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Albrecht Schrader – Nichtsdestotrotzdem (Staatsakt/Caroline)

Wenn man Schlager hasst und Pop liebt, wenn das Bouquet süffig sein darf, im Abgang jedoch herb, wenn sich das Leben der Realität entziehen will, ohne ihr zu entfliehen – dann gibt's von Voodoo Jürgens über Friedrich Sunlight bis Malakoff Kowalski ein Angebot, das kaum genug erweitert werden kann. Im Kreis der kritischen Eskapisten heißen wir Albrecht Schrader herzlich willkommen. Auf seinem Debütalbum Nichtsdestotrotzdem wärmt er den Diskurspop seiner Heimat Hamburg mit einer Tatsachenlyrik, der Flucht ebenso fremd ist wie Zynismus.

"Fremde Wörter in der Sprache/andere Sitten am Tisch/junge Türken in der SPD/harte Drogen auf der Straße/zu viel Gräten im Fisch/zwei Männer küssen sich am See", erzählt er mit nasalem Kaffeehaus-Singsang und fügt zur tragikomischen Jammerorgel im Kammertonmoll hinzu, "es wäre nicht anders ohne dich", und überhaupt komme es darauf an, "dass du sagst – ist mir egal".

Sanfter wurde ein zeitgemäßer Grundzweifel an der eigenen Relevanz im Individualismus selten zu Alltagsprosa verarbeitet. Ein famoses Album für die innere Immigration, das den Mainstream immerhin nicht ganz hinter sich lässt.



© H'Art

Mogli – Wanderer (H'Art)

Der blumenumrankte Folk zieht sich wahrlich ins Schneckenhaus eigener Befindlichkeiten zurück. Seine neueste Mitbewohnerin: Mogli. Begleitet von ihrer Gitarre und flatternden Klaviertönen singt sie so zart von der Zerbrechlichkeit ihrer Seele im Sturm der Gegenwart, dass man nur mit größter Vorsicht am Lautstärkeregler dreht.

Kein Jahr nach ihrem viel beachteten Plattendebüt Bird streut Mogli auf Wanderer mehr Beats ins Songwriting; Stücke wie Waterfall oder Milky Eyes klingen beinahe schon wavig. Und wenn sie in Walls den inneren Hippie kurz Hippie sein lässt, entfaltet ihr entrückter Gesang fast schon eine Art Soul. Der Rest klingt erneut, als hätten sich die Cranberries mit The XX vereinigt, um einen Pfad zwischen Folk und Pop zu finden, der noch nicht ganz ausgetreten ist. Es ist ihr gut gelungen.



© Grönland

Fazerdaze – Morningside (Grönland)

Musikvideos sind meist nur mehr visuelle Appetizer für ein dazugehöriges Produkt. Selten gelingt es ihnen, eine Metaebene zur Musik selbst zu öffnen. Mit dem Begleitfilmchen zu A Little Uneasy schafft Amelia Murray alias Fazerdaze allerdings genau dies: ein Statement, das ihr Debütalbum ringsum in 3:36 Minuten auf den Punkt bringt. Auf dem Longboard durchfährt die Neuseeländerin ein Industriegebiet ihrer Heimat, das dem Klischee des exotischen Fernreiseziels komplett widerspricht. Zwischen Beton und Palmen ist es zwar hell und luftig, zugleich aber bewölkt und daher leicht trist. Die Alleinunterhalterin legt jedoch einen so fröhlichen Gitarrenpop über die Ödnis, dass es darin sonnig wird, ohne gleich zu brennen. 

Amelia Murrays Stimme mischt sich eher nüchtern bei, während die Gitarre ganz lässig die Tristesse des zivilisierten Alltags zerpickt. Mit Orgel, Bass und Samples entstehen daraus kleine Feierabendrevolten gegen den ewigen Selbstoptimierungsstress. Manchmal, ganz selten, ist ihr dabei zum Schreien zumute.



© Embassy of Music

San Cisco – The Water (Embassy of Music)

Man möchte niederknien vor der Naivität einer Band wie San Cisco, die den Irrsinn um uns herum mit munterem Trashpop einfach so fortspült. Als trieben Josh, Scarlett, Jordi und Nick aus dem freiheitsduftenden australischen Hafenkaff Fremantle den Missmut einfach ins Meer. Ihr drittes Album The Water durchbricht mit geslappter Gitarre und irrlichternden Keyboards alle Absperrungen, denn Kids, so heißt es im ersten Stück, Are Cool. Punkt. Das ist nicht tiefschürfend, es ist schon gar nicht klug, womöglich ist es sogar ein bisschen ignorant. Diese discotaugliche Lebenslust wirkt für 30 Minuten allerdings wirklich erholsam.



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Kasabian – For Crying Out Loud (Sony)

Seit ihrem Debütalbum vor 13 Jahren standen Kasabian mit ihren vier Platten ewig auf Platz eins der britischen Charts. Trotzdem wird das Werk der vier Schulfreunde aus Leicester meist von jenem artverwandter Britpopbands überschattet. Dabei sind Kasabian kreativer, vielschichtiger, mutiger als viele ihrer Kollegen.

Auf dem neuen Album tritt nun zum Beispiel der Gitarrist Sergio Pizzorno nun wieder aus dem Hintergrund zurück an die Bühnenkante und macht aus dem rasend erfolgreichen Electroclash von 2014 einen rasend Erfolg versprechenden zeitgemäßen Mix aus Melodyrock und Glampop. Da hallen die Shallalla-Choräle über breit verzerrte Nostalgieriffs, dass die Funken nur so sprühen, da peitschen Straßenköterparolen durch profane Liebeslyrik, bis es knallt.

Gleich zu Beginn etwa zapppelt ein feingliedriger Funk durch den Hochgeschwindigkeitstrash von Ill Ray, bevor You’re In Love With A Psycho exakt klingt, wie es heißt: nach einer Liaison mit dem Wahnsinn. Irre. Gut.