Leslie Feist hatte ein Problem. Prenzlauer Berg war die Lösung. Drei Jahre lang, erzählt die kanadische Songwriterin gerade in zahlreichen Hier-bin-ich-wieder-Interviews, habe sie an einer Unterversorgung von pleasure gelitten: Beziehungskrise, Schaffenskrise, Sinnkrise. Es wäre leicht für sie gewesen, ein neues Album aufzunehmen, plüschig arrangiert und schmachtend gesungen, wie ihre überaus beliebte vorletzte Platte The Reminder aus dem Jahr 2007. Aber hätte die Welt noch so ein Album gebraucht? Und brauchte Feist vielleicht selbst etwas ganz anderes?

Die Künstlerin wurde zur Handarbeiterin. Sie baute eine Dachterrasse auf ihr Haus in Toronto und eine Veranda vor ihre Hütte im Wald. Sie liebäugelte mit geregelten Verhältnissen und soll sogar nine-to-five ausprobiert haben. Prenzlauer Berg jedoch war nicht die Lösung, weil Feist darin eine Abzweigung ins gutbürgerliche Leben zu erkennen glaubte. Sie besann sich vielmehr auf eine Version des Berliner Stadtteils, die es gar nicht mehr gibt: das freigeistige, spottbillige Prenzlauer Berg der Jahrtausendwende. Dort hatte sie selbst gelebt und mit ihren Freundinnen Peaches und Chilly Gonzales erste Gehversuche zwischen Rap und Theater unternommen.

Feist verstand sich damals als Punk, und mit etwas gutem Willen kann man auch ihr neues Album Pleasure als Punk-Platte verstehen. Es ist noch immer ruhige, nach innen gekehrte Musik, bluesig und folksy, häufig gehaucht, selten gebrüllt. Es ist aber auch: spröde, grob, manchmal verbohrt. Mit der Leichtfüßigkeit ihrer Hitsingle 1234, die vor zehn Jahren in Werbung, Charts und Sesamstraße aufgetaucht war, hat Pleasure nichts zu tun. Stattdessen beschwört Feist den alten Geist von Prenzlauer Berg herauf, eine Alles-geht-Haltung, mit der sie Chaoschöre dirigiert, auf Tischplatten einschlägt und einen Party-Crasher-Auftritt der befreundeten Metal-Band Mastodon übersteht.

Diese Episode, in der Feists eigenes Stück A Man Is Not His Song immer leiser wird und schließlich einem Mastodon-Sample zum Opfer fällt, unterstreicht den Charakter von Pleasure etwas dicker als nötig. Es geht um die befreiende Kraft von E-Gitarre und Gesang, eine Rückbesinnung auf die großen Emotionsträger der Rockmusik. Und es geht darum, alles andere auf das Allerwichtigste zurückzufahren. Die Gretchenfrage der letzten drei Jahre – braucht die Welt wirklich neue Songs von Feist? – schwebt über jeder Sekunde des Albums. Seine Antwort lautet: Ja, solange nicht unnötig viel von ihnen übrig bleibt.

Feist spielt auf Pleasure meistens eine abgewrackte Les-Paul-Junior-Gitarre. In den lauten Momenten der Platte klingt sie wie ein verstopfter Grünschnitthäcksler, in den leisen wie irgendein Gerät, mit dem man Unkraut jätet. Das ist schon mal gut. Noch besser und kaputter ist jedoch ihr Gesang, eine Aneinanderreihung von verschluckten und in die Länge gezogenen Silben, merkwürdigen Phrasierungen, plötzlichen Stimmlagenwechseln und Verletzungen des Versmaßes. Feist demonstriert damit volle Kontrolle über die Macken und Ticks ihrer Stimme ­– und zugleich eine neu entdeckte Lust auf Kontrollverlust. Pleasure ist die Platte, auf der sie nichts mehr ausbügelt.

Ein stolzer Anachronismus

Kratzige E-Gitarre, schlingernde Stimme, aufgewühlte Stimmung: Das waren einmal die verlässlichsten Hinweise auf Authentizität und ernste Anliegen in der Popmusik. Diese Zeiten sind lange vorbei. Rock gilt wieder einmal als tot, E-Gitarren gelten als uncool. Rap ist nicht nur die Musik der jungen Leute, sondern auch näher dran an gesellschaftlich relevanten Debatten um Rassismus, Sexismus und Gerechtigkeit. Nicht einmal auf die menschliche Stimme kann man sich noch verlassen: Aktuelle Popstars wie Frank Ocean, Bon Iver und der irre Rapper Young Thug verstecken ihre Bekennerlyrik hinter schlumpfigen Auto-Tune-Effekten.

Pleasure ragt aus dieser Landschaft heraus wie ein stolzer Anachronismus, ein Denkmal für den unverschleierten und ungekünstelten Ausdruck. Die besten Songs des Albums ringen dieser Herangehensweise erstaunliche Resultate ab: musikalische Arbeitssiege wie das Titelstück, in dem die Gitarre so plötzlich dazwischen haut wie bei der jungen PJ Harvey. Es ist einer der wenigen Momente auf Pleasure, in denen die Musik das Grundrauschen der Räume und Verstärkerboxen übertönt.

Feist verlässt sich immer wieder auf diesen aufnahmetechnischen Echtheitsanzeiger – ein etwas zu billiger Trick aus der Mottenkiste des Rock 'n' Roll. Den wohl überlegten, streng instrumentierten Liedern ihres neuen Albums wird sie damit nicht gerecht. Die Schwerpunkte, die es mit Songs über sanfte Naturgewalten, die Suche nach Vergnügen und das Recht auf Tagträumereien setzt, beschwören dennoch ein willkommenes Wiedersehen mit verloren geglaubten Gefühlslagen der Popmusik herauf. So macht Pleasure Hoffnung. Für den Rock, für die E-Gitarre, für Feist. Vielleicht sogar für Prenzlauer Berg.