© Captured Tracks

Mac DeMarco – This Old Dog (Captured Tracks)

Mac DeMarco hat eine Zahnlücke und kommt aus der kanadischen Provinz Alberta, wo, so heißt es, die eine Hälfte über niemand anderen als ihn reden kann und die andere Hälfte kein Wort mehr über ihn hören will. Überraschend polarisierend, lassen sich große Gefühlsregungen in seiner Musik selbst doch kaum finden, auch nicht auf This Old Dog. Der Weisheit folgend, dass auch ein 27 Jahre alter Hund keine neuen Tricks mehr lernt, macht DeMarco einfach immer weiter seinen Folkpop, der von Drum-Machines und etwas Psychedelia gestützt wird.

Vergleiche mit Shuggie Otis und Steely Dan wirft DeMarco selbst gern in den Raum, auch Südamerika soll irgendwo zu hören sein. Schon auf dem passend betitelten Vorgänger Salad Days suchte DeMarco nach einer vergangenen Zeit, in der vielleicht alles etwas einfacher war. Auch auf dem neuen Album verabschiedet er sich flach säuselnd vom Gestern, ohne sich ein Morgen vorstellen zu können.

Das könnte natürlich harmloser nicht klingen, aber die regelmäßig bemühten Beschreibungen "Cabrio-Musik" oder "Spieleabend-Soundtrack" treffen den Kern dann doch nicht. Eher hören sich große Teile des Albums wie Titelsongs von Fernsehserien an, und zwar nicht die dreizehnstündigen Gesamtkunstwerke von heute, sondern bittersüße Rumhäng-Shows aus den Neunzigern, in denen jede Woche das Gleiche passiert.

Immerhin hat DeMarcos Gleichförmigkeit doch etwas wie ein Konzept. Im Kontext wirken dann gelegentliche Anklänge an Slow Jams aus den Siebzigern und Achtziger-Pop wie große Kunststücke. Und überhaupt klopft DeMarco gern leere Phrasen und Klischeeklänge auf ihre tiefere Bedeutung ab. Metamusik, die also nur über Vorbilder funktioniert und trotzdem nicht verhüllen kann, dass ihr Schöpfer ich-bezogen bis zur Selbstauflösung ist. Mac DeMarco, der Drake mit Gitarre?



© No Quarter

Joan Shelley – Joan Shelley (No Quarter)

Joan Shelley hingegen umgeht all die Fallen, in die Mac DeMarco stolpert. Die Singer-Songwriterin ist eine Größe in der Musikszene von Kentucky. Jetzt setzt sie zum Sprung an: Ihr, je nach Zählung, fünftes oder sechstes Album ist selbstbetitelt und vom Wilco-Kopf Jeff Tweedy produziert.

Es ist trotzdem ein kleines, intimes Album. Jeder Gitarrenstreich wirkt wie gemalt, und trotzdem staubt hier nichts. Als Songwriterin ist Shelley gerade dann präzise, wenn sie nur umschreibt, statt zu benennen. Weder entblößt sie sich, noch hüllt sie sich in Nebel. Ihre Stimme bringt Twang mit der traurigen Klarheit des ewigen Vorbilds Sandy Denny von Fairport Convention zusammen.

Es ist gar nicht so leicht, ohne Phrasen über dieses Album zu sprechen, wie das bei wahrer Schönheit manchmal so ist: Es ist zerbrechlich, selbstbewusst und sucht das Glück im Winkel. Hier wird keine Vergangenheit beschworen, Shelley verkleidet sich nicht als Bürgerkriegswitweoder Kentucky-Outlaw, die im Keller Schnaps brennt. Das ihr häufig verliehene Etikett "Traditionalistin" ist eine Auszeichnung: Joan Shelley macht einfach ewig gültige Musik.



© Rhymesayers

Brother Ali – All The Beauty In This Whole Life (Rhymesayers)

Für einen Rapper wie Brother Ali gibt es manchmal kein gefährlicheres Etikett als das des "richtigen Hip-Hops". Der Rhymesayers-Künstler aus Minnesota trat in den Bush-Jahren auf die Bühne und wurde als eine Rückkehr zu wahren Werten gefeiert. Ali ist weiß und ein Albino, als Jugendlicher ist er zum Islam konvertiert. Dort fand der ewige Außenseiter eine Heimat, und blieb als Rap-Humanist trotzdem auch dem Diesseits verpflichtet. Ohne Bosheit erzählte er von einer gescheiterten Ehe, ohne Selbstmitleid erkundete er die dunkelsten Ecken seiner Seele, fast ohne Bräsigkeit wagte er den Sprung zum Springsteen-haften Storyteller, ohne Paranoia oder Regression machte er politische Tracks.

Irgendwann verließ die Wut Alis Stimme, und auch 2017 auf All the Beauty In This Whole Life ist sie nicht zurückgekehrt, obschon die Texte Widerstand predigen. Über die ewig gleichen Beats seines Hausproduzenten Ant verkündet er Mut und Hoffnung. Noch immer gelingt ihm eigentlich Unmögliches, wie der Track Before They Called White, der die Geschichte des Weiß-Seins als Ideologie des Hasses erzählt, ohne Jargon oder Pathos. Doch es bleibt der Eindruck, dass Ali einfach nicht mehr so brennt wie früher. Aber einem ehemaligen Schmerzpatienten kann man schlecht vorwerfen, nicht mehr dorthin zu gehen, wo es weh tut.



© Parlophone

Paul Weller – A Kind Revolution (Parlophone)

Das neue Album von Paul Weller war – tatsächlich – in größeres Geheimnisgetue gehüllt und wurde der Presse im Vorfeld als namenloses Projekt eines "Mr. Jones" geschickt. Ist Paul Weller inzwischen also zu dem Mann geworden, von dem Bob Dylan 1965 wissen wollte, ob er eigentlich noch mitbekommt, was gerade passiert?

A Kind Revolution heißt das Projekt X. Der Titel ist eine doppelte Unwahrheit, denn der legendär unausstehliche Paul Weller war noch nie kind, nicht als rauer Teenager in The Jam, nicht als kluger Soul-Agitprop-Verschmelzer bei The Style Council. Schon damals ging es ihm um die Revolution. Aber wenn sie sich so wie dieses Album anhört, dann wird sie nur deswegen nicht im Fernsehen ausgestrahlt, weil es ZDF Kultur nicht mehr gibt.

Wer von der modernen Welt enttäuscht ist, der wird auf dem Album zwischen Irgendwie-Groove, Quasi-Soul und Wellers Geröhre sicher fündig. Harsch? Vielleicht. Weller wird es nicht kratzen. Der hat seine treuen Fans und seine perfekten Haare. Und natürlich hat er sich seine Eitelkeit auch verdient. Mit dem Album möchte er im Jetzt ankommen, ohne so recht zu wissen, wie das geht. Und der beste Moment gehört eh nicht Weller, sondern Robert Wyatt, der einen Song lang aus dem Ruhestand tritt.