Ist Männlichkeit nur ein Konstrukt? Bei Arca spielt die visuelle Inzenierung eine genauso große Rolle wie die Musik. © Daniel Shea

Ein hübscher junger Mann windet sich im Tanz. Trägt nur eine Netzstrumpfhose, einen String-Tanga und einen verschlissenen, einst prächtigen Bolero. Er singt in fragilem Countertenor über dröhnende, elegisch heranschwappende Harmonien. Die Beats knirschen, der Bass wummert, und man sieht, dass der Tänzer auf Prothesen im Kreis stakst. Das Horn eines Stieres vor seinem Bauch. Er dreht sich um und verschmiert Blut auf seinen nackten Pobacken. Schrecken und Angst in seinem Blick. Willkommen in der Welt von Arca, dem aufregendsten Produzenten unserer Zeit.

Reverie, Träumerei, heißt diese dritte Single vom dritten Album des venezolanischen Klangkünstlers. Lange Zeit gab sie auch den Arbeitstitel des Albums, aber am Ende hat sich Alejandro Ghersi doch schlicht für sein Künstleralias Arca entschieden. Er gibt sich also, so die Botschaft des Titels, alle Blöße. 

Mit der Titelfigur seines Debüts Xen hatte Arca 2014 eine Fluchtfantasie aus seiner Jugend präsentiert; auf dem Folgealbum Mutant ließ er sich ins Soziale von Liebe und Freundschaft fallen. Diesmal erzählt er von sich selbst und steht auch als Sänger im Mittelpunkt. Das ist neu, denn bisher hat er lediglich zu Anfang gerappt, später schmückte er seine instrumentalen Tracks manchmal mit synthetisierten, zerhackten Vokalsamples. 

Berührende Unförmigkeit

Der 26-Jährige singt nun auf Spanisch. Ghersi zog mit 17 nach New York und lebt derzeit in London, aber Spanisch ist die Sprache seiner Kindheit und Jugend. Und es liegt sicher auch an der romanischen Aura, dass der Gesang einen gewissen liturgischen Drall bekommt. Seltsam entrückt, fast gregorianisch inszeniert Arca seine Stimme. Möglicherweise fügt sie sich gerade wegen dieser ungewöhnlichen Tonalität so selbstverständlich in seine fantastisch bizarre Klangwelt: Arca baut eine seltsam archaische Zukunftsmusik, in der organische Sounds aus beweglichem Kunststoff nachgebildet zu sein scheinen – in der das Natürliche flechtenartig mit dem Synthetischen ineinander morpht. Diese Sounds bilden den denkbar entschlossensten Gegenentwurf zur herkömmlichen Poperzählung: Anstatt sich zu Geschichten und Darstellungen zu schließen, mutieren in Arcas Tracks die Gefühlsformationen unablässig. Nicht eine jeweilige Emotion, und auch nicht künstliches oder analoges Material entscheidet über Schönheit oder Hässlichkeit. Berührend an dieser Musik ist vielmehr die Unförmigkeit, die Hinfälligkeit und Fremdheit der Klänge selbst: Schön ist, wie alles lebt und sich verändert.

Er hat damit Pop-Avantgardisten wie Kanye West beeindruckt, der ihn 2013 für Yeezus einspannte, und Björk, deren Vulnicura er vor zwei Jahren mitgestaltete, und er hat die außergewöhnlichen Entwürfe von R-'n'-B-Futuristinnen wie FKA twigs und Kelela deutlich geprägt. Dass seine eigene Musik solch prominente Positionen erreicht, ist hingegen eher schwer vorstellbar. Zu sperrig, zu unberechenbar – zu frei, vielleicht, wirken seine Stücke. 

Alejandro Ghersi führt uns tief ins Labyrinth. Die visuelle Ebene gehört zum Gesamterlebnis, in den Videos und noch mehr im Konzert verschmilzt sie auf sensationelle Weise mit den abstrakten Sounds. Diese Bildwelt gestaltete von Anfang an Jesse Kanda. Ghersi und er arbeiten und wohnen zusammen und sind, so heißt es, beste Freunde, seit sie sich als Teenager online kennenlernten, über die Kontinente Europa und Amerika hinweg. Kanda, zwei Jahre älter als Ghersi, in Japan geboren und über Kanada nach London gekommen, entwarf zunächst Xen als androgyne, hypersexualisierte Alienfigur und gab damit auch gleichsam Ghersis Teenage-Ängsten und Sehnsüchten ihre Gestalt. (Übrigens verantwortete er, vermittelt von Arca, auch die enorm eindrücklichen Visuals von FKA twigs.)