Wer wünscht es sich nicht, gerade in so unerfreulichen Zeiten wie diesen? Dass man sich aus der Gegenwart einfach davonstehlen und in einer Zeitreisekapsel in die Vergangenheit fahren könnte, tiefer und immer noch tiefer hinfort? In eine Ära, in der es weder die Probleme der Gegenwart gab, noch deren Ursachen? In der also weder Kapitalismus noch Rassismus herrschten, weder Machtgier noch Dummheit die Wahrheit verstellten – eine Zeit, in der die Menschen nicht zu Tätern werden konnten und nicht zu Opfern, weil es die Menschen eben noch gar nicht gab? Darüber sinniert jedenfalls 2D, der Sänger der Zeichentrickgruppe Gorillaz, in dem neuen Stück Busted and Blue: Wie das wohl gewesen sei, bevor das Leben entstand und alle damit verbundenen Schwierigkeiten? "When everything was outside / busted and blue", in der blauen Stunde direkt nach dem Urknall, als außer Lithium da draußen noch nichts durch den Äther schwirrte …

Melancholie und trotziges Aufbegehren gegen die Widrigkeiten der Welt, Gegenwartsflucht und Gegenwartskritik: Das sind sind die beiden vorherrschenden Gemütszustände auf dem neuen Album der Gorillaz; politischer Realismus und spirituelle Science-Fiction wechseln einander ab. Humanz heißt dieses nunmehr vierte Album der Gruppe seit dem Debüt 2001; es will nicht weniger als die Verfassung der Menschheit in katastrophischen Zeiten beschreiben.

Ende der neunziger Jahre betraten die Gorillaz erstmals die Bühne, ein multikulturelles Quartett aus vier gezeichneten Typen, eine All-Star-Group aus gängigen Popklischees vom singenden Punk bis zur asiatischen Hipstergitarristin, erschaffen von dem Blur-Sänger Damon Albarn und gezeichnet und animiert von dem Comic-Künstler Jamie Hewlett. Zunächst wirkten die Gorillaz wie das Auffangprojekt für all die musikalischen Vorlieben von Albarn, die er in seinem Hauptberuf nicht ganz ausleben konnte: vom Dub-Reggae, wie er die erste britische Punk-Generation inspirierte, bis zum traditionsbewusst politischen Hip-Hop der Conscious-Rapper der Neunziger.

Das blieb auch auf dem zweiten Album Demon Days aus dem Jahr 2005 noch so. Erst zum Ende des Jahrzehnts, auf dem epochalen dritten Album Plastic Beach und der dazugehörigen Tour, weiteten die Zitate und Spielereien sich zu einem konzeptuell fein durchwirkten Multimediawerk. Mit einer Vielzahl von Gästen, einem syrischen Orchester, jungen Londoner Grime-Rappern und einem Blechbläser-Ensemble aus Chicago erschuf Albarn eine neue Weltmusik für die Generation der ohnehin globalisierten Digital Natives, in der die Sorge um den Zustand des Planeten sich mit dem Willen paarte, mit sämtlichen Sounds aus sämtlichen Teilen der Erde für deren Rettung zu streiten.

Für viele andere Künstler der folgenden Jahre ist dieser Entwurf einer postglobalisierten Musik prägend geworden. Auch auf dem neuen Gorillaz-Werk sind davon noch Echos zu hören. Doch wo die Vielzahl der Genres und beteiligten Stimmen auf Plastic Beach zum polyphon wimmelnden Sound eines miteinander musizierenden Kollektivs verfugt wurde, herrscht auf Humanz der revuehafte Charakter der aktuellen Mixtape- und Playlist-Kultur. Das hat seine guten Seiten: Die einzelnen Gäste erhalten mehr Raum als zuvor, und die Beat- und Klangproduktionen – von den hoppelnden Synkopen des Dubstep bis zu den sonderbar selbstwidersprüchlichen Kontrapunktkonstruktionen des Trap – sind kompetenter ausformuliert und organischer um die Stimmen gewirkt. 

Kelela, Danny Brown und Grace Jones sind dabei

Andererseits fällt das Album als Ganzes dadurch stärker auseinander als Plastic Beach, dessen Songs sich ja auch noch einem konzeptuell leitenden Thema verschrieben hatten: der Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll. Den Flow, den Albarn und seine Mitmusiker auf diesem bislang und auch weiterhin besten Gorillaz-Album erschufen, sucht man auf Humanz leider vergebens.

Was nicht heißt, dass die Gäste nicht geschmackvoll ausgewählt wären und ihnen nicht gute Features gelängen. Der Reigen wird von Vince Staples eröffnet, einem Rapper aus der kalifornischen Schule des neuen Sozialrealismus. In Ascension beschreibt er Ausbeutung, rassistische Polizeigewalt und Bombenkrieg und also den allgemein apokalyptischen Zustand der Welt und wünscht sich, dass in der Nacht vor dem Jüngsten Gericht wenigstens nochmal ein schönes Mädchen für ihn den Hintern schwenkt. Der jamaikanische DJ und Sänger Popcaan klagt im schönsten Patois über die rassistische Diskriminierung, die ihn schon sein ganzes Leben lang quält. Die interessanteste R-'n'-B-Sängerin der Stunde, Kelela, duettiert mit dem Meister des Depressions-Rap, Danny Brown, in dem dunkelbunt funkelnden Submission über sexuelle Unterwerfung und Dominanz; die große frühe Königin der kalten Cyborg-Ästhetik, Grace Jones, überbringt in dem Stück Charger persönlich die Botschaft vom kommenden Weltenbrand: "I am the ghost / I am the sword / I am the ghost / The Armageddon".