Danke, Irland! Immerhin dieses ausgesprochen geschmacksbegabte und sympathische Volk vermochte die musikalische Qualität der deutschen Sängerin Isabella Levina Lueen zu erkennen: Von der grünen Insel am westlichen Rand Europas bekam sie drei Punkte nach der Darbietung ihres stimmungsvollen Mutmachlieds Perfect Life beim Eurovision Song Contest in Kiew. Weitere drei Punkte erhielt Levina bei der folgenden Auszählung der Publikumsstimmen, macht zusammen sechs, sodass sie dann doch den 25. Platz des Wettbewerbs erringen konnte. Für Deutschland ist das ein deutlicher Schritt nach vorn: Zum ersten Mal seit drei Jahren kam das Land nicht auf den letzten Platz des europäischen Gesangswettbewerbs, sondern auf den vorletzten.

Und was gibt es sonst über diesen 62. Eurovision Song Contest zu sagen? Zum Gewinner wurde ein netter portugiesischer Jazzmusikstudent namens Salvador Sobral gekürt. Er hatte sich sein Lied Amor Pelos Dois (Liebe für zwei) von seiner Schwester schreiben lassen und betrat die Bühne in einem viel zu großen Sakko mit wabbelnden Schulterpolstern. Seine Haare hatte der 27-Jährige kalkuliert notdürftig mit einem Stirnzopf gebändigt und ansonsten zu einer jener gegenwärtig so beliebten Out-of-Bed-Frisuren verstrubbelt. Mit hoher, leicht brechender Stimme sang er eine hübsche leise Ballade, zu der er sich wahlweise dachsgleich um das Mikrofon wand oder das instrumentale Halbplayback wie eine melancholische alte Frau beim Musizieren in einer Fußgängerzone mit verträumtem Luftgeigenspiel begleitete.

Wesentlichen Anteil an seinem Erfolg dürfte der Umstand gehabt haben, dass Sobral sich sowohl optisch als auch musikalisch überhaupt von den anderen Kandidaten unterscheiden ließ. Während der Rest des Abends von produktionstechnisch durchweg hochgepimpten Elektroschlagern oder dramatischen Hymnen dominiert wurde, wirkte sein Song Amar Pelos Dois entspannend und nervenberuhigend. Dass man die für sich genommen nicht weiter bemerkenswerte Komposition auch in ein paar Tagen und ohne den Budenzauber drum herum noch hören möchte, ist eher zu bezweifeln. Von längerer Haltbarkeit ist jedoch der Typus des gefühlvollen, nicht aufdringlichen, leicht ungepflegt wirkenden jungen Mannes, wie Sobral ihn perfekt verkörpert. In einer Welt, die von schnittigen Entscheidertypen, Patriarchen und Machos von einer Krise in die nächste gestürzt wird, scheint der prokrastinierende Schluffi wieder zu einem begehrten Sexsymbol und Rollenmodell zu werden. Vielleicht könnte man sagen, dass mit Salvador Sobral der perfekte Anti-Erdoğan- oder auch Anti-Putin-Mann zu Europas neuem Lieblingsmusiker erhoben wurde.

Durch die Show führten drei flotte Ukrainer in Glitzeranzügen, die aussahen, als seien sie dem schwulen Lifestylemagazin Blu entsprungen. Ansonsten hielten sich queere Aspekte in den Songs, Kostümen und Bühnenbildern eher in Grenzen, es sei denn, man möchte die ausgesprochen kompetenten Jodeleinlagen der rumänischen Sängerin Illinka als solche werten, denn Jodeln an sich wirkt auf Menschen außerhalb der Alpenregionen ja durchweg schrill überzeichnet und transgressiv. Auch dem kroatischen Sänger Jacques Houdek ließe sich eventuell eine queere Note zuerkennen: Er konnte in zwei verschiedenen Stimmlagen singen, nämlich Tenor und Countertenor, und begeisterte auf dieser Grundlage mit einer verwirrenden und auch etwas beängstigenden Schizo-Trans-Hymne, an deren Ende ein schöner Regenbogen aufging.

Im Übrigen herrschte jedoch ganz der musikalische Heteronormativismus vor. Am markantesten bei Robin Bengtsson aus Schweden, der auf den fünften Platz des Wettbewerbs kam: Mit seiner konvulsivisch augenzwinkernden Macho-Dressman-Ästhetik wirkte er wie eine Figur aus American Psycho, die nach dem Ende der Show zunächst eine Linie Koks ziehen wird, dann jemanden tötet und schließlich in Nordrhein-Westfalen die FDP wählen geht.

Ein erster musikalischer Tiefpunkt wurde bereits mit dem wettbewerbseröffnenden israelischen Sänger Imri Ziv erreicht, der in halbtransparentem Muskelshirt, leicht beulender Lederhose und Militärstiefeln zwar hübsch anzusehen war, aber bei sämtlichen Versuchen, seine Stimme in hymnische Höhen zu zwingen, dermaßen daneben knödelte, dass den ukrainischen Kühen die Milch sauer wurde. Apropos: Der ungarische Roma Joci Pápai trommelte seinen Beat auf einer Milchkanne und begann sein Stück mit volksmusikhaftem Gesang, bevor er im zweiten Teil etwas grundlos zu rappen begann. Den Preis für das scheußlichste Bühnenbild erhält der österreichische Kandidat Nathan Trent: Er saß in einem übergroßen Sichelmond aus Diskokugelmaterial und sang vor einem dunkelpinkfarbenen Abendhimmel Hey now, hey now. Das gemischtgeschlechtliche belarussische Duo Naviband trat ganz in Weiß (sic!) auf; es spielte seinen zwangseuphorisch aufgeplusterten Folkpop auf einem mit Ventilatoren aufgerüsteten Kanuboot und sah dort aus wie die White Stripes bei einer von Tim Burton inszenierten Hochzeitsfeier.