© Embassy Of Music

Tom Schilling & The Jazz Kids: Vilnius (Embassy Of Music)

Die Hauptdarsteller sind die zehn klugen, melodramatischen Chansons. Sie fegen alle Fragen nach dem Who's who beiseite, während der akustische Slap-Bass dir eine klatscht und verzerrte E-Gitarren dir Striemen auf der Seele machen. Zu rumpeligen, durchgerockten Walzern nach der Art von Brecht & Weill deklamiert eine helle Männerstimme böse Liebeslieder: Meine Küsse sind bitter, mein Lächeln verlogen / Und kalt ist der Abendhauch. Als hätten Hilde Knef, Mutter Courage und Nick Cave zu dritt einen zeitreisenden Sohn gezeugt. In den Urban-Western-Moritaten vom russischen Akkordeonspieler oder vom Obdachlosen René lässt er Hank Williams auf das Raubein-Crooning der frühen Element Of Crime treffen: Und auf den Straßen Berlins färbt sich der Schnee / Und am Abend tut's nicht mehr weh.

In den Lyrics zeigt sich Tom Schillings berufsbedingte Liebe zum Wort. Jahrelang hegte der Schauspieler und Held des jüngeren deutschen Kinos seine Songschreiberei nur heimlich, erst bei den Dreharbeiten von Oh Boy fand er zum Musikmachen und zu seiner Band The Jazz Kids. So weit nichts Ungewöhnliches, eine Reihe von Kollegen betätigen sich nebenbei musikalisch. Doch Schillings Debütalbum überstrahlt den Promizirkus der singenden Selbstdarsteller wie ein Solitär aus dem Verborgenen, auch dank der kongenialen Arbeit des Produzenten Moses Schneider. Und niemand gibt den Tanz der Entliebten so melancholisch-maliziös wie die wunderbare Martina Gedeck im Video zu Kein Liebeslied.



Gas: Narkopop (Kompakt)

© Kompakt

Vor zwanzig Jahren ließ Wolfgang Voigt erstmals seine düsteren Visionen von Klassik und Romantik über einen tief wühlenden Vierviertelbeat wallen. Der Kompakt-Labelgründer und Pionier des Kölner Minimal Techno wollte das Gegenteil von techno goes classic und nannte sein Projekt Gas. Aus dem Popmusikansatz heraus transformiert er die E-Musik-Samples, bis sie sich in abstraktem Klangnebel auflösen. "Götterdämmerung in der Disco?", fragte DIE ZEIT damals – heute sind Gas-Alben wie Zauberberg und Königsforst zeitlose Kunst.

Da schließt sich Narkopop nahtlos an, orchestrale Sounds in sinfonischer Dichte schwellen an und ab, selten tritt eine Hörnersektion, ein Streichermotiv schemenhaft aus den Schatten der Drones. Im Nachhall jedoch klingt dieses verschwommene Grundrauschen aus dem Backkatalog der Populärmusik unvergleichlich organisch, als stünde man nachts im Wald, und von fern wummert das Highlife der urbanen Clubkultur. Über den modrigen Boden und durch das Geäst kriecht das Gas aus subsonischen Bässen und Melodiefetzen, eine perfekte Osmose zwischen den zwei Sehnsuchtsorten. Das hat auch nach zwei Dekaden etwas Erhabenes, und der farbgefilterte Wald ist auf dem fünften Cover immer noch cool.



© Domino

Joe Goddard: Electric Lines (Domino)

Ein bisschen mehr als nur gut gemachte Dance Music mit schönen satten Vocals hatte man sich schon erwartet vom zweiten Mastermind der britischen Band Hot Chip. Nach den unverwechselbaren Soloplatten des Sängers Alexis Taylor verzettelt sich jetzt Joe Goddard mit seinen vielfältigen Vorlieben für elektronische Stile. House, Electropop, UK-Garage, R&B – von allem etwas und doch nicht der große Rundumschlag, den sich der versierte Produzent und Remixer als Ziel für sein eigenes Album setzte. Trotz farbenfrohem, vollmundigem Soundmix wirken die Ergebnisse beliebig, für etwas mehr Drive und Differenz sorgen (wie üblich im Hot-Chip-Kosmos) lediglich die Soul- und Discoelemente mit ihren lebendigeren Harmonien. Originell präsentieren sich am ehesten die Videos, vor allem das zu Lose Your Love.



© Greatest Hits International

Pilocka Krach: Sugar Cane & The Lost Amigos (Greatest Hits International)

Dass Techno weder fad noch von Männern gemacht sein muss, beweist die Berlinerin Pilocka Krach mit ihren schrägen Shows und Platten seit 2007. Jetzt kommt sie uns mit vamos a la playa und einem Konzeptalbum wie ein Actionpainting, komponiert aus Reiseeindrücken von Detroit bis Mexiko. Acid, Funk und Oldschool knarzen um die Wette, während die Noiseteufelin kichernd im melodischen Detail hockt. In Vocals mit Happening-Charakter quasselt ein Muchacho dem Beat hinterher, er möchte wie Fred Astaire tanzen, aber ohne Klamotten. Keyboard und Synthesizer knurren dreckig oder fiepen wie ein abstürzender Moskito, dem es zum Stechen zu heiß ist. Zu dem Mariachi-Trash und Calypso-Bluff, dem am Dancefloor vorbei stolpernden Groove und trocken furzenden Bass gehört ein gepfefferter Humor: If this world is coming to an end, it's too late for you, my friend. Dabei swingt die Krach'sche Apokalypse in sommerlicher Lässigkeit – ein unterhaltsamer Gegenentwurf zur Stringenz von Peaches' Electropunk.