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Father John Misty: Pure Comedy (Sub Pop)

Father John Misty ist ein Bekehrter, und vor denen wird ja besonders gewarnt. Seine erste Bekehrung ist ein Glaubensabfall: Josh Tillman wächst eingebettet in diverse evangelikale Strömungen auf, um dann umso heftiger gegen die Regeln seiner Eltern zu rebellieren. Nach Jahren als Folk-Rocker (auch als Schlagzeuger bei den Fleet Foxes) und acht Alben als "J. Tillman" schuf er sich das Alter Ego Father John Misty. So kann er Vater, Pater und Dad-Rocker zugleich sein.

Nach zwei Alben – deren bis ins letzte Detail sauberes Handwerk von Tillmans Dekonstruktionssperenzchen überstrahlt wurde – tritt Father John Misty jetzt scheinbar aus seinem Spiegelkabinett heraus und will nur wirklich wichtige Dinge verkünden.
 Auf den Glaubensabfall folgte in Tillmans Leben nämlich noch eine andere Bekehrung, hin zur Ernsthaftigkeit mit neuen Mitteln. Tillman hat buchstäblich in den Ironieabgrund geblickt, denn er war immerhin mit dem unsäglichen Har Mar Superstar auf Tour, dem Dieter Thomas Kuhn des weißen Spaß-R'n'B.

Der Bruch mit Hipster-Entfremdung vollzog sich auf der Bühne, als er einen Tag nach Trumps Wahl zum Präsidentschaftskandidaten während eines Auftritts einen kleinen Nervenzusammenbruch erlitt und sein Publikum ermahnte, doch einfach mal "profoundly fucking sad" zu sein, um dann seine neue Komposition Leaving LA zu spielen.
 Die dreizehnminütige Ego-Vermessung ist das Herzstück seines neuen Albums Pure Comedy, das mit einem Wutgesang auf (seinen) Gott beginnt und mit einer melancholischen Apokalypse endet. Mit Country-Soul und Folk-Pop will Tillman die Abgründe der menschlichen Komödie ausloten, vom digital turn (in Total Entertainment Forever, dessen Bläser ein frühes Highlight sind) hin zur Unmöglichkeit politischen Diskurses.

Das alles im meist selben Tonfall, als oft überlange Balladen mit Anklängen an Harry Nilsson oder gar Elton John, und stets einer Botschaft: Wir, die Menschen, sind schon ziemlich doof. Nun ist Tillman nicht der erste Künstler (oder Mann), der seine eigene Verwirrung auf die Welt projiziert. Aber wie konsequent hier jemand verkündet, beim Blick in den Spiegel die Wahrheit geschaut zu haben, das ist auch in Zeiten von Kanye West einmalig. Fast schon echte Kunst. Aber nur fast.





© SuperEgo

Aimee Mann: Mental Illness (SuperEgo)


Wofür Father John Misty Nervenzusammenbrüche, großspurige Beipackzettel und Songorgien braucht, das erledigt Aimee Mann noch vor dem Mittagessen: Sie entwirft Figuren, die gleichzeitig runde Fiktion, sie selbst und irgendwie wir alle sind, und das alles in perfekten Popsongs. Nach einer Erstkarriere in der New Wave-Band 'Til Tuesday sah es um die Jahrtausendwende kurz so aus, als würde aus Mann ein richtiger Songwriter-Star, nämlich als das Regiewunderkind Paul Thomas Anderson sein Großwerk Magnolia um ein paar Songs von Aimee Mann herum strickte.


Der Aufstieg in den Olymp blieb aus, und so ging Mann zum Tagwerk über. Ihr Songwriting blieb dabei auch immer literarisch. Auf Mental Illness schraubt sie nun die Raymon-Carver-Haftigkeit etwas zurück, so wie das ganze Album selbstbewusst reduziert ist. Selbst leichte Streicher wie in Lies of Summer fühlen sich an wie ein großes Feuerwerk, so schön kammerig klingt der Rest. Kitsch ist das nicht, sondern hart verdiente Empfindsamkeit.





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Alexandra Savior: Belladonna of Sadness (Columbia)



Belladonna of Sadness (auch ein guter Name für Aimee Mann) ist eins der verquersten Werke der Filmgeschichte, und wer sein Album nach diesem erotischen Anime-Hexen-Musical nach dem Roman eines nationalistischen französischen Historikers im Look von Alfons Mucha benennt, zeigt Mut zur Referenz. Dass die nicht ganz 22-jährige Alexandra Savior (guter Hexenname, übrigens) dann aber im Interview immer zuerst auf ihre Produzenten Alex Turner und James Ford angesprochen wird, nervt sie dann aber sicher doch.
 Die beiden basteln Savior die passenden Dream-Pop-Rausschmeißer für Autobahnkneipen auf dem Weg nach Transsilvanien.

Angemessen sirenenhaft beschwört Savior die Stimmung eines schwelgerischen Giallo, um dann irgendwie doch wieder alltäglich zu werden. Vielleicht ist ihr Alltag aber auch wirklich wie ein Film von Dario Argento? Natürlich klingt das zusammen weder wirklich neu noch wirklich anders. Aber wenn Abklärung, Retro-Bling-Bling und Geisterstunde wie auf Til You're Mine sich gut gemischt ergänzen, dann ist ganz kurz zu spüren, welch großes Werk des Wahnsinns Savior vielleicht einmal schaffen könnte.



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Jeff Mills mit Orquestra Sinfónica do Porto Casa da Música: Planets (Axis Records)

Von der Hexe zum Zauberer: Der Techno-Pionier Jeff Mills verdiente sich in den Achtzigern in Detroit mit Plattenakrobatik den Namen "The Wizard". Im Laufe seiner mehr als 30-jährigen Karriere machte er immer wieder seine Liebe zur Retrofuturistik deutlich und unterlegte Fritz Langs Sci-Fi-Stummfilme Metropolis und Frau im Mond mit neuem Soundtrack. Daneben hat Mills immer wieder damit experimentiert, seine Musik orchestral aufzubereiten – und das nicht, weil sich der radikale Außenseiter damit selbst legitimieren, musealisieren wollte, sondern sich einfach weiterentwickelte.


Höhepunkt dieser beiden Vorlieben ist Planets, das als zweiteiliges Album erscheint. Neun Skizzen hat Mills zusammen mit dem Orquestra Sinfónica do Porto Casa da Música klassisch aufbereitet, auf den Spuren von Gustav Holst und dessen Planeten-Suite von 1918, die Film- und elektronische Computerspielmusik prägte. Darüber, wie hier Einflüsse ein ganzes Jahrhundert lang hin- und herflippern, lässt sich gut nachdenken, während die leider furchtbar langweilige Musik abläuft. Das Orchesterwerk ist sinfonischer Kitsch, und die Skizzen machen es sich in der Avantgarde-Rumpelkammer bequem. Die Galaxie hat Mills bereits einmal zu oft durchschritten, Planets hingegen ist sehr erdnah. Berührend bleibt allein, dass sich Pluto noch einmal wie ein Planet fühlen darf.