© Ostgut Ton

Vatican Shadow: Rubbish of the Floodwaters (Ostgut Ton)

Frühlingsmusik für Menschen, die den Frühling nicht leiden können: Kaum jemand sonst aus den Gefilden der elektronischen Klubmusik und des Techno musiziert so verlässlich schlecht gelaunt, verfröstelt und soziophob wie Dominick Fernow. Seit Ende der neunziger Jahre hat er uns mit einer unübersehbaren Vielzahl an CDs, Schallplatten und Musikkassetten beglückt. Darauf veröffentlichte er unter wechselnden Namen wie Vatican Shadow, Rainforest Spiritual Enslavement oder Prurient wahlweise Industrial-Lärm, lichtlose Beatmusik oder Lo-Fi-Mikrofon-Feedback-Kreischen mit religiösen Gesängen. 

Bislang kombinierte er unter dem Namen Vatican Shadow vor allem farbenfreien Techno mit Samples aus sakraler Musik und militärisch-marschmusikartigen Rhythmen; die daraus entstehenden Stücke trugen dann Titel wie Kneel Before Religious Icons oder Washington Buries Al Qaeda Leader At Sea. Vor anderthalb Jahren ist Fernow aus New York nach Berlin umgezogen und wirkt dort nun als Resident-DJ im Berghain; auf dem dazugehörigen Label Ostgut Ton ist auch sein neues Album Rubbish of the Floodwaters erschienen. 

Dumpfe, von feuchtem Kerkerhall leicht verwaschene Rhythmen werden von gelegentlichem Peitschengeschnalze punktiert; darüber hört man schnarrend verzerrte Melodiefragmente, als habe Fernow einen schwer übersteuerten Kassettenrekorder an sein Mischpult geschlossen. Das ist alles hoch tanzbar und zugleich tief deprimierend; das Coverbild des Berliner Fotografen Christian Vagt zeigt den Hochsicherheitszaun um ein besonders berüchtigtes Internierungslager für geflüchtete Menschen vor den Toren Thessalonikis.



© 4AD / Beggars / Indigo

Aldous Harding: Party (4AD / Beggars / Indigo)

Rundum trübsinnig ist auch das zweite Album der neuseeländischen Chanteuse Aldous Harding. Es trägt den Titel Party, aber wenn Aldous Harding zum Feiern ruft, spüren die Gäste schon vor dem Betreten ihres rustikal furnierten Partykellers unter einem Reihenhaus jenes bleierne Gefühl hinter den Schläfenlappen, das sich von stickiger Luft, schweren Gesprächen über unerfreuliche Themen und willenlos komponierten Mixgetränken unweigerlich einstellen wird.

Aber was soll's, man hört ihr ja gern zu, wenn sie zu minimalistisch geplinkerter Gitarre, asthmatisch röchelnden Saxofontönen und ebenso entschlossen wie hoffnungslos in die Klaviertastatur gedrückten Mollakkorden von Liebesleid, Selbsthass, Sterben und dem sinnlosen Kampf gegen das Sterben singt. Auch die Sinnlosigkeit des Singens von Vögeln im Frühling und die Sehnsucht nach Selbstwertgefühlen spielt in dieser heiteren Kunst eine Rolle.



© Room 13

The Radiophonic Workshop: Burials In Several Earths (Room 13)

Begräbnisse in unterschiedlichen Arten von Erde sind wiederum das Thema des neuen Albums von The Radiophonic Workshop. Während Aldous Harding sich mit erlahmenden Kräften immerhin noch gegen das Sterben wehrt, wirkt diese Musik, als sei sie schon lange tot und klinge lediglich in verwehenden Fetzen aus dem Äther des Jenseits zu uns herüber.   

Auch in anderer Hinsicht weht einem hier die Ewigkeit an. Den Radiophonic Workshop gibt es nämlich schon seit 1958, damals gegründet von der BBC, die eine Riege von frei experimentierenden Synthesizerkünstlern und -künstlerinnen für die Komposition von Radio- und TV-Seriensoundtracks anheuerte, zum Beispiel von Doctor Who und Per Anhalter durch die Galaxis

Vor 20 Jahren wurde der Workshop von der BBC wegrationalisiert. Jetzt haben sich einige der Gründungsmitglieder wieder versammelt, um schwellende Töne, lichtloses Gebrumm, sanftes Stöhnen von frisch dekapitierten Jungfrauen und perlende Arpeggien von Modularsynthesizern, die wie funkelndes Sternenlicht klingen, zu bis zu 25 Minuten langen psychedelischen Trips zu verbinden. Eine Musik, die ebenso verpeilt wirkt wie elegant.



© Warp Records / Rough Trade

!!! (Chk Chk Chk): Shake The Shudder (Warp Records / Rough Trade)

Weitgehend unelegant und verklemmt wirkt hingegen der Versuch der aus Kalifornien kommenden Gruppe !!! (Chk Chk Chk), auf ihrem neuen und nunmehr siebten Album Shake the Shudder groovende Funkrhythmen mit unterkühltem No-Wave-Sprechgesang und mitgrölfähigen Stadionpoprefrains zu einem individuellen Stil zu verbinden.

Doch ist es, wie es schon immer im fast zwanzigjährigen Schaffen von !!! gewesen ist: Um wirklich zu grooven, sind die Rhythmen zu ausgedacht und zu maskulin. Und um sich zum amtlichen Mitgegröltwerden zu eignen, müssten die Stadionpoprefrains durch irgendeine Art von melodisch oder auch nur harmonisch interessanten Songdramaturgien vorbereitet werden. Werden sie aber nicht, weil !!! ihre Stellung zwischen songorientiertem Pop und repetitiv-trackorientierter Klubmusik weiterhin zur Ausrede nehmen, um sich in beiden musikalischen Strängen nicht auszuformulieren. So bleibt als individuelles Stilkennzeichen auch weiterhin nur der Eindruck eines in jedweder Hinsicht beklemmenden musikalischen Mittelmaßes.



© Kalakuta Soul Records

Homewreckers: Machine Kiss (Kalakuta Soul Records)

Dann lieber Machine Kiss, das hervorragende neue Album des deutschen Trios Homewreckers. Auch hier werden analoge und digitale Formen der Pop- und Klubmusikproduktion ineinander verschränkt. Doch geschieht dies in der historisch reflektiertesten und – vor allem – musikalisch lässigsten Weise, die man sich wünschen kann. Es gibt knickernde Funk-Rhythmen mit weich schwingenden Grooves darunter zu hören, aber auch kompetent geschnittene und zu Schleifen verflochtene Breakbeats mit einem sich aufgeregt um sich selbst drehenden Disco-Bass.

Die Eröffnungsstücke Revolution For The Hell Of It und To The Establishment verbinden ein energisch zum Höhepunkt strebendes, dann aber kurz vor der melodischen Explosion stets wieder kunstvoll verzögertes Hardbopgeorgel mit shuffelnden Technobeats. Toll! Von der dunkel-kühlen Tanzmusik aus Detroit und Chicago sind die Homewreckers ebenso inspiriert wie von der Hitze des alten Funk und Soul; auf sonderbare Weise ist ihre Musik organisch und eckig, angenehm warm und klinisch trocken zugleich.