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DJ Hell – Zukunftsmusik (International Deejay Gigolos / Rough Trade)

Kloppereien um den Begriff der Zukunftsmusik gibt es schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Richard Wagner war damals auch am Start. Aktuelle Streitigkeiten spielen sich mehrere Bedeutsamkeits- und Aufregungslevels niedriger ab: Sie kreisen um DJ Hell, den Wagner der Clubs, weil dessen neues Album zwar Zukunftsmusik heißt, aber gar keine Zukunftsmusik enthält. Sondern: die Geschichte der Zukunftsmusik aus Techno-Perspektive, von 1978 bis, sagen wir mal, Februar 2017.

Doch damit nicht genug: Zukunftsmusik versteht sich auch als bisher persönlichstes Album von DJ Hell, als Gedankenspiel über Zusammenhänge von Kreativität und Beziehungen, die Eckpfeiler der menschlichen Existenz. Schade also, dass es klingt, als wäre die letzte Daft-Punk-Platte Random Access Memories nicht aus dem Quark gekommen. Hell pflügt durch eine imposante Synthie-Sammlung, Beats und Tempo schwört er ab, ein Saxofon holt er mehrmals hinzu. Das Licht ist schwach, die Stimmung schwer. Einziges echtes Kunststück: Nach pflichtschuldiger Vocoder-Behandlung erscheinen die Beobachtungen des DJs zu Alter, Autos und Raumfahrt noch ernster gemeint als zuvor.

 

 

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Mary J. Blige – Strength Of A Woman (Capitol / Universal)

Die meisten Gottheiten leben davon, sich rar zu machen. Das ist gut für den Mythos und verleiht jenen Momenten, in denen sie sich doch einmal zeigen, besondere Bedeutsamkeit. Siehe zum Beispiel: Jesus, Harper Lee, Missy Elliott. Mary Jane Blige ist eine andere Art von Gottheit. Nie ganz greifbar, aber auch nie ganz verschwunden. Zwölf Alben in 25 Jahren, mehr als 50 Millionen verkaufte Platten. Meistens verlässlich, immer dramatisch. Erwischt sie das richtige Lied, kann sie einen in Grund und Boden singen.

Strength Of A Woman enthält keines dieser Lieder. Trotz starbesetzter Mannschaft, unter anderem mit Elliott und Kanye West, ist das neue Album von Blige eine risikoscheue Platte, die sich in alterslosem Standard-R-'n'-B und ironieresistenten Powerballaden erschöpft. Eine hörenswerte Gegenposition zu den Gepflogenheiten aktueller Genre-Platzhirsche ergibt sich daraus nicht. Blige predigt lieber im Namen der vernünftigen Entscheidungen und singt demotivierende Motivationstexte über Selbstliebe und -erkenntnis. Kann man sich gut auf die Laufschuhe schreiben, ist der Stimme dieser Künstlerin aber zu keiner Zeit gewachsen.

 

 

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Willie Nelson ­– God's Problem Child (Legacy / Sony)

Was passiert, wenn man eine Country-Platte rückwärts abspielt? Erst läuft einem der Hund weg, dann Freund oder Freundin, und schließlich verliert man seinen Job. Ausnahme der Regel: Willie Nelson, Verfechter von Stirnbändern und Flechtfrisuren, gutes Gewissen der US-amerikanischen Stoner-Community und Stimme der Zuversicht im Genre der eingedellten Seelen und Cowboyhüte. Seit 61 Karrierejahren streitet der Sänger und Gitarrist für Tierrechte, Biodiesel, Landwirte und liberale Drogenpolitik. Sein neues Album God's Problem Child stellt diese Anliegen jedoch meist hinten an.

Stattdessen geht es um Sterblichkeit, Weiblichkeit und die Neigung der Menschen, immer wieder in die gleichen Fallen zu tappen. Dazu schlenkert das Klavier, die Stimme salbt, die Mundharmonika summt, und die Slide-Gitarre findet alles sehr witzig. Grundtenor: Wird schon, weil: muss ja. Die Welt wird Nelson damit nicht vor ihrem sicheren Untergang bewahren. Krümelt er aber irgendwann seinen letzten Joint zusammen, kann er wenigstens sagen: Ich war's nicht.

 

 

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Sophia Kennedy – Sophia Kennedy (Pampa / Rough Trade)

Sophia Kennedy hat keine Angst vor Pop. Vielleicht sollte Pop aber Angst vor Sophia Kennedy haben. Der Wahl-Hamburgerin, die eigentlich aus Baltimore stammt und keine Musikerin ist, sondern Filmwissenschaftlerin, gelingt mit ihrem Debütalbum ein selten so reibungslos gehörter Quereinstieg. Souverän hantiert sie mit Laptop, Gitarre, Orgel und Textbausteinen, singt dazu kraftvoll, aber niemals kraftmeierisch und biegt ihre Vier-Minuten-Stücke meistens so hin, dass man schon ab der zweiten Strophe mitsingen kann. Oder es wenigstens glauben zu können.

"I’m the piece of gum that you’ve been chewing on", singt Kennedy gegen Ende des Albums. Bei ihr ist das weniger Liebesliedkitsch als mission statement, nur eine von zahlreichen Zeilen, mit denen die 27-Jährige Bezug nimmt auf die Beschaffenheit ihrer eigenen Musik. Doppeldeutigkeiten sind genau ihr Ding, Falltüren hinter Welthit-Refrains sowieso. Trotzdem ist Kennedy niemals clever um ihrer Cleverness willen. Wenn sie möchte, kann sie den Hit auch einfach nach Hause singen. Jetzt muss nur noch die Welt bei ihr anklopfen.