"Fuck Happens!" hatten Soundgarden 1989 in großen Buchstaben auf den Rücken ihres T-Shirts zur ersten großartigen Deutschlandtour geschrieben. "Pech gehabt", oder vielleicht korrekter: "Scheiße", das hätte man auch als Motto über den ganzen Rockstil schreiben können, mit dem sie unterwegs waren. Grunge verband – ein letztes glorreiches Mal vor der digitalen Revolution – jugendlichen Ärger und allgemein trübe Aussichten in einem lauten Rockidiom, mit kreischenden Sängern wie Soundgardens Chris Cornell, der die Wuschelmatte zum Sägen der Verzerrer wirbelte. "Fuck Happens!": Gerade starb Chris Cornell mit gerade einmal 52 Jahren, offenbar aus heiterem Himmel, während er mit seiner wiedervereinten Band auf Tour war, um die Neuauflage des Debütalbums Ultramega OK zu spielen.

Als das 1988 erschien, war Grunge kaum mehr als ein frühes Gerücht, wesentlich verbreitet von den Singles des Labels Sub Pop aus Seattle. Zu den vielversprechendsten Musikern der Stadt gehörten neben dem schwergewichtigen Metzger Tad die sexy verwahrlosten Jungs von Mudhoney, die gerade auf einer ersten EP die Haare fliegen ließen, und die hohlwangigen Kids von Nirvana mit einer ersten Single. Und Soundgarden. Sie hatten die erste LP am Start und Chris Cornell am Mikro, dessen Stimme und Frisur an Robert Plant erinnerte, dem er auch an Ausstrahlung wenig nachstand: Im Gegensatz zu den anderen wirkte seine Sexyness schon früh erwachsen und gefährlich. Auch musikalisch waren Soundgarden die Schwersten in der Runde, die Hardrock-Wurzeln aus den Siebzigern wuchsen am dicksten durch die zäh dahinkriechenden Beats. Und natürlich spielten sie wie jeder gute Led-Zeppelin-Fan Smokestack Lightning von Howlin' Wolf.

Cornell, 1964 als Sohn eines Apothekers und einer Buchhalterin geboren, hatte ursprünglich noch Schlagzeug gespielt, war aber schnell zum Kopf der Band geworden. Dass er mit Soundgarden anderes im Sinn hatte, als einer Jugendbewegung anzugehören, zeigte sich schon daran, dass Ultramega OK nicht wie die ersten Singles bei Sub Pop, sondern beim etablierteren Hipsterpunk-Label SST erschien. Zum zweiten Album vollzogen sie den Frontwechsel noch etwas deutlicher: Louder Than Love erschien 1989 beim Major A&M und bereitete damit den Einzug des Alternative Rock in den Mainstream vor. Ein bisschen zu früh vielleicht, und ein bisschen zu selbstbewusst womöglich. Es war schließlich der zaudernde Kurt Cobain mit Nirvanas Nevermind, der das Genre auf die kommerzielle Spitze trieb.

Das "Stairway to Heaven" der Neunziger

Cornells Sternstunde kam erst 1994. Cobain mochte mit Smells Like Teen Spirit die Hymne der Generation X geschrieben haben, aber es war Cornell, dem mit Black Hole Sun das Stairway to Heaven der Neunziger gelang. Melodisch, melancholisch, schwer glänzt Cornells Vieroktavenstimme hier mit immer wieder beeindruckender Umsicht und viel Soul. Das dazugehörige Album Superunknown schoß aus dem Stand an die Billboardspitze und hat sich bis heute an die neun Millionen Mal verkauft.

Es markiert jedoch auch den künstlerischen Höhepunkt in Cornells Karriere. Die ursprünglichen Punk-Einflüsse aus der Grunge-Ära sind hier ganz aufgelöst in einem psychedelischen Rock, der bei allem Gewicht auch eine gewisse Popsensibilität zeigt, und sich trotzdem harmonisch nach allen Seiten öffnet. Die Band überstand den Erfolg nicht und trennte sich 1997 nach einem letzten Soundgarden-Album, lautstark und offensichtlich frustriert von den Forderungen des Business und den Mainstream-Fans. Zweifellos trugen auch allerlei Drogen und Alkohol, die Cornell seit der frühen Jugend zusetzten, zur gereizten Stimmung bei. Als sich die Band 2010 neu formierte, bemerkte der seit 2003 cleane Cornell in einem Interview als wichtigsten Unterschied, dass keiner trank. 2012 erschien sogar ein neues Album, das den ehemaligen Bandsound unspektakulär, aber hochsympathisch beisammen zeigte.