© Ninja Tune

Actress – AZD (Ninja Tune)

Menschen, die Tanzmusik produzieren, tun dies zumeist, um andere Menschen zum Tanzen zu bringen. Nicht so Darren Cunningham, ein DJ und Produzent aus Südlondon, der unter dem Namen Actress auftritt: Eine künstlerisch beschränkende Unterwerfung unter verdinglichte Erwartungshaltungen lehnt er ab. Er möchte zunächst subjektive Zustände und gesellschaftliche Gegebenheiten in musikalischer Form thematisieren. Ob und in welcher Weise man sich dazu dann bewegen kann, ist ihm weitgehend wurst – womit er insbesondere unvorbereitete Clubbesucher verwirrt.

Seit 2010 hat er eine Reihe von Alben veröffentlicht, in denen es um Leben und Sterben ging (R.I.P., 2012) oder um Leben und Sterben in sozial abgehängten Stadtteilen (Ghettoville, 2014). Auf AZD, seinem ersten Werk seit drei Jahren, versucht Actress sich nach eigener Auskunft nun an musikalischen Variationen über das Thema "Chrom". Es gibt also Beat-Etüden von matt spiegelnder Eleganz zu hören, aber auch einen Titel namens Faure in Chrome, in dem Fragmente aus dem Requiem op. 48 des Fin-de-Siècle-Komponisten Gabriel Fauré gesampelt, geloopt und mit dem Geräusch eines paläolithisch piependen Modems grundiert werden.

Die erste Single X22RME übertüncht einen flott dahinshuffelnden Detroit-Techno-Beat mit grob granulierter grauer Farbe und zerknickert das Ganze alsdann mit den typischen Geräuschen einer fehlerhaften Festplatte. Das Schlussstück Visa begeistert mit einem rhythmischem Schluckauf aus 8-bit-Klängen und wirkt, als sei es sein eigener Harold-Faltermeyer-Remix.

Was dann wiederum an jene Momente erinnert, in denen Actress auch die Skeptiker im Club bannt. Zum Beispiel als er an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr im Berghain aus einem zickigen Post-Dubstep-Set plötzlich zu Faltermeyers Axel F überschwenkte. Dip-die-dip-di-di-dip-di-dip-die-dip-di-di-dip-di-dip-di-die-dip-di-di-dip-di-di! Alle haben sofort getanzt, und man verließ den Club später mit dem Gefühl, dass wenigstens an dieser Stelle etwas thematisiert worden war.



© Warp

Clark – Death Peak (Warp)

Auch der ebenfalls aus London stammende, inzwischen in Berlin lebende Produzent Clark versieht seine Tanzmusik gern mit Störgeräuschen und ungutem Gebrumm und Geschnarr; murrende Bläser und klagendes Kirchenorgelgetut gehören zu wiederkehrenden Stilmitteln. Doch anders als Actress lässt Clark aus dem endzeitlich-melancholischen Mulm euphorisch wirkende Rhythmen erblühen. Weder während seiner Sets noch auf seinen Platten muss man sich um die Tanzbarkeit ernsthaft sorgen.

Das ist auch auf seinem neuen und nunmehr achten Album Death Peak wieder so. Nur dass er seine synkopierten und mit Synthie-Arpeggien beperlten Rave-Rhythmen hier erstmals fast durchgängig mit modulierten Stimmen und Chor-Arrangements umwölkt: In dem eindrucksvoll dunkelbunt funkelnden Catastrophe Anthem etwa singen Kinder von sich selbst als Ahnen einer ungewissen Zukunft, was man wie die temporale Umstülpung der Actress'schen Apokalyptik betrachten kann. Toll!



© Because Music/Warner

Little Dragon – Season High (Because Music/Warner)

Eher rätselhaft erscheint die allgemeine Begeisterung für die schwedische Gruppe Little Dragon. Seit einem guten Jahrzehnt verbindet das Quartett um die Sängerin Yukimi Nagano nicht allzu aufregende Elektropoprhythmen mit soulvollem Gesang. Gelegentlich hört man leiernde Störgeräusche oder auch hektisch vor sich hinfiedelnde Streicher. Der bisherige Höhepunkt des Little-Dragon'schen Schaffens war die Beteiligung am Gorillaz-Album Plastic Beach 2010 und der dazugehörigen Tour.

Auf dem neuen und nunmehr fünften Album Season High hechelt Yukimi Nagano unerreichbaren Vorbildern wie Janet Jackson hinterher. Dazu mischen sich japonisierende Synthie-Akkorde über stampfend-überproduzierten Rhythmen oder fies aufgepumptes Achtziger-Jahre-Power-Rock-Gitarrengegniedel. Kaum beginnt man, sich an der sinnlos schrillen Stimmung zu erfreuen, kollabiert das Klangbild auch schon wieder in nichtssagend tirilierte Balladen. Das ist alles fraglos kompetent hergestellt und schmückt sich mit den Zeichen bürgerlich-anspruchsvollen Musizierens. Die eine oder andere interessante Melodie würde indes dabei helfen, dass Season High nicht sofort wieder im Vergessen verschwindet.



© Ghostly International

Mary Lattimore – Collected Pieces (Ghostly International)

Das besinnlichste Album in dieser Woche haben wir der US-amerikanischen Harfenistin Mary Lattimore zu verdanken. Sie wurde in den vergangenen Jahren als Gastmusikerin von Jarvis Cocker, Thurston Moore und Waxahatchee bekannt; 2016 brachte sie ein erstes Soloalbum At the Dam heraus. Lattimore spielt auf einer 47-saitigen Lyon-&-Healy-Pedalharfe; allen Freundinnen und Freunden des Harfenwesens ist diese als Hauptinstrument Joanna Newsoms bekannt.

Anders als Newsom pflegt Lattimore aber keinen naturbelassenen Originalklang, sondern prozessiert, moduliert und loopt ihre gezupften Geräusche mit dezenten, aber deutlich vernehmbaren elektronischen Mitteln. Auf Collected Pieces – ganz zeitgemäß nur als Download und MusiCassette erhältlich – versammelt sie sechs kontemplative Miniaturen aus fünf Jahren, in denen sowohl ätherisches Gehauche aus der Kehle der Künstlerin erklingt wie auch Steve-Reich-artige Minimal-Music-Kompositionen. Dazu kann man sich schön an ein kühles Gestade im nicht endenden Vorfrühling imaginieren.