Thelonious Monk während der Arbeit am bisher unveröffentlichten Soundtrack zu Roger Vadims Kinofilm "Les Liaisons dangereuses" © Arnaud Boubet

Da gibt es diese Geschichten, die bis heute das Bild von Thelonious Monk prägen. Etwa von jenen Abenden, an denen er stundenlang in der Eiseskälte vor einem Club herumstand und das Haus gegenüber anstarrte, obwohl drinnen längst sein Konzert hätte beginnen sollen. Oder als er bat, Ratten von der Bühne zu verscheuchen, die außer ihm niemand sah. In den seltenen Begegnungen verlangte er Journalisten psychoanalytische Fähigkeiten ab. Während Interviews saß er einfach nur da mit qualmender Zigarette und leeren Augen. Minutenlang. Das bedrückende Vakuum nach behutsam formulierten Fragen durchbrachen höchstens gekrächzte Silben oder kryptische Satzbrocken wie etwa "Die Stille ist der schrillste Ton".

Immer wieder kam es vor, dass er beim Spiel seiner Nebenleute urplötzlich aufstand und ums Piano tanzte; selbstvergessen und tapsig wie ein russischer Zirkusbär. Manchmal krabbelte er unter dem Klavier herum, scheinbar auf der Suche nach irgendetwas, und baute das Pedalbrett ab. Auf der Straße, in Treppenhäusern, auf Flughäfen, in Hotelhallen breitete er die Arme aus und drehte sich schwindelig. "Mad Monk", wie sie ihn damals nannten, konnte sich tagelang in ein einziges Stück vertiefen, unerreichbar. Er führte Selbstgespräche, blieb 72 Stunden wach, um danach in einen 48-stündigen komaähnlichen Schlaf zu verfallen. Er hatte ein Faible für Kopfbedeckungen aller Art. Bevor ein Konzert begann, blickte er unzählige Male in den Spiegel. Wenn irgendetwas nicht passte, verbarrikadierte er sich einfach in seiner Garderobe.

Er war ein Phänomen am Piano, seltsam, kauzig, verschroben, unberechenbar. Leichtfertig könnte man Parallelen ziehen zu seinem Kollegen Glenn Gould, den all die verminderten Sextakkorde, Terzen und Tonartwechsel in seinem Kopf ebenso zu Handlungen verleiteten, die gelinde gesagt nicht der Norm entsprachen. Aber Thelonious Monk ist unvergleichlich. In diesem Oktober wäre er 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, die alten Geschichten noch einmal auf den Prüfstand zu stellen – und für ein Treffen mit seinem Sohn Thelonious Sphere Monk junior in New York, selbst ein renommierter Jazz-Schlagzeuger, der das Jubiläum nutzen will, um den mitunter zweifelhaften Ruf seines Vaters zu korrigieren. Selbst 35 Jahre nach seinem Tod weiß die Nachwelt immer noch viel zu wenig über ihn.

Jeder Jazzpianist beherrscht seinen Monk

Monk senior, der sture, manisch-depressive Einzelgänger mit Alkohol- und Drogenproblemen, später dann autistischen Zügen und einer bipolaren Störung, hatte dem Jazz eine völlig neue Ästhetik geschenkt. Nicht etwa Dizzy Gillespie oder Charlie Parker, sondern er allein schuf den Bebop, jene Stilistik, mit der sich die gesamte populäre Musik des 20. Jahrhunderts vom glatten, belanglosen Tanzvergnügen in ein Vokabular des Abenteuers und der Freiheit des Individuums verwandelte. Kaum ein relevantes Jazz-Album erscheint ohne ein Monk-Stück, seine Ballade Round Midnight gilt als die am häufigsten adaptierte Komposition des Genres, eine Art Yesterday des Jazz. Jeder halbwegs ambitionierte Tastenvirtuose muss seinen Monk aus dem Effeff beherrschen, die Klangarithmetik dieses vermeintlichen Antipianisten entschlüsselt haben. Während der Ausbildung gehört dies längst zum Rüstzeug wie das Studium von Bill Evans, Bud Powell, Beethoven oder Mozart.

Thelonious Monk auf dem Sofa © Erich Auerbach/Getty Images

Dennoch galt Thelonious Monk in den Augen der meisten Zeitgenossen über Jahre hinweg als "lausiger Pianist", Kritiker beklagten seine angeblich mangelhafte Technik und hielten ihn für maßlos überschätzt. Fast ein ganzes Künstlerleben lang schlugen Monk Verachtung und Spott entgegen, und das nur, weil er die 88 weißen und schwarzen Tasten völlig anders bediente als die alten Vorbilder. Mit schrillen Intervallen, manischen Wiederholungen und hämmernden Trillern, mit flachen Fingern, die dicke Ringe zierten, laut, dissonant, aggressiv. Ein Querdenker und Querspieler. "Wäre Karl Valentin Pianist gewesen …", beschrieb ihn Konrad Heidkamp, der große Jazzkenner der ZEIT, im Jahr 2006. Zuweilen überkreuzten sich Monks Hände, der kleine Finger schlug zwei nebeneinanderliegende Tasten gleichzeitig an, die Ellenbogen drückten Cluster im Bass. Alles klang sperrig, eckig, schräg und ausladend, so als blieben von den einst satten Phrasen nur Eckpunkte übrig. Das Skelett eines Stückes.

Er wollte nicht den einfachen Weg gehen

"Dabei wusste er genau, was er tat. Er hatte immer einen Plan. Jeder seiner Songs entwickelte sich unweigerlich zum Ohrwurm, vor allem für Kinder", sagt Thelonious Sphere Monk junior, kurz T. S., in seinem New Yorker Appartement im März 2017 mit leidenschaftlicher, anschwellender Stimme. Ihm, dem heute 67-jährigen Sohn, hatte Daddy einst Little Rootie Tootie gewidmet, für seine Schwester Barbara schrieb Papa Boo Booʼs Birthday. John Coltrane, Miles Davis, Bud Powell: Alle seien sie in die kleine Zweizimmerwohnung der Monks im Stadtteil San Juan gekommen, um sich diesen unglaublichen neuen Stil zeigen zu lassen und mit dem erworbenen Wissen über die neue Tonsprache später selbst den nächsten Schritt zu gehen.

Und doch dominieren die Storys über den abgedrehten Monk das öffentliche Gedächtnis. T. S. Monk möchte nun die Missachtung, die seinem Vater widerfuhr, in Anerkennung, Respekt verwandeln. Ihn posthum aus der Kälte wieder ins Warme hieven. "Ihm ist so viel Unrecht widerfahren. Wenn ich all diese Dinge lese vom durchgeknallten Genie, dann macht mich das wütend. Sicher hatte er Probleme, wir wussten das als Familie am besten. Aber du kannst jeden fragen, der mit ihm zu tun hatte: Thelonious war einer der nettesten, umgänglichsten Menschen auf dieser Welt, wenn er sich sicher und wohl fühlte. In vertrauter Umgebung konnte er sich stundenlang über Politik und andere Dinge unterhalten, spielte gern Karten, Schach oder Tischtennis. Er wollte nur nicht den einfachen Weg gehen. Dabei ist er auf sehr viele Hürden gestoßen oder hat sie sich zum Teil selbst aufgestellt."