle Blicke richten sich nach vorn.
Nichts geschieht.

Das Saallicht bleibt an. Es verstreichen Minuten. Keine Bewegung auf der Bühne. Leute husten, Unruhe kehrt ein. Das Publikum beginnt das Publikum zu mustern. Wie bunt doch alle angezogen sind. Gar nicht so steif.

Anohni zeigt sich nicht. Sie kommt einfach nicht. Welche Spannung plötzlich. Gibt es ein Problem? Ist es eine Inszenierung? Eine neuartige Form von Zumutung?

Keine Sekunde zu spät verdämmert das Licht im Saal. Sieben schwarz gekleidete Musiker betreten die dunkle Bühne und, ganz in Weiß, Anohni. Dieses Weiß, das ist alles, was man von ihr sieht.

Tonloses Geatme und Gezirrel

Der Pianist Gael Rakotondrabe nimmt an seinem Flügel am linken Bühnenrand Platz. Die sechs Instrumentalisten der Gruppe yMusic bilden einen zum Publikum hin offenen Stuhlkreis. Anohni sitzt am entferntesten Punkt. Violine und Viola, Cello, Flöte, Bassklarinette und Trompete – ein Kammermusikensemble!

Die Bläser hauchen in ihre Instrumente; man hört Luftgeräusche. Die Streicher wischen mit den Bögen über die Saiten. Ein tonloses Geatme und Gezirrel. Die Musik erhebt sich aus kratzig-röchelndem Grund, nur allmählich formen sich Töne, Harmonien, Melodien.

Anohni singt nicht. Sie sitzt nur da, zehn Minuten lang, Licht fällt auf ihre Schultern; dunkel, unerkennbar das Gesicht. Dann, endlich, erhebt sie die Stimme. Und sie trägt ihre Kunstlieder vor, die von der Natur handeln, vom Begehren, von der Zerstörung, von der Einsamkeit – ausweislich einzelner Zeilen, die zu verstehen sind. Wer die Songs in anderen Versionen von Platten oder früheren Konzerten kennt, hat es gut. Wer nicht, hat es nicht so gut. Denn sie gibt kein Wort der Erklärung. Sie singt und schweigt.

Anohni erhebt sich. Sie ist von oben bis unten in weißen Tüll gehüllt, in ein kastenförmig-wuchtiges Kunstkostüm. Ist es ein Brautkleid, eine Gardine? Steht da eine Krankenschwester, ein Malermeister? Auf der Brust prangt ein großes, goldenes Ornament, bei jeder Bewegung gleißt und glitzert es wie eine Discokugel.

Anohni bewegt sich wenig in der kommenden Stunde. Sie steht mal auf, geht mal nach vorn, kurz leuchtet ihr Gesicht auf, das niemand fotografiert. Sie ist ein Antistar, wie er antiartiger nicht sein könnte.